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von Inka Grabowsky, 02.09.2026

Mythen in Pixelform

Mythen in Pixelform
Musiker mit einem Faible für Computerspiele - Phaidon Berdelis hat ein Spiel entwickelt, in dem man Ostschweizer Mythen erleben kann. | © Inka Grabowsky

Der Frauenfelder Game-Designer Phaidon Berdelis nutzt Ostschweizer Mythen und Legenden für ein neues Computerspiel.  Im Werk2 in Arbon kann man bei der «Sehnsucht-Mythos»-Ausstellung eine Testversion ausprobieren. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

«Bloomstone ist ein Action-Adventure-Spiel, in dem immer wieder mal Detektivarbeit geleistet werden muss», sagt Phaidon Berdelis. «Kämpfe sind ein fester Bestandteil, aber nicht der Hauptfokus, also ist es weder ein ‹Hack and Slash› noch ein ‹Jump and Run›». Der Frauenfelder zeigt die Alpha-Version in der Ausstellung «Sehnsucht Mythos – Wie Geschichten unsere Welt gestalten» im Werk2 in Arbon. 

Die Zielgruppe sind Geschichtsinteressierte im Alter von 14 bis 60 Jahren. «Man muss etwas überlegen. Je nachdem, wie man handelt, entwickelt sich die Geschichte in die eine oder andere Richtung.» 

Wer sich beispielsweise in einen Schwertkampf verwickeln lässt – und der Spielentwickler hat dafür gesorgt, dass diese dynamisch und annähernd authentisch ausfallen – riskiert zu verbluten und damit das Spiel vorzeitig beenden zu müssen. Überlebt man, kann man anhand eines roten Fadens echte und ausgedachte Legenden der Ostschweiz nachspielen. 

 

Ohne Kampfszenen geht es nicht, aber die Spielenden riskieren ein vorzeitiges Ende. Bild: Berdelis

Schauplätze des Spiels sind real existierende Orte

Der Name des Spiels bezieht sich auf den «Blumenstein», einen Sandsteinfelsen beim Schollenholz nahe Frauenfeld, auf dem im Spätmittelalter eine Burg stand. Die Geschichte beginnt in Strass, einem Weiler westlich von Frauenfeld, durch das eine römische Strasse führte. 

Einen «Aufhocker» – eine Art koboldartiger Geist – lässt er in Elgg (bei Winterthur) auftreten. «Alle Orte im Spiel gibt es wirklich. Ich nutze also eine akkurate historische Kulisse, in seltenen Fällen treten historische Figuren in Erscheinung, aber ich löse mich weitgehend von historischen Ereignissen.» 

 

Mit dem Game-Controller in der Hand kann man durchs Frühmittelalter wandern. Bild: Inka Grabowsky

Die Handlung ist historisch ungefähr korrekt

Entwickelt haben die Storyline zwei Freunde des Game-Designers: Roland Kaiser und Thommy Werner. Der Historiker Franco Romano betreibt Recherchen und überprüft die Fakten. Die Schwertkämpfe werden vom Experten Michael Schweizer angeleitet. «Wir sind im Austausch miteinander, welche Geschichte sich erzählen und darstellen lässt. Die Umsetzung liegt danach bei mir. Drachen, die in einer Höhle auf einen Helden warten, gibt es deshalb wohl eher nicht.» 

Phaidon Berdelis versetzt die Spielenden ins Jahr 994. «Das Jahr habe ich bewusst ausgewählt. Es gibt noch fast kein Game, das im Frühmittelalter spielt. Und weil relativ wenig schriftlich überliefert ist, ist die künstlerische Freiheit grösser: Ich habe mehr Platz für Mythen.» 

So liess er sich zum Beispiel vom Latärifest inspirieren. In Islikon gibt es die Legende vom brennenden Bach, die sich auch im Ortswappen wiederfindet: 

 

Das Wappen von Islikon erzählt eine Geschichte.

 

Beim Fest wird ein Vers skandiert: 

«Fürio, de Bach brännt.
d’Isliker händ en aazündt,
d’Chefiker chömed cho lösche
mit hunderttuusig Frösche»

Den Vers nimmt Phaidon Berdelis wörtlich: «Im Computerspiel übernimmt man den Auftrag, das nervige Quaken der Frösche im Tegelbach abzustellen. Als Spieler oder Spielerin steht man vor der moralischen Entscheidung, entweder die Tiere in den Egelsee umzusiedeln oder mit Talg vom Kerzenzieher den Bach anzuzünden. Das entspricht dann der mündlich überlieferten Mär, dass die Kefiker den Bach mit Fröschen gelöscht haben.» 

 

Die Aufträge bekommt der Avatar in Sprechblasen-Dialogen. Bild: Berdelis

Hartes Leben von 1030 Jahren

Wenn Berdelis von einer «spannenden Zeit» spricht, ist es ein Euphemismus: Nach dem Zerfall der karolingischen Ordnung herrscht Unsicherheit. Unter anderem die Magyaren plünderten halb Europa aus. Die Warnung von Wiborada vor dem Überfall in St. Gallen (926) war noch nicht lange her. «Ich nutze auch die Angst vor Veränderung, die mit der Jahrtausendwende verbunden ist», so der Gamedesigner. «So etwas wie eine Endzeitstimmung hat es damals gegeben.» 

