von Judith Schuck, 01.06.2026
Wenn aus Asche Neues entsteht

Die neue Theatereigenproduktion des Eisenwerk stellt sich die Frage, wie und wo KI Menschlichkeit ersetzen kann. «Wonach suchen Sie?» stösst dabei auf persönliche Einzelschicksale, die unterschiedliche Suchbewegungen auslösen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Um eine Auseinandersetzung mit dem Thema künstliche Intelligenz kommen wir nicht herum. Wie können wir sie nützlich einsetzen, wo müssen wir kritisch sein? Wie verlässlich ist KI? Die neue Eigenproduktion von Kultur im Eisenwerk beschäftigt sich mit diesen und vielen weiteren Fragestellungen. Neun Figuren bringen unter Regie von Petra Cambrosio in «Wonach suchen Sie?» ganz verschiedene Aspekte von ihrer persönlichen Suche nach Wahrheit und Wissen auf die Bühne sowie einer kollektiven Suche nach unseren Ursprüngen und dem Umgang mit Wissenschaft und Fortschritt.
Ausgangspunkt ist ein verheerender Brand, der die Stadtbibliothek niederbrannte. Die Bibliothekarin Sarah Sonderegger kam bei diesem Unglück ums Leben. Um sie spinnen sich zahlreiche Geschichten, Sehnsüchte und Geheimnisse, die sich im Laufe des Stücks entwickeln, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn alle neun Figuren stehen in einem Verhältnis zur verstorbenen Bibliothekarin, auch wenn sie zunächst noch nicht alle wissen, in welchem. Unerfüllte Liebe, Verwandtschaft und die Sehnsucht nach Menschlichkeit, aber auch Wissensdrang führt die Protagonist:innen in die neu aufgebaute Bibliothek, in der das Stück spielt.
Faszination und Furcht vor KI
Statt Sarah Sonderegger hilft dort nun die KI Jasmin dabei, sich im Gebäude zurecht zu finden, die Literaturvorlieben zu erraten und selbst aktuelle Stimmungen von der Mimik abzulesen. Faszination und Furcht sind zwei Gefühle, die hier immer wieder aufeinandertreffen. Die Sehnsucht nach der alten, bekannten und geliebten Bibliothek sowie die Trauer nach dem Menschen Sarah Sonderegger mischen sich mit der Attraktion, die das moderne, funktionelle Gebäude ausstrahlt und der Neugierde, welche die Bibliotheksbesucher:innen für die zunächst verächtlich belächelte KI-Station Jasmin aufbringen.
Genauso wie die Regisseurin Petra Cambrosio in ihrem selbstgeschriebenen Stück mit unterschiedlichen Ebenen arbeitet – tragische Familiengeheimnisse, Trauerarbeit, unerfüllte Liebe, Verdrängung, die Gegenüberstellung von Kunst und Wissenschaft – so ist auch das Bühnenbild mit beweglichen Ebenen strukturiert: Trennwände, die immer wieder neu formiert werden, den Raum neu einteilen, verdecken oder den Blick auf etwas Verborgenes freigeben. Für die Technik zuständig ist Eric Scherrer, der eigens fürs Stück die KI Jasmin als sprechende und wissende Projektion erschuf. Im Gegensatz zu dieser neuen Technologie steht der Hellraumprojektor, der ebenfalls zum Einsatz kommt, um handgemalte Kinderzeichnungen zu projizieren.
Vor jeder Vorstellung gibt es eine Lesung
Petra Cambrosio schrieb nach einigen Treffen mit dem Ensemble im Herbst 2025 das Skript, welches mit den einzelnen Schauspielenden bis zur finalen Version weiterbearbeitet wurde. In der Beschäftigung mit dem Menschen Sarah Sonderegger und der KI-Station Jasmin werden Themen wie ehrenamtliche Arbeit, Geräte/Technologien, die Menschen ersetzen, Chancen und Risiken von KI, aber auch das Buch und das Vorlesen verhandelt. „Bücherlesen, Geschichten erzählen und das Vorlesen spielen eine besondere Rolle für das Stück“, sagt Petra Cambrosio. Jeweils 45 Minuten vor den Vorstellungen ist im Foyer des Eisenwerks dazu eine Aktion geplant. Verschiedene Laien werden in unterschiedlichen Sprachen Geschichten vorlesen. Zudem wird am 12. Juni zur Dernière die in Frauenfeld geborenen Schriftstellerin Tanja Kummer eigene Texte präsentieren.
