von Inka Grabowsky, 27.08.2026
Vom Freisitz zum Kunsthaus

Keramik, Malerei, Installation, Dokumentarfilm, Teppiche – die Kulturschaffenden von kunstthurgau zeigen sich in ihrer neuen Ausstellung «GEhSCHICHTEN» vielfältig. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Einmal mehr gibt es einen besonderen Schauplatz für die Jahresausstellung: das Werkhaus des Freisitzes in Tägerschen. «Unsere neue Geschäftsstellenleiterin Edith Wohlfender hat uns darauf aufmerksam gemacht», sagt Ursula Bollack-Wüthrich, die Präsidentin von Kunstthurgau. «Sie kennt den ganzen Kanton und hat die Kontakte für uns hergestellt. Der Verein ‹Werkhaus Freisitz› war offen für uns. Wir suchen immer Orte, die wir gestalten können und die lebendig sind.»
Anfang des Jahres besichtigte Kunstthurgau das Werkhaus und legte passend dazu das Thema »GEhSCHICHTEN» fest. Die Mitglieder hatten also rund acht Monate Zeit zum Schaffen.
Ein geschichtsträchtiges Haus
Das Haus ist in seinen Grundzügen fast 600 Jahre alt. Zum Freisitz – also zum Stammhaus einer von Abgaben befreiten Landadelsfamilie - wurde es 1547. 1616 baute sie den früheren Speicher zum barocken Wohnhaus um. Bis 1871 war es Statthalterei und Gerichtsgebäude, danach Stickerei und Käserei.
2013 kaufte die Denkmalstiftung das Haus und sanierte die Aussenmauern sowie das Dach. 2023 bildete sich der Verein, der vor Ort ein Kompetenzzentrum für den Umgang mit historischem Baumaterial betreibt.
Das Haus ist nicht fertig. Fachwerk-Wände oder Böden sind noch offen. Genau das reizt die 23 Kunstschaffenden, die auf vier Stockwerken zeigen, was ihnen zum diesjährigen Motto «GEhSCHICHTEN» eingefallen ist.
Kuratorenteam betont Zusammenhänge
Die Kunstthurgau-Mitglieder Annemarie Graf, Betty Kuhn und Michael Truninger stellten sich als Kuratoren zur Verfügung und ordneten die Werke in die Kapitel «Spuren», «Lebenslinien», «Verwandlungen» und «Verdichtungen». «Unsere Aufgabe war nicht, die Arbeiten zu bewerten, sondern sie zu platzieren», betont Annemarie Graf. «Den jeweils richtigen Ort zu finden, war eine Herausforderung.»
Einiges passt ideal. Die Bronzeplastiken von Ursula Fehr sind wie für die Fensternischen im Erdgeschoss gemacht. Drei Etagen höher freut sich Christine Hochstrasser-Schoch über ihren Platz. «Meine Gefässobjekte unter dem Titel ‹Lebensgeschichten› stehen hier zwischen Himmel und Erde. Sie können als Urnen dienen und stehen für das Bewahren und Weitergeben von Lebensgeschichten.» Sogar das Gegenlicht sei stimmig. Man erkenne schliesslich auch im Leben nicht alles im Voraus.
An der benachbarten Wand hat Michael Truniger sein Triptychon «Gefügte Zeit» aufgehängt. «Er hat die Farbe mit Asche angereichert. Das war nicht abgesprochen, aber die Erinnerung an die Vergänglichkeit passt perfekt zu meiner Arbeit», so die Keramikerin.
Gefundene Spuren werden aufgenommen
Ebenso auf ein Fenster angewiesen sind Isah Eberle, die unter dem Dach einen roten Strang als Richtungsangabe nach Santiago de Compostela installiert hat, und Elsbeth Harling, deren «Trouvaille» das Tapetenmuster aufnimmt und ausgeschnitten aus Blache zum Vorhang macht.
Ein Ornament des Stuckreliefs verewigt Cornelia Schedler https://corneliaschedler.ch . Sie hat eigentlich ein Tiefdruck-Atelier in Frauenfeld. Doch für die «Kunstthurgau»-Schau wollte sie sich mit einer neuen Technik auseinandersetzen. «Ich kam in den Raum und dachte spontan: Hier fehlt ein Teppich.» Also lernte sie das Tuften.
Betty Kuhn hat sich von einem Balken im Haus inspirieren lassen. Um ihn auf Tafeln nachzubilden, leimte sie Zeitungen in acht Schichten zusammen. «Die Rillen entstehen dabei zufällig,» sagt sie.
Geistvolle Installation im Keller
Walter Wetter steuert in der ehemaligen Käserei unten im Haus eine interaktive Audio-Installation bei. Sie geht auf ein Erlebnis von dreissig Jahren zurück, wie er erzählt: «Ich war zum Englisch-Lernen in Oakland und dort in einem Raum untergebracht, in dem es zu spuken schien: Der Radiator gluckste und stöhnte die ganze Nacht, so dass ich kaum schlafen konnte.»
Nun hat er sich einen historischen Guss-Radiator aus dem Haus Freisitz besorgt, ihn zum Schein anschliessen lassen, so dass man ihn für echt hält, und einen Bewegungsmelder installiert. Sobald ein Besucher vorbeigeht, hört man Stimmen und Geräusche.
Langweilig wird die Schau niemand finden. Selbst, wer sich nicht für Kunst interessiert, kann sich über die Entdeckungsreise durch das Hauses freuen. Nur trittsicher sollte man sein. Die Treppen sind ein wenig abenteuerlich.
Die Öffnungszeiten der Ausstellung
GEhSCHICHTEN von Kunstthurgau
Tobel-Tägerschen, Haus Freisitz.
Die Ausstellung wird am Freitag, 28. August eröffnet und dauert bis zum 13. September. Geöffnet freitags 17 bis 19 Uhr, samstags 14 bis 18 Uhr und sonntags 11 bis 16 Uhr.
Podiumsgespräch zum Thema Architektur und Kunst am 5. September 11.30 bis 12.45 Uhr.

Von Inka Grabowsky
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