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von Jana Mantel, 25.03.2026

Neues Kunstprojekt schickt erste Signale über den See

Neues Kunstprojekt schickt erste Signale über den See
Pünktlich zum Aufbau verzog sich der Nebel zur Freude aller Helfer vlnr Leo und Rolf Gsell, Judit Villiger und Boris Petrovsky | © Jana Mantel

Die Freiluft-Ausstellung «hänne und dänne» verbindet zwei Länder über den Bodensee – mit ungewöhnlichen Signalen, spannenden Ideen und einer Installation von Boris Petrovsky, die schon jetzt neugierig macht.

Endlich ist es so weit. Die Kunst hat den See wieder. Oder der See hat die Kunst wieder. Egal. Fest steht, dass es ein grosses Glück ist, dass es endlich einmal wieder ein Kunstprojekt gibt, das den Bodensee einbezieht, mit ihm spielt, ihn einbindet. Ein weiteres Glück ist auch, dass mit dem Kunstprojekt «hänne und dänne» – Start ist am 1. Mai – zwei Länder verbunden werden, die durch den See getrennt sind.

Die Schweiz und Deutschland liegen am Untersee, rein geografisch gesehen, so nah beieinander wie sonst nirgends rund um den gesamten Bodensee. Sprachlich gesehen sieht das etwas anders aus. Schon der Titel des Kunstprojekts wirft Fragen auf: Ist mit «hänne» (gesprochen: henne) irgendein Federvieh gemeint? Was soll «dänne» bedeuten? Nun, auf der eigens für das Kunstprojekt entstandenen Homepage bekommt man folgende kurze Erklärung:

Was das Projekt erreichen will

Der hochalemannische Begriff «hänne und dänne» – hüben und drüben – verweise auf die sprachliche Nachbarschaft, die das deutsche mit dem schweizer Ufer des Untersees verbindet. So weit, so gut, wichtiger erscheint folgende Information:

«Hänne und dänne» steht derzeit einem Vorhaben Pate, das vier Orte zu beiden Seiten des Sees betrifft: Berlingen, Gaienhofen, Hemmenhofen und Steckborn. Das Projekt soll die Region an ihre kulturelle Verwandtschaft erinnern, sie vernetzen und ihr durch die Kunst neue Impulse verleihen. Ob das gelingt, können Besucher ab dem 1. Mai beurteilen. Bis zum 27. September kann Kunst jederzeit zugänglich entlang öffentlicher Wege betrachtet werden.

 

Sechs Betonplatten mit je 13 Kilogramm mussten zum Stabilisieren des Kunstwerks auf das Dach. Leo Gsell und Judit Villiger helfen. Bild: Jana Mantel

Die erste Installation steht bereits

Judit Villiger ist die treibende Kraft hinter dem aufwendigen Projekt und sagt, dass der Aufbau eigentlich erst ab der ersten Aprilhälfte starten sollte. Theoretisch jedenfalls. Praktisch ging es bereits am vergangenen Samstag los, denn Boris Petrovsky, einer der ausgewählten Künstler, musste früher ran.

Seine Installation «Seemaphorische Gespräche / Gebärden» / Steckborn war von Anfang an für ein Dach in Steckborn geplant. Am Ende wurde es ein Privathaus, dessen Bewohner nur noch an diesem einen Wochenende Zeit für den Aufbau der Installation hatten, und diese Möglichkeit wurde genutzt. Die kunstaffine Familie Marianne Guhl und Rolf Gsell stellen bis September das Dach ihres Hauses zur Verfügung und zeigten sich an diesem Samstagmorgen nicht nur entspannt, sondern halfen tatkräftig mit.

 

Alle Einzelteile der Skulptur mussten durch diese Dachluke. Bild: Jana Mantel

Kunst zum Zusammenbauen

Bei strahlendem Sonnenschein konnte es dann auch direkt losgehen mit dem Transport der Einzelteile in das oberste Geschoss des Wohnhauses. Dazu gehörten auch sechs stabilisierende Betonplatten mit jeweils 13 Kilogramm, die per Schubkarre und dann händisch in bewährter Kettenvariante mit vier Helfern über eine Leiter zum Dach transportiert wurden. Boris Petrovsky erklärt: «Es war von Anfang an klar, dass meine Skulptur zerlegbar sein muss.»

