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von János Stefan Buchwardt, 11.07.2009

Weg von Wohlklang und Ausstattung

Weg von Wohlklang und Ausstattung
Wo sich der Geist der Operette in stubenreiner Manier zwischen prächtigen Bühnenkulissen auf und ab bewegte, stellt der Thurgauer Regisseur Jean Grädel heute schlicht neun Schauspieler auf die Seebühne. | © pd

Jean Grädel inszeniert «Im Weissen Rössl» auf der Seebühne im Kreuzlinger Seeburgpark. Eingebettet in eine überdimensionale rosafarbene Ross-Kulisse wird Ralph Benatzkys Operettenklassiker in seiner ursprünglich satirisch-witzigen Version von 1930 gespielt. Die letztjährigen vergleichbaren Produktionen des See-Burgtheaters haben ein runderes Bild hinterlassen.

Das «Weisse Rössl» dem seichten Amüsierbetrieb der 50er und 60er Jahre entreissen, so lautete die Devise des Abends. Ein heikles Unterfangen, hat sich doch die wunschkonzerttaugliche Version der Nachkriegszeit über viele Jahrzehnte tief in die Herzen eingeschrieben. Wo einst Peter Alexander als Kellner Leopold herzerweichend durch den Rössl-Filmstreifen tänzelte, soll heute die originalgetreue Kraft des kabarettistischen Originals Begeisterung hervorrufen. Wohlgemerkt in nach wie vor heiter-kitschigem Galopp! Wo sich der Geist der Operette in stubenreiner Manier zwischen prächtigen Bühnenkulissen auf und ab bewegte, stellt der Thurgauer Regisseur Jean Grädel heute schlicht neun Schauspieler auf die Seebühne. Sie geben ihr Bestes in Sachen Spiel, Tanz und Gesang. Dieses Beste will nicht immer ausreichen. Fraglos, die Inszenierung wird eine weitere Portion operettengerechter Schneidigkeit durch die Aufführungsroutine erfahren. Das Ausspielen der ironisch-doppeldeutigen Komponenten hätte jedoch akzentuierter, das In-Szene-Setzen der Anzüglichkeiten und Spitzen derber und mutiger ausfallen dürfen. Schade! So wollen Stil und Durchschlagskraft der Inszenierung nicht ausreichen, das Klischeebild der stereotypen und biederen Nachkriegsoperette nachhaltig zu unterlaufen.

Schwinden der Berührungsangst

Trotzdem, es ist beachtlich, wie präzise und genau gespielt, wie lust- und freudvoll getanzt und gesungen wird. Höflich und oftmals verdient wird applaudiert, zwischendurch und zum Finale. Kleine technische Pannen werden souverän behoben. Das Spiel ist artig - nicht grossartig - aufeinander abgestimmt. Eifersüchteleien, Liebeleien, Ränkeleien - das mit amourösen Kapriolen durchtränkte Bühnengeschehen wird auch den Wetterlaunen an den vielen Spielabenden zu trotzen wissen. Einzig im Musikpavillon zu Füssen (Hinterläufe) des Rosses und unter der gedeckten Zuschauertribüne lässt sich trockenen Hauptes durch die Handlung kommen. Unter der musikalischen Leitung von Volker Zöbelin intoniert eine versierte Drei-Mann-Band (Zöbelin, Stefan Mölkner, Menuhin Reinen) charmant und beschwingt die allseits bekannten Schlager. Während die Speisekarte «Herz am Spiess» und «Liebesknochen in Himbeerteig» empfiehlt, schwindet die Berührungsangst mit der populären Kost vergangener Tage zusehends. Die unumstössliche Eingängigkeit der Ohrwürmer und der komödiantischen Dialoge verhilft dazu, die Beliebtheit der Operette als aussergewöhnlich erfolgreiches Musiktheater-Genre nachzuvollziehen.

Liebeswirrwarr auf unterschiedlichem Niveau

Mit phantasiereicher Spielanweisung löst Jean Grädel die Probleme der Simultanbühne. Geturnt, geklettert und agiert (Bühnenbild: Peter Affentranger) wird vor, auf und neben dem rosa Ross. Es hält geduldig hin als imaginäre Hotel- oder Bergkulisse und dient als hauptsächlicher Bühnenbild-Focus, mit dessen Hilfe sich gleitende und schnelle Szenenwechsel realisieren lassen. Das Stück nimmt seinen Gang. «Reisesklaven» und «Fremdenverkehrte» hetzen durch die Gegend. Der überraschende Besuch eines verulkten österreichischen Kaisers provoziert das finale Aufräumen der Gefühle. Am Ende das Happy End in Form eines ganzheitlich geordneten Liebes-Kosmos'. Bastian Stolzenburg gibt den Sigismund überzeugend. Das ist nicht schwer. Werner Biermeier spielt mit kaltschnäuziger Finesse den Berliner Fabrikanten Giesecke. Zudem glänzt er als brillant dümmlicher Kaiser Franz Joseph. Ines Palma Hohmann als Ottilie und Erich Hufschmid als Rechtsanwalt Dr. Siedler heben in ihren Auftritten merklich das künstlerische Niveau des Abends. Wie alle anderen Darsteller (Anna Schwabroh, Daniel Kasztura, Christian Menzi) weiss auch das Paar Rösslwirtin und Zahlkellner (Astrid Keller, Domenico Pecoraio) das Publikum in unterschiedlicher Intensität für sich einzunehmen. Durchdachte Kostüme (Max Kaiser), eine gut einstudierte Choreografie (Elja-Duša Kedveš), ja, wer kann schon von sich behaupten, jedes Jahr den Super-Erfolg erzielen zu können? In der Thurgauer Unterhaltungs-Szene hat das See-Burgtheater seinen Platz erneut behauptet.

Weitere Kritiken:

5.8.09, Thurgauer Zeitung: «Die Operette gehört ins Burgtheater» (eine Zwischenbilanz)

11.7.09, St. Galler Tagblatt: «Schnulzen mit Schmiss» von Bettina Schröm

14.7.09, Südkurier: «Die Wirtin trägt Dirndl» von Maria Schorpp 

Art-TV-Beitrag 

Weitere Beiträge im Magazin:

Entgegnung von Alex Bänninger zu den im Tagblatt und in der Thurgauer Zeitung erschienenen Berichten.

Zum Gespräch mit Jean Grädel 

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