von Judith Schuck, 28.09.2026
Wie viel Festival verträgt die Natur?

Wie weiter mit «Krach am Bach»? Die Nähe zu Naturschutzgebieten stellt das kleine Festival in Tägerwilen vor neue Herausforderungen. Präsident Luca Ippolito über Bewilligungen, Natur und Zukunft. (Lesedauer:ca. 6 Minuten)
2025 war ein glückliches Jahr für das Krach-am-Bach-Team. Sie feierten mit dem Publikum das 25-jährige Bestehen des selbstorganisierten Festivals. Es bietet vielen lokalen und regionalen Newcomern eine wichtige Plattform.
In diesem Jahr sollte eine Drohne eingesetzt werden, um die Stimmung mit Fotos aus der Luft einzufangen. Dazu wurde ein Bewilligungsgesuch bei der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung eingereicht. Die Behörde bewilligte dies zwar, doch durch das Drohnengesuch wurde der Kanton erst aufmerksam auf das etablierte Festival.
Bisher hatte die Gemeinde Tägerwilen das Krach am Bach an der Tägerwiler Badi, das immer Mitte Juni Freitag und Samstag veranstaltet wird, genehmigt. Aber wäre diese Bewilligung gar nicht im Ermessen der Gemeinde gelegen?
Wenn der Naturschutz zum Problem wird
«Aufgrund der Grösse der Veranstaltung und der heiklen Lage bei Wald und Schutzgebieten ist auch eine kantonale Bewilligung (Bewilligung des Departements für Bau und Umwelt) notwendig», erklärt Daniel Böhi, Kantonsforstingenieur. Das Forstamt habe dabei eine Koordinationsfunktion gemäss der Richtlinie für Veranstaltungen im Thurgauer Wald.
«Das Forstamt führt die Anhörung bei den betroffenen Fachstellen und allenfalls weiteren Kreisen durch und legt dem Departement einen Vorschlag für dessen Entscheid vor. Das Forstamt ist für die Waldgesetzgebung sowie für die kantonsinterne Koordination von Veranstaltungen zuständig, die Jagd- und Fischereiverwaltung fürs Wasservogelreservat und das Amt für Raumentwicklung für das Flachmoor am Seeufer», erläutert Daniel Böhi die Zuständigkeiten.
Das Gesuch hatte zur Folge, dass sich im März dieses Jahres das Thurgauer Amt für Raumentwicklung beim Organisationskomitee meldete und es darüber informierte, dass das Festival mit einer Vorlaufzeit von jeweils sechs Monaten bewilligt werden müsse, sagt der Präsident des Vereins Krach am Bach, Luca Ippolito, der im Interview mit thurgaukultur.ch über die aktuellen Herausforderungen für das Festival spricht.

«Wir fühlen uns gesehen und ernst genommen.»
Luca Ippolito, Präsident des Vereins Krach am Bach
Luca Ippolito, die Richtlinie für Veranstaltungen im Thurgauer Wald gibt es erst seit 2020. Wussten Sie als Veranstaltende davon, dass Sie nun auch eine kantonale Bewilligung einholen müssen?
Uns war bis zur Kontaktaufnahme durch ein Mitglied des Amts für Raumentwicklung im März 2026 nicht bekannt, dass wir aufgrund der Richtlinien für Veranstaltungen am/im Thurgauer Wald als bewilligungspflichtig gelten.
Wie lief das bisher mit der Gemeinde Tägerwilen ab? Gibt es da auch Rückendeckung, Ideen?
In der Vergangenheit reichten wir in der Regel zum Jahresbeginn das Gesuch zur Durchführung der Veranstaltung im jeweiligen Jahr bei der Gemeinde ein. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde läuft seit Jahren einwandfrei und profitiert von Respekt, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung. Die Gemeinde unterstützt uns als langjährig etablierte Kulturveranstaltung in Tägerwilen stets wohlwollend.
Welche Massnahmen zum Tier-, Wasser-, Umweltschutz hatten Sie bisher getroffen?
Seit Jahren überwachen wir den Lärmpegel auf der Bühne und halten uns in diesem Rahmen an die durch die Gemeinde vorgegebenen Rahmenbedingungen. Wir beenden das Programm auf der Hauptbühne 30 Minuten vor dem Ende der bewilligten Betriebszeit. Zudem beliefen sich in diesem Jahr die gemessenen Schallemissionen unter dem bewilligten Mittelwert durch die Gemeinde. Der anzupeilende Mittelwert, welcher gemäss Gemeinde in der Bewilligung kommuniziert wird, befindet sich am unteren Ende des üblichen Bereichs für Konzerte und beläuft sich daher meines Erachtens in einem gemässigten Rahmen im Vergleich zu anderen Musikveranstaltungen. Durch die Neuplatzierung der Bühne haben wir ausserdem die direkte Beschallung und die damit verbundenen Lärmemissionen reduziert.
«Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde läuft seit Jahren einwandfrei.»
Luca Ippolito, Präsident des Vereins Krach am Bach
Wie sieht es mit der Beleuchtung aus, die Tiere stören könnte?
