von Brigitta Hochuli, 09.03.2014
Nie einfacher, Kultur zu geniessen

Humbert Entress, Verwaltungsratspräsident der 2008 gegründeten thurgau kultur ag, äussert sich im Interview zum Relaunch des Kulturportals thurgaukultur.ch. Sein ehemaliger Partner im Verwaltungsrat, René Munz, dankt ihm, dessen ehrenamtlichem Engagement das Gelingen dieses hochkomplexen Projekts in erster Linie zu verdanken sei.
Herr Entress, nach fünf Jahren gediegenem und liebgewonnenem Erscheinungsbild hat thurgaukultur.ch einen radikalen Layout-Wechsel vorgenommen. Was empfinden Sie beim Anblick der neuen Webseite?
Natürlich haben wir alle das alte Erscheinungsbild lieb gewonnen. Wenn ich nun aber das neue auf mich wirken lasse, dann empfinde ich Freude über ein besseres Design, mehr Fröhlichkeit, mehr Informationen bei gesteigerter Übersicht - also Freude über eine auch optisch sehr gelungene Neugestaltung unserer Seite.
Das Layout kann aber nicht der einzige Grund für die Neugestaltung sein. Warum war sie sonst noch nötig?
Die bisherige Lösung war an sich nicht schlecht, sie hatte aber einige Mängel und war in diesen Bereichen auch kaum weiter zu entwickeln. In erster Linie verursachte sie aber Tag für Tag ganz viel überflüssige und unsinnige Arbeit. Die zeitlichen Einsparungen, die wir uns vom neuen System erhoffen, werden andernorts dringend benötigt. Wir sind froh, wenn wir nicht unnötige Routine erledigen, sondern inhaltlich arbeiten können.
Die komplette Neuprogrammierung einer interaktiven Webseite mit Datenbank ist aufwendig. Was kostet sie und wer bezahlt sie?
Oh je - ja, aufwendig ist so eine Neuprogrammierung tatsächlich. Wie viel der Relaunch insgesamt gekostet hat, vermag ich gar nicht genau abzuschätzen, weil interne Kosten dazu nicht erfasst wurden. Im Aussenverhältnis kostet die Neuprogrammierung deutlich mehr als 100'000 Franken, die - wie unser Betrieb insgesamt - vom Kulturamt und der Kulturstiftung bezahlt werden. Durchaus selbstkritisch muss hier auch eingestanden werden, dass uns die Kosten davongaloppiert sind. Ohne die grosszügige Zusatzunterstützung der Kulturstiftung und ohne das Entgegenkommen von Kaden + Partner AG, also den Programmierern unserer neuen Seite, hätten wir es nicht geschafft. Umso grösser ist unsere Dankbarkeit für die Unterstützung.
thurgaukultur.ch will künftig ohne fremde Agenda-Daten auskommen. Warum?
Wichtig ist bei dem hohen Engagement, das thurgaukultur.ch fährt und das wir auch von unseren Partnern voraussetzen, dass die generierten Daten tatsächlich auch verfügbar bleiben. Die Zusammenarbeit mit unserem bisherigen Datenbank-Partner wurde zunehmend schwierig, zum Teil wurde sie auch ganz ernsthaft infrage gestellt. Dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen in der Ostschweiz wurde überlegt, ist aber leider gescheitert. Also war es das Richtige, nun selbst für diese Daten zu sorgen und sie auch zu verantworten.
Das heisst, Sie nehmen die Veranstalter vermehrt in die Pflicht. Ist das zumutbar?
Wir wollen eigentlich die Veranstalter gar nicht vermehrt in die Pflicht nehmen, sondern wir wollen in aller erster Linie eine Möglichkeit schaffen, einfach und attraktiv Veranstaltungen zu erfassen. Das muss so klar und so vernünftig sein, dass die Veranstalter, die ihre Daten ja ohnehin irgendwie weitergeben wollen, dies gern machen und sich auch unterstützt fühlen. Es wird uns ein grosses Anliegen sein, künftig dafür zu sorgen, dass alle bei uns liegenden Daten auch weiterverbreitet werden. Das ist allerdings noch einmal zusätzlicher Aufwand, dessen Finanzierung wir zuerst sicherstellen müssen.
Ein wichtiger Bestandteil des Kulturportals ist das Magazin. Was soll es an Mehrwert neben der Berichterstattung in der Tageszeitung und in anderen Printmedien bieten?
Der Mehrwert des Magazins wurde schon in den vergangenen Jahren deutlich: Auf unserem Kulturportal wird nicht nur berichtet, sondern auch diskutiert und gestritten. Wir sind schneller, interaktiver, können auf andere Medien zurückgreifen und sind überall abrufbar. Was unsere Redaktion hier in kurzer Zeit geschaffen hat, verdient grössten Respekt. Dass unser Magazin von den Printmedien immer öfter zitiert wird, spricht für sich selbst.
Kann das Magazin, bezahlt von Kanton und Kulturstiftung, redaktionell unabhängig sein?
