von Vera Pache, 17.09.2026
Die Poesie der Wiese

Simone Kappeler fotografiert seit mehr als 50 Jahren. Mit der Ausstellung «nature vivante» wirft das Kunstmuseum Thurgau einen Blick auf das Lebenswerk der Frauenfelder Fotografin. Ihre Naturfotografien zeigen die Poesie von Gräsern, Bäumen und Insekten. Zugleich wirken sie aber auch wie ein Warnruf – in einer Welt in der die Artenvielfalt stark bedroht ist. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
„Quizfrage: Wer findet die Spinne?“, fragt Simone Kappeler und lacht. Sie steht vor einem ihrer grossformatigen Polaroids. Vor dunklem Hintergrund ist darauf eine Hand zu sehen, die eine Wiesenblume hält, eine Margerite. Im Zentrum einige klare Blüten mit Spinnweben. Aber ein Grossteil der Aufnahme ist unscharf. So auch die Spinne – und nur beim genauen Betrachten zu erkennen. Durch die Polaroid-typisch leicht verblassten Farben und die weichen Konturen der Unschärfe, wirkt das Bild verträumt, wie aus einer anderen Zeit.
Die Polaroid-Aufnahme eröffnet die Ausstellung «nature vivante» im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen – eine Einzelausstellung, die dem Lebenswerk der Fotografin Simone Kappeler gewidmet ist. Die Bilder zeigen hauptsächlich Pflanzen, auch Tiere und manchmal Menschen. „Es geht um die Schönheit der Natur, die Üppigkeit“, so Kurator Florian Hürlimann. Angesichts von Klimawandel und dem Schwund der Artenvielfalt ist auch klar: Diese Natur ist bedroht.
Die Freude am Experimentieren
Im ersten Raum leuchten etwa Birnbäume in knallendem Orange bis Rot. Ein ganzer Raum hängt voller Bilder, die Simone Kappeler mit einer analogen Mittelformatkamera und Infrarotfilmen aufgenommen hat. Durch den chemischen Prozess des Films wird ein Lichtspektrum sichtbar, das manche Tiere, aber nicht wir Menschen sehen können. „Mir gefällt, dass das Grün rot ist, weil Rot ist eine Energiefarbe. Und Natur ist auch Energie“, sagt die Fotografin.
Die Birnbäume auf den Fotos haben hohe, dicke Stämme. Es sind alte Sorten. Früher waren die hochstämmigen Obstbäume im Thurgau weit verbreitet, aber in den 1950er Jahren wurden sie gegen Bäume mit niedrigen Stämmen ausgetauscht. Und heute sind sie rar. „Diese Bäume sind so circa 200 Jahre alt – und sterben jetzt langsam“, sagt Simone Kappeler.
Die Fotografin sagt, sie wolle mit dieser Ausstellung unter anderem zeigen, inwiefern die Technik die Bilder beeinflusst. Ihre Bilder sind nicht nachbearbeitet, aber was die verschiedenen Aufnahmetechniken angeht – da präsentiert Simone Kappeler eine grosse Experimentierfreude und Kreativität.
Röntgenaufnahmen, Polaroid und Cyanotypien
Ende der 1990er Jahre etwa machte sie zusammen mit einem Arzt Röntgenaufnahmen von Tulpen, Lilien oder Akeleien. Die schwarz-weissen Bilder zeigen zugleich das Innere und Äussere der Pflanzen und wirken fast wie gezeichnet.
Die Ausstellung gibt einen Eindruck, welch umfangreiches Wissen Simone Kappeler über die Jahre gesammelt hat – über Kameras, über die Chemie der Filme oder Eigenschaften von Papier. Es ist ein Erforschen und Ausprobieren. Kappeler weiss, wie sie dem Zufall auf die Sprünge helfen kann, um kleine Imperfektionen ins Bild zu zaubern. Hier ein Fingerabdruck, da ein Lichtfleck oder Schattierungen an den Rändern sind durchaus willkommen. „Mir gefällt das Spiel mit den Fehlern“, sagt die Fotografin. Zusammen mit Unschärfen und verblassten Farben lassen sie viele Fotografien wie Gemälde wirken.