Man leitete aus der biblischen Offenbarung des Johannes ab, dass die Welt tausend Jahre nach Christi Geburt (wahlweise seiner Kreuzigung) untergehen würde.  Die zeitliche Ansiedlung im Frühmittelalter hat aber auch pragmatische Gründe: Damals gab es in der Ostschweiz noch kaum Burgen. (Altenklingen ist eine Ausnahme). Die Umgebung ist also einfacher darzustellen. Die Kleider waren auch weniger aufwendig. Für den Grafiker gibt es weniger Fehlerquellen. 

 

Ein Trailer zum Spiel vermittelt erste Eindrücke. 

Punkte sammeln kann man in dem Spiel nicht

Der Frauenfelder setzt in seinem Spiel auf intrinsische Motivation. Man bekommt während 10 bis 15 Stunden Spielzeit einen Eindruck von Ostschweizer Mythen und Legenden. Er wolle auf unterhaltsame Weise ein Gefühl davon vermitteln, wie es damals gewesen sein könnte. Erfahrungspunkte oder Levelaufstieg gibt es nicht. 

«Das ist zugegebenermassen ein Knackpunkt. Punkte sammeln ist oft die treibende Kraft in einem Spiel, in Bloomstone würde dies aber die Immersion zerstören.» Das Spiel böte dafür Survival-Mechaniken, in dem man neben Krankheit, Vergiftung oder Kälte auch auf den Durst und Hunger achten müsse. Wobei letzteres in Äpfeln angezeigt wird – so viel Thurgau-Klischee muss sein. 

Eigentlich ist er Musiker - mit einem Faible für Computerspiele

Berdelis ist kein gelernter Gamedesigner, sondern eigentlich Musiker mit einem Faible für Computerspiele. Deshalb reizte ihn das Projekt. «Im Designen von Computerspielen kommt alles zusammen, was ich gerne mag. Ich führe die Regie wie in einem Film. Ich komponiere den Soundtrack, kann meine Message weitergeben, und vor allem sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.» 

Vor seinem Job im Technorama in Winterthur habe er als alleinerziehender Vater 15 Jahre in einem Teilzeitpensum in einem Büro gearbeitet, erzählt er. «Beim Schreiben von Produktionsanleitungen habe ich herausgefunden, dass ich gerne programmiere. Man muss auch dort ganz genau aufschreiben, wann man was zu machen hat.» 

Autodidaktisch brachte er sich das Game-Design bei – ganz nebenbei hat er dabei sein Englisch verbessert, weil es die Lern-Videos eben nicht auf Deutsch gab. 

 

In dem Spiel steckt jahrelange Arbeit - und viel Geld

 

Noch hat Phaidon Berdelis nicht alle Szenen beisammen. Bald beginnt das öffentliche Spiel-Testen auf der Vertriebsplattform «Steam».  Sobald es startet, bekommen angemeldete Interessenten eine Nachricht. Der Entwickler hofft, dass viele «Bloomstone» auf ihre Wunschliste setzen. «Mit dem gesammelten Feedback möchte ich eine gute Demoversion veröffentlichen, möglichst viele Einträge in der Wunschliste sammeln und Ende Jahr den Verkauf der Early Access-Version auf der Vertriebsplattform starten.» 

Der Early Access, also der frühe Zugang zum Spiel, dient dazu, den Entwickler dabei zu unterstützen, das Spiel fertig zu stellen. Im Gegenzug erhält der Käufer das Spiel vergünstigt und kann es schon vorzeitig spielen.  Der «Full Release» ist im April/Mai 2027 geplant, acht Jahre nach der ersten Idee.  

Alles in allem wird Phaidon Berdelis über 300`000 Franken investiert haben – eigene Ersparnisse, Unterstützung von der Familie und Förderbeiträge vom Thurgauer Lotteriefonds, von der Thurgauischen Kulturstiftung Ottoberg sowie dem Kulturamt Schaffhausen, weil eine Szene in Schaffhausen spielt. «Ich bin froh, wenn ich mit einer schwarzen Null dabei herauskomme. Das Ziel ist aber das Spiel erfolgreich genug zu vermarkten, um es erweitern zu können oder ein neues Projekt zu realisieren.»

 

Mehr zur Ausstellung

«Sehnsucht Mythos – Wie Geschichten unsere Welt gestalten» im Werk2 in Arbon läuft noch bis 22. November 2026. Die Ausstellung erzählt in Arbon vielschichtig von Legenden. Und demonstriert quasi nebenbei, welche Kraft das hier wachsende Museum haben könnte. Unsere Besprechung der Ausstellung gibt es bei uns im Magazin.

Video: arttv.ch über die Ausstellung

 

 

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