Mit der Zusage des finalen Standortes hatte er noch einmal seine Idee angepasst. Herausgekommen ist eine Installation, die über den See winkt und wirkt. Zwei rot-weisse Fluchtstäbe in direkter Sichtachse Steckborn / Gaienhofen winken sich einander zu. Wie das geht?

«Technik als Narrativ», erklärt der Konstanzer Künstler Petrovsky, der eine Affinität zu Technik nicht verneint. «Die Bewegung der Stäbe ist essenziell, vor allem ist sie nicht komplett eindeutig gesteuert.» Das heisst, die Stäbe, einer in Steckborn, einer in Gaienhofen, bewegen sich nicht zielgerichtet hin und her oder in einem Kreis, sondern folgen einer ganz eigenen Dynamik.

 

Boris Petrovsky konstruierte seine Arbeit so, dass man sie gut zerlegen, transportieren und allein aufbauen kann. Bild: Jana Mantel

Winken über den See

Es sei eine minimale Geste, die die Besucher auf dem Dach interessieren soll, so Petrovsky. Er selbst war seit Kindertagen viel auf dem See unterwegs und fühlte sich von Anfang an angezogen von der Projektidee «Hänne und Dänne». Warum?

Der Untersee sei ein besonderer Ort, eine besondere Kulturlandschaft, hört man ihn erzählen, und dann sagt er noch etwas: Es gehe ihm auch um das Thema Grenze.

«Grenzen haben eine wichtige Bedeutung», sagt Petrovsky und schiebt nach: «Man kann sie überwinden, sie sind also nützlich und sinnvoll.»

 

Absprachen in den Transportpausen Rolf Gsell und Judit Villiger. Bild: Jana Mantel

Was den Künstler Boris Petrovsky interessiert

Zudem interessiere er sich ohnehin und schon immer für Signale, Zeichen, für die archaische Sprache, die lange Zeit Menschen verbunden hat. Da wurde in Bergdörfern mit weissen Bettlaken gewedelt, wenn Hilfe benötigt wurde, es wurden Flaggen gehisst oder gehupt, um auf sich aufmerksam zu machen. «Mir geht es um die ästhetische Wahrnehmung von Signalen, Form und Inhalt werden neu interpretiert», erzählt er.

Bei alldem drängt sich eine Frage auf: Darf man ein Warnsignal überhaupt einfach nur anschauen? Kann ein rot-weisser Fluchtstab schön oder zumindest ansprechend sein? Oder müssen diese Dinge nur ihre Funktion erfüllen?

Der Auswahlprozess brauchte seine Zeit

Ansprechend fand diese Idee jedenfalls die Jury des Projekts, bestehend aus Lisa Kull (Präsidentin Verein «hänne und dänne», Berlingen), Judit Villiger (Künstlerin und Kuratorin Haus zur Glocke, Steckborn), Andreas Gabelmann (Kunsthistoriker, Radolfzell) sowie den beiden Externen Josiane Imhasly (Kunsthistorikerin, Zürich und Wallis) und Brita Polzer (Kunsthistorikerin, Zürich).

Bereits im Dezember hatte sie sich an die Auswahl von 116 eingegangenen Bewerbungen von Kunstschaffenden gemacht. Aus dieser Fülle an Dossiers einigte sie sich in einem aufwendigen Prozess auf 15 Bewerbungen. Neben Boris Petrovsky wurden folgende Künstler ausgewählt:

 

Die Liste der ausgewählten Künstler:innen

Frank Altmann, Rottweil (D)
Felix Bockemühl, Taisersdorf (D)
Patricia Bucher, Zürich (CH)
Gianin Conrad, Domat/Ems (CH)
Beate Frommelt und Carla Hohmeister, Zürich (CH)
Rebecca Koellner, Konstanz (D)
Stefanie Koemeda, Wien/Ermatingen (AT/CH)
Vera Marke, Herisau (CH)
Ursula Rutishauser, Untersiggenthal (CH)
Joke Schmidt und Miriam Rutherfoord, Zürich (CH)
Felix Stöckle, Biel (CH)
Hanes und Marisa Sturzenegger, Lichtensteig (CH)
Anna von Siebenthal, Wagenhausen (CH)

