von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 15.06.2026
Geschichten, die sich selbst erzählen

Ein Raum voller Sagen: Die Ausstellung «Sehnsucht Mythos» erzählt in Arbon vielschichtig von Legenden. Und demonstriert quasi nebenbei, welche Kraft das hier wachsende Museum haben könnte. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Wie genau war das noch mal mit Wilhelm Tell? Was ist der Unterschied zwischen dem Samichlaus und dem Coca-Cola-Weihnachtsmann? Und warum wird der Wolf sein schlechtes Image eigentlich nicht los? Auf diese und viele weitere Fragen will eine neue interdisziplinäre Ausstellung der kantonalen Museen im Werk2 in Arbon Antworten geben.
Sie trägt den Titel «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten.» und erklärt mit dem Namen ziemlich präzise, was der Ansatz der Schau ist. Mythen begegnen uns an vielen Orten, manchmal weiss man vielleicht gar nicht, dass sie Mythen sind. Manchmal sind es einfach Geschichten, die über Jahrhunderte weitergetragen werden.
In insgesamt 13 verschiedenen Stationen zeigt die von der Historikerin Stephanie Müller kuratierte Ausstellung Mythen aus Kunst, Kultur, Natur, Geschichte und Philosophie. Einige von ihnen sind lokal verankert wie jene vom Nebelmännle am Bodensee oder dem Mäuseturm in Güttingen, andere hingegen sind eher universeller Natur: Adam und Eva, der böse Wolf, Hexen, Europa. All diesen Legenden versucht die Ausstellung auf den Grund zu gehen. Wer die Geschichten und ihre Entstehung aufmerksam verfolgt, dem gelingt es am Ende vielleicht sogar, so etwas wie einen Bauplan für einen Mythos zu erkennen. Aber dazu später mehr.
Alles kann zum Mythos werden
Erst mal zu Roland Barthes. Wer über Mythen nachdenkt, kommt an dem französischen Sprachphilosophen nicht vorbei. In seinem 1957 erschienenen Buch «Mythen des Alltags» zerlegt er Entstehung und Bedeutung des Begriffs eindrücklich. Auch wenn er am Anfang eher ernüchternd feststellt, dass im Grunde alles zum Mythos werden kann in unserer Gesellschaft: Sport (ein Blick zur aktuellen Fussball-WM zeugt davon), Fotografie, Film, Reportage, Literatur, Werbung – «all das kann Träger der mythischen Aussage sein», schreibt Barthes. Ein Mythos, das ist nach dem französischen Denker vor allem «eine Weise des Bedeutens, eine Form».
Mit dieser Vagheit des Begriffs werden die Besucher:innen der Ausstellung gleich zu Beginn konfrontiert. Denn nicht nur Roland Barthes hat über den Mythos nachgedacht, sondern auch viele andere schlaue Köpfe. Im Treppenhaus, auf dem Weg zum Ausstellungsraum, wird das über Zitate deutlich gemacht. Von Hannah Arendt zum Beispiel: «Das Erzählen von Geschichte ist die Art und Weise, wie wir uns mit der Welt versöhnen.» Oder auch von dem Ägyptologen Jan Assmann: «Durch Erinnern wird Geschichte zum Mythos.»
Eine visuelle Überwältigung
Derart eingestimmt startet man also in die Ausstellung und wird, oben angekommen, erst mal visuell überwältigt. Vor einem ein riesenhafter, fast den gesamten Raum ausfüllender, atemberaubend schöner dunkelgrüner Vorhang, der stilisierte Blätter eines Apfelbaums sowie vereinzelte goldene Äpfel auf edel-dunklem Untergrund zeigt. Produziert wurde dieser Augenschmeichler in der Werkstatt des Swiss-Design-Award-Gewinners Martin Schlegel. Der hat seine Textildruckerei praktischerweise im selben Gebäude.
Ist der Blick noch gefangen von Schlegels Werk, drängen von links satte Blau-, Rot- und Grüntöne ins Sichtfeld. Die Ausstellungsmacher:innen haben die Fenster der alten Webmaschinenhalle kirchenfenstergleich beklebt. Die Illustrationen zeigen zwei sehr bekannte Mythen: Adam und Eva am Baum der Versuchung und Wilhelm Tell mit der angelegten Armbrust. Kein Zufall, dass in beiden Szenen ein Apfel eine zentrale Rolle spielt. Wir sind ja im Thurgau.
Ist das wirklich ein Baum in der Ausstellung?
Dieses Leitmotiv zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Die Themeninseln der Ausstellung sind gebaut aus grünen Kisten, die im Alltag für den Apfeltransport benutzt werden, im hinteren Teil der Schau ragt ein aus einzelnen Holzstücken gezimmerter Baum hoch in den Raum hinein.