Zum Ensemble gehören Beatrice Bruggmann, Heidi Furrer, Simon Hohl, Gerti Ledergerber, Rolf Lenggenhager, Bruno Lüscher, Sarath Maddumage, Rémy Rischert und Monika Rüegg. Einige von ihnen spielten bereits in Produktionen von Petra Cambrosio im «Theater für alle» oder bei Kultur im Eisenwerk mit. „Sie kennen meinen Stil schon“, sagt die Regisseurin, die sich auch freut, dass sich für diese Produktion fünf Männer und vier Frauen im Alter zwischen 24 und 78 Jahren zusammengefunden haben, „eine wahnsinnig schöne Mischung spannender Menschen“, freut sie sich.
Die grossen und die kleinen Fragen der Menschheit
Im Wechsel zwischen Freeze und Bewegung erzählen die Figuren, was sie mit dem Ort der Bibliothek verbindet und eröffnen in der Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen ihre eigene Geschichte. Die KI hilft immer wieder bei ihrer Suche. „Der Algorithmus ist stark, aber nicht unfehlbar“, ist eine Feststellung. „Auf Grund Ihrer Mikromimik ist erkennbar, Sie fühlen sich durch mich irritiert“, sagt Jasmin an einer Stelle.
«Wonach suchen Sie?» möchte teils irritieren, aber auch anregen, über technologischen Fortschritt und Menschsein nachzudenken, ohne Wertung, alte und neue Medien nebeneinander stellen, beide daseinsberechtigt, aber auch die grosse Suche der Menschheit, den Durst nach immer mehr Wissen und Erkenntnis mit der eigenen persönlichen Suche zu verbinden. Die Premiere des Stücks ist am 4. Juni, 20 Uhr im Eisenwerk in Frauenfeld.
Aufführungstermine & Tickets
Spieldaten:
4. Juni, 20 Uhr, Premiere
5. Juni, 20 Uhr
6. Juni, 20 Uhr
7. Juni, 18 Uhr
10. Juni, 20 Uhr
11. Juni, 20 Uhr
12. Juni, 20 Uhr
Spielort: Eisenwerk, Industriestrasse 12, Frauenfeld
Vorverkauf: eisenwerk.ch/tickets

Von Judith Schuck
Weitere Beiträge von Judith Schuck
- Auf dem Weg zum Ich (26.05.2026)
- Der lange Weg zum richtigen Geschlecht (15.04.2026)
- Auf dem Weg zum Möglichkeitsraum (13.04.2026)
- Die Rückeroberung verloren geglaubter Räume (31.03.2026)
- Wie viel ist uns die Medienvielfalt wert? (02.03.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Bühne
Kommt vor in diesen Interessen
- Vorschau
- Schauspiel
Kulturplatz-Einträge
Ähnliche Beiträge
Auf dem Weg zum Ich
Proben, Zweifel, Durchhalten, Auftritt: Was junge Menschen auf dem Weg zu einem eigenen Theaterstück erleben, prägt sie für ihr Leben. Wir haben eine Schulklasse bei diesem Abenteuer begleitet. mehr
Biss zur letzten Blutkonserve
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Ausgangspunkt eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt. mehr
Dem Dasein ausgesetzt
Mit «Da. Sein» schafft die Kreuzlinger Performerin Micha Stuhlmann einen weiteren Teil ihrer Reihe zu existenziellen Lebensfragen. Dieses Mal geht es um den Menschen als soziales Wesen. mehr