Auf dem Dach nahe des Kreisels in Steckborn ist die Arbeit von Boris Petrovsky zu sehen. Bild: Jana Mantel

Eine Fährfahrt als Gründungsmythos

Entstanden sei die Idee zum Projekt auf der Höri-Fähre. Lisa Kull, Präsidentin des Berlinger Dorfvereins, und Sabine Giesler, Tourismusfachfrau aus Gaienhofen, fanden beim Gespräch heraus, dass beide immer auf der Suche nach Möglichkeiten gewesen seien, die Kultur am Untersee aufzufrischen.

Ihre Vision klang so simpel wie einleuchtend: Das Verbindende sollte zwischen beiden Ufern mit Hilfe von Kunstprojekten belebt werden.

Dabei knüpften die Initiatorinnen an alte Traditionen an: Bereits im vergangenen Jahrhundert gab es intensive Beziehungen zwischen den drei Gemeinden. Es wurde getauscht, gehandelt, geschmuggelt. Die Fähre brachte Höri-Bewohner zur Arbeit nach Steckborn in die Bernina und zurück. Noch heute ist die Schifffahrt zwischen den drei Gemeinden etwas Verbindendes und ermöglicht ein Miteinander des «Hüben» und dem «Drüben», des «Hänne» und des «Dänne».

 

Und fertig ist das Kunstprojekt: Boris Petrovskys Seemaphorische Gespräche- Gebärden ist nun installiert. Bild: Jana Mantel

14 Künstler:innen mit 23 Positionen

Mithilfe der Kulturstiftung des Kantons Thurgau und der Beteiligung der drei Gemeinden Berlingen, Steckborn und Gaienhofen-Hemmenhofen sowie der grossen Resonanz seitens der Künstler startete man schliesslich und einigte sich auf 14 Künstler, die insgesamt 23 künstlerische Positionen zeigen. Neun davon sind in Steckborn zu sehen, eine davon thront bereits jetzt auf dem Wohnhausdach nahe des Kreisels in Steckborn.

Das Programm zur Ausstellung

Während der Laufzeit (1. Mai bis 27. September 2026) wird es ein Rahmenprogramm geben, das interessierten Besucherinnen und Besuchern sowie zufällig Vorbeikommenden die verschiedenen künstlerischen Positionen näherbringt. An den einzelnen Wegstationen informieren Hinweistafeln über die jeweiligen Beiträge; ergänzend werden auf einer Website vertiefende Inhalte zu den einzelnen Stationen bereitgestellt.

 

Geführte Spaziergänge mit fachkundigen Begleitpersonen, Schifffahrten zwischen den beiden Seeufern (die Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein bietet im Sommer drei vergnügliche Hänne-und-Dänne-Fahrten mit Musik und Landgang an: Sonntag, 21. Juni 2026 / Sonntag, 28. Juni 2026 / Sonntag, 5. Juli 2026, mehr dazu hier) sowie Veranstaltungen zur Vernissage, Finissage und Begehungen in den beteiligten Gemeinden sollen den gemeinsamen Auftritt im öffentlichen Raum unterstützen und den Austausch fördern.

 

Für Schulen wird ein spezifisches Vermittlungsangebot erarbeitet. Zudem können Gruppen ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Programm buchen.

 

Frauenpower

Hinter dem Projekt «hänne und dänne» stehen fünf Frauen, die den Vorstand bilden:

·       Präsidentin Lisa (Anna Elisabeth) Kull, Berlingen (CH)

·       Dr. phil. Judit Villiger, Steckborn (CH)

·       Sabine Giesler, Gaienhofen (DE)

·       Clara Andrés, Homburg (CH)

·       Carmen Jonas, Gaienhofen (DE)

·       Dr. phil. Yvonne Istas, Bodman-Ludwigshafen (DE)

 

 

 

 

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