von Inka Grabowsky, 10.08.2026
Erinnerungen an die Gründung des Bodmanhauses

Jubiläen bieten willkommene Anlässe, längst vergessene Themen wieder einmal aufzugreifen. Das gilt nicht nur für Magazinartikel. Das Bodmanhaus in Gottlieben verdankt seine Existenz als Zentrum für Literatur ebenfalls einem Jubiläum. (Lesedauer: 6 Minuten)
Fünfzig Jahre waren seit dem Tod des Dichters Emanuel von Bodman 1996 vergangen, und die Gottlieber Lokalhistorikerin Esther Bächer nahm dies zum Anlass, im Gemeindehaus – nur ein paar Schritte entfernt von seinem Zuhause – eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk zu realisieren. Das Haus selbst war damals leer und baufällig.
1961 war es an die Familienstiftung der von Bodmans in Bodman gegangen mit zwei Auflagen: lebenslanges Wohnrecht für Clara von Bodman, der Witwe des Dichters, und die Einrichtung einer Gedenkstätte. 1982 starb Clara. Ein Umbau wurde möglich, doch der Familienstiftung fehlten die Mittel. „Sogar ein Verkauf stand zur Debatte“, so Peter Grimm, der ehemalige Gemeindepräsident von Gottlieben. Der Auftrag drohte also zu scheitern – bis eben die Ausstellung Emanuel von Bodman wieder ins Bewusstsein rückte. Der Literaturwissenschaftler (und Pressesprecher der Stadt Konstanz) Walter Rügert legte Bodmans Erzählungen und Novellen neu auf, und Robert Holzach begann sich mit dem Haus zu befassen.
Persönliche Beziehung half
Der frühere Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bankgesellschaft, der auch das heutige UBS-Ausbildungszentrum auf dem Wolfsberg initiierte, war in Kreuzlingen aufgewachsen und ging in Konstanz ins Gymnasium. „Mitte der dreissiger Jahre als Zwölfjähriger fasste er dort den Auftrag, den jährlichen Mitgliedsbeitrag für die ‹Freunde des Heinrich-Suso-Gymnasiums› bei Emanuel von Bodman in bar abzuholen“, erzählt Peter Grimm. Holzach wusste also schon, um was es ging, als er 1995 von einem Freund aus der Militärzeit darum gebeten wurde, zur Rettung des Hauses beizutragen.“
Sein Nutzungskonzept als «Haus des Buches und der Literatur» stellte er beim Einwohnerverein vor. „Er konnte überzeugen, begeistern und mitreissen“, so Peter Grimm. Die Thurgauische Bodman-Stiftung als Trägerin wurde 1996 gegründet. Im Gegenzug für die Renovation und den Unterhalt der Gedenkstätte bekam die Stiftung das Eigentum unentgeltlich übertragen. „Dabei hatte Wilderich Graf von und zu Bodman von Seiten der Familie eine massgebliche Rolle“, sagt Grimm.