Der Baum in der Ausstellung stehe für die Entstehung von Mythen, heisst es auf einer Tafel: «Die Wurzeln und der Stamm stehen sinnbildlich für die Menschen. Diese produzieren Geschichten – hier die Früchte des Baumes –, die sie weitergeben.» Gleichzeitig ist es ein Verweis auf die Stadt, in der die Ausstellung stattfindet: Arbon leitet seinen Namen von der römischen Bezeichnung «Arbor Felix» ab, dem «glücklichen Baum».
Der Baum steht aber noch für mehr. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie klug es der Kuratorin Stephanie Müller gelingt, Inhalt und Form der Ausstellung zusammenzubringen. Denn: Wenn es stimmt, was Roland Barthes gesagt hat, dass ein Mythos vor allem mit Bedeutung und Zuweisung von Bedeutung zu tun hat, dann darf man hier schon mal fragen: Ist diese aus Brettern zusammengehauene Form wirklich ein Baum?
Funktioniert auf der Metaebene, aber auch darunter
Oder ist es nicht vielmehr eine Installation, die uns in Form und Erscheinung an einen Baum erinnert? Also schreiben wir hier einem Ding eine Bedeutung zu, die es eigentlich gar nicht hat? Mythen schaffen Komplexität ab, sie reduzieren auf das Wesentliche – oder mit Barthes gesprochen, sie begründen «eine glückliche Klarheit». Wie spielerisch und eindrücklich die Ausstellung hier auf einer Metaebene Funktionsweisen von Mythen vorführt, ist eine der grossen Stärken der Schau.
Aber auch jenseits der Metaebene überzeugt «Sehnsucht Mythos». Sie erzählt verständlich und mit unterschiedlichen Zugängen von Sagen und Legenden, die die Zeit überdauert haben. Sie berichtet unter anderem über Wilhelm Tell, die Pfahlbauer, Europa und Meerjungfrauen. Geklärt wird zudem die Frage, woher die Bezeichnung «Mostindien» für den Thurgau eigentlich stammt. Kleiner Spoiler: Es hat im Ursprung weniger mit Äpfeln zu tun, als man gemeinhin denkt.
Was die Ausstellung sehenswert macht
Klar, nicht alles, was in der Ausstellung zu sehen ist, ist neu. Aber darum geht es bei dem Thema vielleicht auch gar nicht. Es ist eher der Versuch, mit lokalen und regionalen Geschichten aus den Sammlungen der kantonalen Museen ein universelles Thema im besten Sinne begreifbar zu machen. Nicht einzelne Exponate machen die Ausstellung sehenswert, sondern die Verwebung der Einzelteile zu einer grossen Geschichte. Einer Geschichte, die etwas über die Funktionsweisen menschlicher Gesellschaften erzählt.
Überraschend ist die Ausstellung vor allem dort, wo sie neue Zugänge ermöglicht. Zum Beispiel über ein Social-Media-Projekt einer Schulklasse. Die hatte die Geschichte von Wilhelm Tell zu einem Livestream aus dem Gerichtssaal inspiriert. Oder auch in dem Computerspiel «Bloomstone: Myths and Legends» von Phaidon Berdelis, in dem man Thurgauer Mythen entdecken kann.
Die ehemalige Saurer Webmaschinenhalle, das Werk2 in Arbon, wird vom Kanton Thurgau zu einem interdisziplinären Themenhaus umgebaut. Urprünglich für 2028 geplant, wurde die Eröffnung aufgrund der Finanzlage des Kantons auf 2037 verschoben. Bis zur Eröffnung können 400 Quadratmeter im ersten Obergeschoss kulturell zwischengenutzt werden. In den geraden Jahren erstellen die kantonalen Museen interdisziplinär eine gemeinsame Ausstellung.
In den ungeraden Jahren, erstmals 2027, wird das Werk2 interessierten Dritten als Plattform für eigene Projekte zur Verfügung gestellt.
Eine Fachjury wählte laut Medienmitteilung des Kantons zwei Siegerprojekte, die im Jahr 2027 im Werk2 in Arbon umgesetzt werden.
Von Mai bis Juni 2027 wird das Projekt «FLASHBACK» einer Gruppe Kunstschaffender um Katharina Henking und Guido R. von Stürler zu sehen sein. FLASHBACK ist eine umfassende Rückschau auf die Ostschweizer Kunstszene der 1980er- und 1990er-Jahre – eine Zeit, in der sich zwischen Kreuzlingen, Bodensee, Thurgau und St. Gallen ein intensiver kultureller Aufbruch vollzog.