Konkret haben wir nach der Kontaktaufnahme mit dem Kanton in diesem Jahr die Lichtemissionen ins Schutzgebiet wie Schilf und Wald vermieden.
Sie sagen, der Austausch mit der Gemeinde sei immer gut gewesen. Wie sieht es hier mit dem Kanton aus?
Den Austausch mit dem Kanton empfinde ich als lösungsorientiert. Insbesondere das Forstamt, das Gesuche für die Veranstaltung am und im Thurgauer Wald entgegennimmt, hat sich sofort nach Einreichung gemeldet und das Gespräch mit uns gesucht. Wir fühlen uns gesehen und ernst genommen. Nach meinem Wissen wird das Gesuch durch das Forstamt bearbeitet, im Falle der Notwendigkeit für eine Bewilligung wird das Gesuch dem Amt für Raumentwicklung vorgelegt. Wir hoffen auf einen positiven Entscheid.
Wäre im Fall der Fälle denkbar, das Festival zu verlegen oder an einen Ort, an dem kein Vogelschutzgebiet in der unmittelbaren Umgebung liegt, oder ist das Krach am Bach zu stark mit der Tägerwiler Badi verwurzelt?
Wir haben uns im OK mit der räumlichen Verlegung des Festivals auseinandergesetzt und erachten beides als existenzbedrohend für den Anlass. Das Krach am Bach ist traditionell stark mit der Seebadi in Tägerwilen verbunden und das Gelände ist identitätsstiftend für den Anlass und die Stimmung vor Ort.
Läge eine zeitliche Verschiebung im Bereich des Machbaren, nach der Brutzeit?
Eine zeitliche Verschiebung würde das OK vor diverse Probleme stellen, wie Konflikte mit anderen Veranstaltungen und Abgängen aus dem Organisationskomitee.
«Wir erhalten nicht selten das Feedback von Passanten am Sonntag nach dem Fest, dass die Badi selten so sauber war.»
Luca Ippolito, Präsident des Vereins Krach am Bach
Was könnten Sie als Veranstaltende für Kompromisse eingehen, um den Schutzrichtlinien Folge zu leisten?
Eine nachhaltige Organisation des Festivals ist bereits heute zentraler Bestandteil von unseren Werten und Prozessen. Die kommunizierten Vorgaben seitens Kanton für das Jahr 2026 haben in diesem Jahr bereits kaum zu Anpassungen an der Veranstaltung selbst geführt, da wir praktisch alle Bedingungen implizit bereits erfüllt hatten.
Was macht der Verein in Sachen Umweltschutz, Müllvermeidung und Rücksichtnahme auf die Natur?
Gerade beim Aspekt Müllvermeidung betone ich, dass wir uns bei den Aufräumarbeiten in Bezug auf das Einsammeln von Müll nicht nur auf unser Gelände beschränken, sondern auch das nähere Umfeld miteinbeziehen. Wir erhalten nicht selten das Feedback von Passanten am Sonntag nach dem Fest, dass die Badi selten so sauber war. Mit einer starken Verbindung zur Pfadi berufen wir uns dabei auch auf den Leitsatz, Orte stets etwas besser zurückzulassen, als man sie vorgefunden hat.
Mit weiteren Massnahmen beschäftigen wir uns, sobald wir ein Feedback seitens Kanton erhalten haben. In dem von uns eingereichten Gesuch beim Kanton legen wir dar, wie wir allgemein organisiert sind, wie wir mit den bestehenden Vorgaben umgegangen sind, und warum eine zeitliche und örtliche Verschiebung für uns mit entsprechenden Problemen verbunden ist. Wie lief in diesem Jahr das Bewilligungsverfahren vom Kanton?
Seitens Kanton wurde in diesem Jahr aufgrund der allgemeinen Situation davon abgesehen, für unsere Veranstaltung den vollständigen Gesuchsprozess zu durchlaufen. Die Veranstaltung wurde somit seitens Kanton weder bewilligt noch abgelehnt, sondern zur Kenntnis genommen. Dabei handelte es sich um eine Ausnahme im Vorgehen.
«Die Stimmung ist ungewiss, aber hoffnungsvoll.»
Luca Ippolito, Präsident des Vereins Krach am Bach
Sieht das Organisations-Team die Zukunft eher düster oder gibt es Lichtblicke?
Die Stimmung ist ungewiss, aber hoffnungsvoll und zuversichtlich. Wir konzentrieren uns nicht auf «Was wäre wenn...?»-Szenarien, dies wäre schlicht nicht förderlich. Unsere erste Planungssitzung findet in einigen Wochen statt und wir erhoffen uns bis dann Klarheit. Für das kommende Jahr haben wir am 27. Juli 2026 das Gesuch für die Veranstaltung eingereicht. Das Gesuch umfasst unter anderem: ein kantonales Gesuchsformular, ein 15-seitiges Antragsformular, welches unsere Situation einordnet, getroffene Massnahmen beleuchtet & Testimonials enthält, ein dediziertes Testimonial der Gemeinde sowie diverse Dokumente wie Grobkonzept und Lageplan der Ausgabe 2026. Mit den nächsten Schritten beschäftigen wir uns, sobald ein Entscheid vorliegt.