Von Kindesbeinen an
Peter Grimm kam qua Amt in den Stiftungsrat. „Ich war gerade zum nebenamtlichen Gemeindeammann gewählt worden. Dr. Holzach hat mich gleich als Vertreter der Gemeinde verpflichtet, weil es jemanden vor Ort brauchte. Ich wusste nicht, was auf mich zukam – aber ich habe sehr viel gelernt.“ Tatsächlich war die Stiftung gar nicht der erste Berührungspunkt Grimms mit dem Haus. „Ende der sechziger Jahre hatte ein Schulkollege dort im ersten Stock gewohnt, direkt unter dem Clärle, also Clara von Bodman. Ich war dort, um ein Platte von Bill Ramsey zu hören – und schon damals merkte ich, dass das Haus begann zu verfallen.“
Emanuel von Bodmans Schmetterlinge
Das Amt für Denkmalpflege und ein Mitarbeiter des Historischen Museums erstellten 1996 ein Inventar. Berührend ist eine Notiz von Bodman, die sie fanden: „Schont bitte die Wohnung und die Bücher und Dichtungen des Dichters Emanuel von Bodman. Schont mein Haus! Schont meinen feuergeschützten Kasten (er handelt sich um eine grossartige Schmetterlingssammlung), der einen Teil meines Lebenswerkes enthält, das später der Allgemeinheit gehört.“ Dieser Bitte wurde entsprochen: Sein Haus und seine Wohnung wurden nicht nur geschont, sondern auch verschönt.
Sein literarischer Nachlass liegt im Schiller-Nationalmuseum in Marbach. Und die dreissig Kästen mit 2'525 Schmetterlingsbelegen werden im Naturmuseum Thurgau aufbewahrt. „Sie sind ein wertvolles Archiv für die Wissenschaft“, sagt Sammlungskuratorin Barbara Richner. „Wir haben Bodmans minutiöse Angaben zu Fundorten und -Zeiten digitalisiert. Zusammen mit den Daten aus vielen anderen Schmetterlingssammlungen, die wir erhalten haben, kann man ablesen, wann welche Art wo lebte – oder verschwand.“
Alte Würde statt neuer Glanz
Die Stiftung brachte 2,2 Millionen Franken auf, um das Haus zu sanieren, das Arbeitszimmer als Gedenkstätte zu bewahren, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume bereitzustellen, die Hand-Buchbinderei im Erdgeschoss einzurichten sowie zwei Mietwohnungen und das Studio einzubauen. Die Wohnungen tragen über den Mietzins zum allgemeinen Unterhalt bei. „Entscheidend war der Satz der Denkmalpflege ‹Das Haus soll nicht in neuem Glanz erscheinen, sondern in alter Würde›“, betont der Stiftungsrat der ersten Stunde, der von sich selbst sagt, nur wenig an Literatur interessiert zu sein. „Ich fühlte mich nie für das Programm, sondern nur für die Infrastruktur verantwortlich – und das schon aus Eigeninteresse als Gottlieber. Das Haus am Dorfplatz 1 ist schliesslich optisch prägend.“
Mittlerweile sei die anfängliche Skepsis in der Bevölkerung breiter Akzeptanz gewichen. „Die Leute waren genervt. Seit den achtziger Jahren hatte es ja immer wieder Versuche gegeben, das Bodmanhaus zu beleben. Nun gibt es viele lokale Nutzer.“ Die finanziellen Beiträge zur Renovation von Kanton und Gemeinde nach dem Heimatschutzgesetz, die die Gelder von Sponsoren ergänzten, haben sich also gelohnt.
Viel investiert
Im April 2000 eröffnet das Bodmanhaus als drittes Literaturhaus der Schweiz – nach Zürich und Basel. Fertig ist es aber nie. „Es ist ein altes Haus“, seufzt Grimm. „Gerade mussten wir nach zwanzig Jahren den Lift ersetzen. Das kostet rund 65'000 Franken.“ Im Laufe der Zeit haben viele Menschen nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit in das Haus investiert. Für Peter Grimm beispielsweise war es dreissig Jahre lang ein Teil seines Lebens, bis er Anfang des Jahres offiziell als Stiftungsrat verabschiedet wurde. „Für die ersten Versammlungen, die immer in der Generaldirektion des Bankvereins in Zürich stattfanden, musste ich einen Tag meines Ferienkontingents opfern. Und allein die Baukommission hat 52-mal getagt, bis auch die Vorhangstangen oder die Stuhlfarben durchdiskutiert waren. Ich habe es mit Vergnügen gemacht. Wenn ich das heutige Ergebnis sehe, dann würde ich es wieder tun. Und ich freue mich, dass sich immer wieder Leute finden, die die Idee weitertragen.“
Sommerfest am 15. August 2026
Am 15. August feiert das Bodmanhaus sein Sommerfest. Um 16.30 Uhr startet das Programm für Kinder von 3 bis 7 Jahren. Gegen 5 Franken Eintritt können sie eine Geschichte miterleben, die Leseanimatorin Natalie River und Schauspieler Benjamin Heutschi inszenieren. Um 18.30 Uhr können sich die Erwachsenen mit «Lemusa» auseinandersetzen. Die Insel wurde vor 25 Jahren vom Zürcher Autor Samuel Herzog erfunden und in sieben Bänden beschrieben. Auch hier kostet der Eintritt 5 Franken.
Weitere Informationen: https://literaturhausthurgau.ch/sommerfest-im-literaturhaus/

Von Inka Grabowsky
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