von Judith Schuck, 11.09.2026
Wie die Natur Kunst schafft

Der Reichtum der Natur, von der Pilzspore bis zum gewaltigen Eisberg, das sind die Sujets von Georges Wenger. Der Künstler und Typograf zeigt sie nun mit «Radikaler Aufmerksamkeit» im Kunstverein Frauenfeld. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Von der Abstraktion hat sich Georges Wenger irgendwann abgewendet. Weil er fand, dass es bei genauem Hinsehen genügend abstrakte und faszinierende Formen in Natur zu finden gebe. Er zoomt heran an Baumnüsse, verschiedene Zapfen, wechselt die gewohnte Perspektive und ist beeindruckt: Beim Pinienzapfen ist die Fibonacci-Zahlenfolge ersichtlich, eine Gesetzmässigkeit, die die Unabhängigkeit der Natur vom Menschen symbolisiert.
Grossformatige Linolschnitte, in denen sich die Pflanzen in unglaublicher Detailliertheit verästeln, bilden gemeinsam, eng gehängt, einen Dschungel. Um die Betrachter:innen tief in den Wald hineinzuholen, gesellen sich an die Seiten der 1,5 auf 1 Meter Schnitte, die ab 2016 entstanden, Miniaturen, Radierungen, in den 1970ern in Honolulu, Hawaii gefertigt. Hawaii war eine Station der Weltumrundung im VW-Bus, die Georges Wenger als Studienreise zwischen 1972 und 1976 anlegte. «Ich weiss, es sind viele Bilder», sagt er bei einem Rundgang durch seine aktuelle Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld, «aber ich möchte die Leute mitten in den Wald ziehen.»
Material und Bearbeitung bilden Gesamtkunstwerk
Zu Naturstück I, einem grossen Linolschnitt aus dem Jahr 2021, sagt er: «An so einem Schnitt arbeite ich schon eine paar Monate.» Er beschreibt diese Arbeit als meditativ. Allein das handgeschöpfte Papier aus Japan sei ein «Piece of Art», ein Kunstwerk, und um die 3000 Dollar wert. Das Papier stammt aus dem Atelier von Iwano Heizaburo. Fehlschnitte dürfe er sich da nicht erlauben. Ästhetik und Handwerk überwältigen.
Mit der Gegenüberstellung vom ganz Grossen und ganz Kleinen möchte er aus seinem Leben erzählen. Von der Natur, die ihn immer schon fasziniert. Er versucht ihre Formen und Erscheinungen immer wieder mit neuen Techniken und Herangehensweise einzufangen. Auch, um die Genialität der Natur sichtbar zu machen.
Es sei die Aufgabe der Kunst, sichtbar zu machen, sagt er später noch im Raum der Gletscher und Eisberge, wo die Macht der Natur, aber auch ihre Bedrohtheit deutlich spürbar wird. Dort zitiert er Paul Klee: «Kunst bildet nicht ab, sie macht sichtbar.»
Zur Erholung in den weiten Himmel schauen
Seine Ausstellung «Radikale Aufmerksamkeit» soll keine Retrospektive sein. Dazu sei er noch zu jung mit seinen 79 Jahren, sagt Georges Wenger, der nun seit drei Jahren in Diessenhofen lebt und wirkt. Mit der Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld möchte er sein Werk im Thurgau bekannter machen. Der gelernte Typograf tobt sich in allen möglichen Drucktechniken aus, experimentiert aber auch mit fotografischen Verfahren und malt Pastelle, die eine romantische Stimmung erzeugen, zwischen dramatischer Schönheit und erdrückender Überwältigung.
Der Thurgau habe einen unglaublich tollen Himmel, sagt er. Seine Wolkenbilder sind grosse, farbige Pastelle. So sieht Georges Wenger die Welt - staunend und bewundernd, offen für das Angebot, das uns die Natur an fantastischen Formen anbietet, wie diese sich türmenden Wolken. Wie Kinder könnten auch Erwachsene auf magische Entdeckungstour gehen, findet der Künstler.