Wäre eine Verkleinerung vielleicht die Lösung?
Unser Festival ist bereits klein und kompakt. Die Skalierung des Festivals sollte zudem unabhängig von der aktuellen Situation dem jeweiligen OK überlassen sein. Wie die Dimensionierung in Zukunft aussehen wird, ist aktuell nicht relevant.
«Das Krach am Bach schafft einen lokalen kulturellen Mehrwert, da regionale Acts die Chance bekommen, gehört und gesehen zu werden.»
Céline Fuchs, Projektleiterin und Co-Präsidentin bandXost
Was würde der Region verloren gehen, wenn es das Krach am Bach nicht mehr gäbe?
Dazu zitiere ich gerne Céline Fuchs, Projektleiterin und Co-Präsidentin bandXost:
«Das Krach am Bach schafft einen lokalen kulturellen Mehrwert, da regionale Acts die Chance bekommen, gehört und gesehen zu werden. Mit dem Druck in der Veranstaltungsbranche, ein Festival zu füllen, braucht es die grossen Namen. Mit dieser Entwicklung fällt es den regionalen Nachwuchsbands immer schwerer, in ein Line-up zu kommen. Mit den mittelgrossen und kleineren Festivals wird diese Lücke gedeckt, was unglaublich wichtig für die hiesige Musikszene ist. Ohne Auftrittsmöglichkeiten stirbt die Nachwuchsszene.
Das Krach am Bach gibt kleineren Acts und Nachwuchsbands die Chance, auf der Bühne Erfahrung zu sammeln und neue Fans zu gewinnen, was für die Zukunft jeder Band massgebend ist. Ohne Auftritte keine Erfahrung, ohne Erfahrung keine Weiterentwicklung, ohne Weiterentwicklung keine Möglichkeit auf eine Karriere. Ohne Karriere keine Träume, die erfüllt werden können. Bei Festivals wie Krach am Bach finden solche Erfolgsgeschichten ihren Anfang. Ein Festival ehrenamtlich zu organisieren ist sehr herausfordernd. Die finanziellen Mittel werden immer geringer, die Kosten für Infrastruktur, Technik und Gagen steigen, was eine grosse Lücke mit sich bringt. Ohne die vielen ehrenamtlichen Unterstützer:innen könnten die Festivals die steigenden Kosten nicht mehr tragen und viele unbekannte, aber talentierte Acts hätten keine Chance mehr, entdeckt und gefördert zu werden.»
Das Zitat gibt hoffentlich ein gutes Gefühl von einer Drittperson dafür, was es bedeutet, wenn eine kleine Kulturveranstaltung vom Veranstaltungskalender verschwindet.
Wie hat sich das Festival seit seiner Entstehung entwickelt?
Seit der Entstehung folgen wir dem Grundsatz «Veränderung ist die einzige Konstante». Die aktuellen Mitglieder machen jeweils aus, was das Krach am Bach ist. Durch stetige Wechsel über die Jahre gab es immer mal wieder Veränderungen, sei es im Bereich der musikalischen Ausrichtung, konzeptionellen Grundsätzen, gestalterischen Fragen oder organisatorischen Aspekten. Die Veranstaltung ist heute in vielerlei Hinsicht nicht das, was sie vor zehn Jahren noch war. Doch dem sind sich alle aktuellen und ehemaligen Mitglieder bewusst und stehen unabhängig davon hinter dem Anlass. Das Krach am Bach ist im Grunde eine grosse Familie, welche sich einmal im Jahr versammelt, um das grosse Ganze und was in den letzten 26 Jahren geschaffen wurde, zusammen zu feiern.
Krach am Bach gibt es nur dank Ehrenamt
Die Idee, ein selbstorganisiertes Festival ins Leben zu rufen, kam der Kreuzlinger Band Moonzoo im Winter 2001. Am 19. Mai 2001 spielten vier Bands an einem milden Sommerabend vor 250 Besucher:innen, eine Zahl, die alle Erwartungen übertraf. Im Herbst 2002 wurde der Verein «Krach am Bach OpenAir Tägerwilen» gegründet. Im zweiten Jahr stieg die Zahl der Festivalgäste auf 500. Heute sind es 1000.
Das Krach am Bach ist ein vollständig ehrenamtlich organisiertes Festival. Hinter dem Festival steht ein nicht gewinnorientierter Verein. Sämtliche Erträge kommen dem Vereinsvermögen zugute. Die Vereinsmitglieder stellen gleichzeitig das Organisationskomitee. Aktuell sind es 14 Mitglieder. Die Liste ehemaliger Mitglieder umfasst etwa 40 Personen. Am Anlass selbst werden sie durch etwa 120 freiwillige Helfende ergänzt. «Viele davon sind schon seit einigen Jahren mit viel Herzblut dabei und essenziell dafür, dass wir stattfinden können», sagt Präsident Luca Ippolito.
Die meisten ehemaligen Vereinsmitglieder unterstützen das Krach am Bach nach wie vor, primär durch deren Besuch am Festival oder durch Hilfseinsätze am Anlass.

Von Judith Schuck
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