von Inka Grabowsky, 24.08.2026
Getanzte Geschichten im Seeburgpark

Kaum haben die Artist:innen des See-Burgtheaters den Park am Bodensee verlassen, kann man sich auf die nächste Attraktion dort freuen. In einem Zirkuszelt gibt es ab 26. August Tanztheater, bei dem – ohne grosse Worte – poetische Geschichten erzählt werden.
Die Zusammenarbeit von mehreren Akteur:innen, die jeweils unterschiedliche Komponenten beitragen, aber alle ein gemeinsames Interesse haben, macht das Zirkus-Erlebnis möglich. Die Compagnie Roikkuva wird gemeinsam mit dem Rigolo Tanztheater und der Musikschule Kreuzlingen vom 26. August bis zum 6. September drei verschiedene Stücke präsentieren. Angestossen hat das Gastspiel Rigolo – zunächst aus pragmatischen Gründen: „Wir haben unser eigenes Zelt bei einem Sturm vor vier Jahren verloren“, sagt Marula Eugster. „Also haben wir ein Zelt zum Mieten gesucht. Roikkuva hat eines. Aber weil dieser moderne Wanderzirkus inhaltlich so gut zu uns passt, haben wir uns für dieses Engagement zusammengetan.“
Beide Truppen arbeiten mit poetischer Bildsprache und der beeindruckenden Körperbeherrschung der Artist:innen. Als dritten Partner brachte Rigolo die Musikschule Kreuzlingen mit. Die Zusammenarbeit besteht schon seit acht Jahren, wie Stephanie Zweili, die Leiterin der Abteilung Tanz der MSK erzählt: „Damals haben wir auf Anregung der Stadt mit Rigolo das Projekt ‹Flügel im Park› gemacht, um die Bodenseegärten zu feiern. Es war einfach wunderschön.“ Marula Eugster freut sich über die lokalen Nachwuchs-Tänzerinnen und -Tänzer. „Man kommt sich so näher. Und die Begeisterung von Stephanie Zweili wirkt nicht nur auf ihre Schülerinnen und Schüler ansteckend, sondern auch auf uns und das Publikum.“
Drei Stücke, eine Einstimmung
In der ersten Woche präsentiert Rigolo «Samar». Innerhalb einer Stunde erkunden vier Artistinnen «Zwischenräume». Sie bewegen sich zur eigens komponierten Musik. Zentral ist ein spezielles Gerüst im Zelt. Darauf kann man herumklettern, balancieren oder am Seil schweben. Und hier ist ein Fallschirm befestigt, den ein Ventilator effektvoll aufbläst. Bevor es aber zu diesen Attraktionen kommt, stimmen die jungen Leute der Tanzabteilung der Musikschule die Wartenden vor dem Zelt ein.
Sie versetzen sich in Traumwelt zu modernen Beats und rhythmischen Intermezzos. Dann leiten sie in den Innenraum über und enden in einer pulsierenden Choreografie auf der Bühne. „Es ist eine Plattform, um unser Können zu zeigen«, sagt Stephanie Zweili. „Vor allem aber wollen wir den rund zwanzig Tänzerinnen und Tänzern im Alter zwischen 15 und 30 Jahren vermitteln, wohin ihr Training führen kann. Und: Wenn man weiss, es gibt einen Auftritt, motiviert das zusätzlich.“ Inhaltlich sind die Choreografien von Emmanuel Ramos und Arlind Qizmolli auf die Rigolo-Vorstellung angepasst. Marula Eugster hielt Kontakt zu den Tanzlehrern.
In der zweiten Woche folgen die Cie Roikkuva, die das Stück «Empire of Fools» zeigt, und das Teatro Wakouwa mit «Very little Circus». Mit Seiltanz, Akrobatik, theatralischen Elementen und Livemusik erzählen einerseits Ulla Tikka und Andreas Muntwyler und andererseits Samuel Messerli und Gerado Tetilla eigene Geschichten auf visuelle Art. „Die Stücke berühren die Zuschauer:innen“, sagt Ulla Tikka. „Und wir lieben es die Leute zu überraschen. Also wird es auch humorvoll: ein Mix aus Poetischem und Schrägem.“ Roikkuva heisst auf Finnisch «hängendes Bild». Das beschreibt ungefähr, was auf das Publikum zukommt.
Unabhängig im Kulturpalast
Das Zelt, das das Gastspiel im Seeburgpark ermöglicht, wird von der Cie Roikkuva liebevoll «Kulturpalast» genannt. Es bietet Platz für 200 Zuschauende und vier Personen auf der Bühne. „Wir bieten ein Kunstwerk auf engem Raum“, lacht Ulla Tikka. Im Sommer 2020 hat der Wandercircus rund eine Viertelmillion Franken investiert. „Man braucht ja nicht nur das Zelt, sondern auch den LKW, der es transportiert. Wir haben unser Privatvermögen hineingesteckt, aber auch etwas Hilfe von einem Crowdfunding bekommen. Es ist für uns wertvoll, eine eigene ortsunabhängige Spielstätte zu haben.“
Der Wunsch nach Unabhängigkeit war es auch, der überhaupt zur Gründung der Compagnie Roikkuva geführt hat. Nach ihrer Matura in Finnland macht Ulla Tikka ihr Hobby zum Beruf und liess sich in Paris und Berlin zur Seiltänzerin ausbilden. Danach bewarb sie sich – damals noch per Video-Kassette – beim Zirkus Monti. So kam sie um die Jahrtausendwende in die Schweiz. „Auf der Tournee habe ich meinen Partner Andreas Muntwyler kennengelernt. Wir haben dann in den folgenden Jahren viele Engagements zu zweit übernommen. 2011 haben wir unseren Verein gegründet und eigene Formate entwickelt.“
Unterstützung macht’s möglich
Ein Kränzchen windet Ulla Tikka der Stadt Kreuzlingen. „Sie hilft uns bei der Bereitstellung der Infrastruktur: Strom, Wasser, Parkplätze. Und ausserdem hat man uns Ansprechpartner:innen bei Stiftungen vermittelt, so dass wir weitere Unterstützende gewinnen können.“ Zusätzlich zu dieser organisatorischen Hilfe tragen finanzielle Beiträge der Stadt und des Kantons Thurgau dazu bei, die Ticketkosten im Rahmen zu halten: Neben dem regulären Eintritt für 40 und dem ermässigten für 25 Franken gibt es eine Zwischenvariante – eine Art Sozialticket - für 30: „Viele Shows in der Schweiz sind sehr teuer, sie richten sich nach unserer Meinung zu sehr an eine Art Elite aus. Wir finden, jede:r sollte Zugang zu Kultur haben, deshalb zahlt bei uns weniger, wer weniger Geld zur Verfügung hat. Dabei vertrauen wir auf die Ehrlichkeit der Menschen.“
Getanzte Geschichten im Seeburgpark
«Samar» vom Rigolo Tanztheater mit dem Vorprogramm der Musikschule Kreuzlingen findet am 26., 27., 28., 29. und 30. August statt.
«Empire of Fools» von der Cie Roikkuva am 3. bis 5. September und «Very little Circus» vom Teatro Wakouwa am 5. und am 6. September.
«Samar» läuft auch im Eisenwerk in Frauenfeld vom 18. bis 20. September.

Von Inka Grabowsky
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