Während ihm beim Tiefdruck, wie der Radierung, die Möglichkeiten der Grauabstufungen beeindrucken, beschreibt er die Arbeit an seinen Wolkenbildern, die in Raum 5 ausgestellt sind, als etwas Sinnliches. Für ihn sind sie Erholung im Vergleich zur Fingerspitzen- und Geduldsarbeit der Drucke.
Die Gleichzeitigkeit von Bewunderung und Bedrückung angesichts der Macht und Ohnmacht der Natur, wird ebenso spürbar bei den Gletscherhöhlen, Heliogravüren aus dem Jahr 2025 vom Rhonegletscher im Wallis und dem Morteratschgletscher im Engadin. Vor zwei Jahren habe er sich zum ersten Mal mit einem erfahrenen Bergführer in die Gletscherhöhle am Morteratschgletscher gewagt. «Sieben Woche später schon floss das Wasser aus der Höhle. Ein Jahr später war alles zerstört. Tausende Tonnen Eis wurden zu Wasser und flossen – ungenutzt– ins Tal.»
Keine Scheu vor aufwendigen Techniken
Die Heliogravüre ist ein historisches, aufwendiges Verfahren, bei dem ein Fotofilm auf einer Gelatineschicht belichtet und in Aquatintatechnik auf eine Kupferplatte geätzt wird. Sie gilt wegen ihrer feinen Graustufen als Edeldrucktechnik. Das Bizarre bei seinen Darstellungen des Rhonegletschers sind die Vliese, mit denen dieser abgedeckt wird, um ihn vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. «Das hat etwas Theatralisches, Reliquienhaftes.»
Erst diesen Juni fuhr er in Grönland mit dem Kajak ganz nah an Eisberge heran. Auch dies für ihn eine überwältigende Erfahrung. Der Klimawandel und der Anblick der schmelzenden Gletscher seien im westlichen Grönland in einem Ausmass zu sehen, dass es einem den Atem rauben könne. «Mich interessierte auch die Ästhetik, das Skulpturale und ihre bizarre Formensprache, die man gleichzeitig mit der Katastrophe, dem fortschreitenden Klimawandel verbindet.» Die Eindrücke setzte er in grossformatigen Pastellen um.
Die Natur auf dem Sockel
Es gibt viel zu entdecken in den sechs Räumen plus Foyer im Kunstverein. Experimente mit Salz. Darstellungen vom Verhalten von Pilzen, einer Lebensform, von der wir künftig noch viel lernen könnten, sagt der Forschende, Suchende, Staunende. Baumnüsse, Samen, Pusteblumen – ihnen allen verleiht Georges Wenger ihren eigenen Nimbus als Zeichen ihrer Herrlichkeit.
Im Raum 6, dem letzten Raum dieser reichen Ausstellung, sollen die Menschen zur Ruhe kommen, zum Nachdenken. Drei grosse Eisberge bei gedämmtem Licht sorgen für eine meditative Atmosphäre. Ein kurzes, tonloses Video von der Eisbucht bei Ilulissat zeigt das Kalben von einem Gletscher und eine Übersicht über die Eislandschaft an der Westküste von Grönland.
Der Künstler wünscht sich, dass seine Werke zu Gesprächen über das Gesehene, Gefühlte einladen. Er setzt der Natur mit seiner Kunst ein Denkmal. Einige seiner Kunstwerke sind in der Natur bereits vergangen, vom Sockel gestürzt, darunter Eisberge, die er im Juni noch sah.
Die Ausstellung und der Künstler
Georges Wenger ist 1947 in Zürich geboren und stellt seine Werke seit Jahrzehnten weltweit aus. Mit «Radikale Aufmerksamkeit» zeigt er nun eine Auswahl seines grossen Oeuvre im Kunstverein Frauenfeld. Die Ausstellung dauert vom 6. September bis zum 4. Oktober 2026, Bankplatz 5, 8500 Frauenfeld. Geöffnet Samstag 10 bis 16 Uhr und Sonntag 14 bis 17 Uhr.

Von Judith Schuck
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