Im September 2027 kommt das Projekt «Arbeit. Liebe. Not.» der Kulturanthropologin Edith Werffeli zur Umsetzung. «Arbeit. Liebe. Not.» ist eine partizipative Ausstellung über Migration als menschliche Grundkonstante und gesellschaftliche Realität. Sie verbindet persönliche (Migrations-)Geschichten mit regionaler Geschichte, lokale Perspektiven mit globalen Zusammenhängen und museale Praxis mit kultureller Teilhabe.
In allen Bereichen bleibt viel Raum, das Thema spielerisch zu erkunden. Dass die Besucher:innen am Ende auch noch selbst entscheiden können, wie sie mit den in einem Heft gesammelten Mythen umgehen wollen (mitnehmen, schreddern oder verändern), zeigt einmal mehr, wie tiefgründig sich die Ausstellungsmacher:innen mit der inneren Entwicklungslogik von Mythen befasst haben. Ein abstraktes Prinzip so einfach für jeden einzelnen Besucher erlebbar zu machen, ist eine Vermittlungskunst für sich.
Kann man Mythen nach Bauplan kreieren?
Eine Frage bleibt am Ende trotzdem offen: Gibt es so etwas wie einen Bauplan für einen Mythos? Kann man also nach dem Besuch der Ausstellung vorhersagen, wann Geschichten zum Mythos werden? Ehrliche Antwort: eher schwierig. Man erahnt einige Bausteine: Die Geschichten sollten Orientierung bieten können, sie sollten Emotionen wecken, sie sollten einfach und klar sein, Mehrdeutigkeit hilft eher nicht. Sie müssen keine News sein, aber sie brauchen dennoch einen gewissen «Hast-du-schon-gehört?»-Charakter. Menschen müssen darüber reden wollen.
Zugegeben: Das sind alles nur Anhaltspunkte, Automatismen ergeben sich daraus nicht. Die Mythen-Ausstellung lädt ein, darüber nachzudenken.
Bemerkenswert ist, wie die Kurator:innen den Raum verwandelt haben. Wer zuletzt während der Kunstausstellung «Heimspiel» im Werk2 war, wird ihn jedenfalls kaum wiedererkennen. Vielleicht ist das auch die wichtigste kulturpolitische Botschaft, die von dieser Ausstellung ausgeht.
Die Ausstellung zeigt das immense Potenzial dieses Ortes
«Sehnsucht Mythos» zeigt, welch inspirierender Ort das hier geplante Themenhaus für den Kanton und seine Bewohner:innen sein kann. Die eigentlich für 2028 geplante Eröffnung des interdisziplinären Hauses hat der Kanton zwar schon vor Jahren auf 2037 verschoben. Aber wenn dieser Saal in den nächsten Jahren weiter so klug bespielt wird, dürfte am Ende selbst der grösste Kritiker zum Fan werden.
Die Ausstellung und das Rahmenprogramm
Vom 12. Juni bis 22. November 2026 präsentieren die Museen Thurgau im Werk2 Arbon die interdisziplinäre Sonderausstellung «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten».
Die Öffnungszeiten:
Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag
14 bis 18 Uhr.
Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm. Das gesamte Programm gibt es hier.
Eine Auswahl:
28. Juni, 14 Uhr: Mythen für Gross und Klein. Familienführung
11. Juli, 11 bis 15 Uhr: Drucke deinen eigenen Stoff. Workshop Handsiebdruck. Mit Martin Schlegel, Textildrucker. 150 Franken pro Person. Eine Anmeldung ist erforderlich.
22. Juli, 18:30 Uhr. Mythen gamen. Von der Inspiration zum fertigen Spiel. Tischgespräch zwischen Michelle Geser vom Kulturamt Thurgau und dem Gamedesigner Phaidon Berdelis. Sie sprechen über das in der Ausstellung gezeigte Game «Bloomstone: Myths & Legends» und dessen Entstehungsprozess.
25. Juli, 14 Uhr: Wie eine Ausstellung entsteht. Die Führung mit der Kuratorin Stephanie Müller gibt Einblick in die Entwicklung und Gestaltung der Sonderausstellung
5. August, 18:30 Uhr bis 19:30 Uhr Naturikone oder Erzfeind? Vom Mythos Wolf und unseren Naturbildern Öffentliche Führung
12. August, 18:30 Uhr bis 19:30 Uhr Mami Wata. Reflexion über fremde und eigene Mythen Die Künstlerin Laura A. Kingsley und Kuratorin Stephanie Müller diskutieren im Gespräch mit dem Publikum, wie sich Mythen verändern und weshalb sie das tun.
1. November, 18:30 Uhr bis 19:30 Uhr: Definition Mythos. Eine Diskussion über eine ungeklärte Sache

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