Eine Redaktion, die nicht unabhängig ist, sollte ihr Büro besser schliessen. Die redaktionelle Unabhängigkeit muss dabei so selbstverständlich sein, dass man sie auch nicht durch bissige Angriffe auf Kanton oder Kulturstiftung unter Beweis stellen muss. Wenn aber ein Thema für unsere Gründungsmütter nicht ganz so schmeichelhaft ist, dann muss die offene Kommunikation durch die Redaktion einen grösseren Stellenwert haben, als die Beisshemmung gegenüber unseren beiden grossen Geldgeberinnen. Eine andere Haltung würde im Übrigen weder vom Kanton noch von der Kulturstiftung erwartet oder respektiert.
thurgaukultur.ch ist sehr aktiv auf Facebook und Twitter präsent. Glauben Sie an den Nutzen von Social Media?
Selbstverständlich glauben wir an den Nutzen von Social Media. thurgaukultur.ch ist ein Instrument der Kulturvermittlung. Heute wird gerade - aber nicht nur - in den Bereichen der jüngeren Kultur stark auf die sozialen Medien gesetzt. Wenn wir da mitmachen und so unseren Auftrag besser erfüllen, dann können und wollen wir nicht abseits stehen.
Ursprünglich war thurgaukultur.ch auch als Austauschplattform für Kulturschaffende und Kulturliebende gedacht. Sind Sie diesbezüglich zufrieden?
Nein, mit unseren Blogs und anderen Foren, die wir gerne angeboten hätten, bin ich nicht ganz zufrieden. Wir haben diese ursprünglich mit Initialtexten angestossen, was vielleicht schon ein Fehler war. Aber es darf auch festgestellt werden, dass häufig dann, wenn es wirklich etwas zu diskutieren gab, sich diese Diskussion auf unserer Seite entwickelte. Wir werden dafür sorgen, dass dies weiterhin möglich ist und wir freuen uns, wenn der Austausch noch stärker hin und her wogt.
thurgaukultur.ch ist ein jeweils für drei Jahre bewilligtes Projekt. Wie sicher ist die Fortführung?
Die Fortführung unseres Projekts ist nicht sicher - aber wir können durch ein überzeugendes Produkt die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass wir auch in der nächsten Phase des kantonalen Kulturkonzepts unsere Arbeit weiterführen dürfen.
Wenn Sie für die Nutzer und Kulturveranstalter eine schlagendes Argument zu den Vorteilen von thurgaukultur.ch formulieren müssten, wie lautete es?
Es gibt etwas, über das ich mich als Kulturinteressent genauso ärgere wie als Kulturveranstalter: Etwas Interessantes hat stattgefunden, ohne dass ich davon wusste. thurgaukultur.ch bietet die Möglichkeit, sich sehr einfach über das vielfältige Kulturgeschehen im Kanton zu informieren, man erhält Tipps, man kann selber recherchieren, man wird aufmerksam gemacht oder kann abholen. Ich kann mich im Vornherein orientieren, oder im Nachhinein andere Meinungen erfahren. Ich kann nachschlagen, nachlesen - sogar meine Meinung kundtun. thurgaukultur ist extrem ausbaufähig, es dient der Kultur und allen, die Kultur lieben. Nie war es einfacher, das kulturelle Leben unseres Kantons tatsächlich zu geniessen und nie gab es ein Werbeinstrument für kulturelle Anlässe, das so effizient war.
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Dank und Wunsch von René Munz, ehemaliger Kulturamtchef Thurgau und Verwaltungsrat thurgau kultur ag
„Was im ersten Kulturkonzept des Kantons Thurgau 2004 mit einer Idee begonnen hat, wurde 2009 realisiert und ist jetzt in spürbar verbesserter Ausführung online: ein virtueller Informations- und Speakers-Corner für Kultur im Thurgau. Hinter der Realisierung dieses Portals steckt sehr viel Ausdauer, Überzeugungsarbeit und ein hochkomplexes Projekt, an dem viele Personen mitgedacht, mitgearbeitet und mitgestaltet haben. Aber keiner hat sich mit mehr Ausdauer und Durchhaltevermögen für dieses Portal eingesetzt wie Humbert Entress. Es ist in erster Linie seinem ehrenamtlichen Engagement als Verwaltungsratspräsident zu verdanken, dass es dieses Portal gibt und dass es jetzt in verbesserter Form und Funktion allen zur Verfügung steht, die sich für Kunst und Kultur in diesem Kanton interessieren. Ein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Es bleibt ein zweiter: dass das Portal mit allen seinen Möglichkeiten und Chancen auch intensiv genutzt wird.“ |
KOMMENTAR *
von Jürg Schoop・vor einem Monat
Herr Entress, tönt ja wie eine Schalmei in den Ohren...!
* Seit März 2017 haben wir eine neue Kommentarfunktion. Die alten Kommentare aus DISQUS wurden manuell eingefügt. Bei Fragen dazu melden Sie sich bitte bei sarah.luehty@thurgaukultur.ch
Kann das Magazin, bezahlt von Kanton und Kulturstiftung, redaktionell unabhängig sein?

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