Ein Leben mit der Fotografie
Simone Kappeler ist 1952 in Frauenfeld geboren, wo sie auch heute wieder lebt. Schon in der Primarschule hat sie angefangen zu fotografieren. „Ich bekam eine einfache Kamera von einer Freundin meiner Mutter – eine kleine Kodak Brownie Baby“.
Nach der Schule schlug sie jedoch nicht direkt den Weg der professionelles Fotografin ein, sondern begann zunächst ein Studium der Biologie. Da sei es aber vor allem um die Systematik der Arten gegangen. „Das war mir zu langweilig“, sagt sie. Also stieg sie um auf Germanistik und Kunstgeschichte. Und auch diese Fächer waren ihr zu theoretisch. Schließlich studiert sie von 1975 bis 1979 Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich.
„Simone Kappeler zählt zu den wichtigsten Fotografinnen der Schweiz“, sagt Stefanie Hoch, stellvertretende Direktorin des Kunstmuseums Thurgau, „sie ist eine Fotografin, die sich sehr achtsam ins Detail vertieft – das, was man sonst vielleicht übersieht.“
Fotografieren ohne Kamera – nur mit Papier
Ein ganzer Ausstellungsraum ist durch die Farbe Blau geprägt: Er zeigt Simone Kappelers Cyanotypien. Eine Technik, die im 19. Jahrhundert erfunden wurde und bei der Fotopapier so präpariert wird, dass es beim Kontakt mit UV-Strahlen reagiert. Da wo Licht auf das Papier trifft, färbt es sich blau. Die Umrisse von Gräsern, Blumen und Blättern, die dem Licht im Weg stehen, bleiben als helle Abrücke auf dem Papier zurück.
Das Besondere an Simone Kappelers Cyanotypien ist, dass sie die Pflanzen nicht ausreisst und auf das Fotopapier legt. Damit unterscheiden sich die Bilder etwa von den Cyanotypien der britischen Botanikerin Anna Atkins, die als eine der ersten mit dieser Technik experimentierte und sie bekannt machte. “Es ist eben nature vivante – es ist immer noch lebendige Natur“, sagt Kurator Florian Hürlimann und spielt damit auf den Titel der Ausstellung an.
Der Titel ist übrigens eine Anspielung auf «nature morte», Stilleben bestehend aus Blumensträussen in Vasen, Früchten, Lebensmitteln und und anderen unbelebten Objekten. Simone Kappeler nimmt in einer Serie an Fotos Bezug auf dieses Genre der Malerei, das im Barock seinen Höhepunkt hatte. Es sind die einzigen Bilder der Ausstellung, die Simone Kappeler mit einer Digitalkamera aufgenommen hat: Schmetterlinge an Sträuchern oder Gräsern, der Hintergrund ist dunkel bis schwarz.
Die Ästhetik ähnelt den barocken Stillleben, aber in den Fotografien flattern die Sommervögel in der freien Natur zwischen lebendigen Pflanzen – eine «nature vivante». Die «nature morte» des Barock tragen verborgene Nachrichten, oft geht es um die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Auch in den Schmetterlingsaufnahmen schwingt ein Hauch von Vergänglichkeit und Wehmut mit – denn wer weiss, wie lange es diese üppige und lebendige Natur, die die Fotografien von Simone Kappeler prägt, noch geben wird.
Das Rahmenprogramm zur Ausstellung
Die Ausstellung läuft vom 13.September 2026 bis zum 21. Februar 2027.
Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung
Samstag, 19. September 2026, 13.45 Uhr
Ausstellungsrundgang mit allen Sinnen
Fotografie riechen, schmecken, hören, fühlen – mit Gabriel Kuhn, Künstler, und Florian Hürlimann, Kurator.
Assistenzhunde sind selbstverständlich willkommen.
Sonntag, 11. Oktober 2026, 14 Uhr
Buchpräsentation «Simone Kappeler – Handwurz und Zittergras»
Mit einem Gespräch über das Büchermachen mit Simone Kappeler und Nadine Olonetzky, Publizistin
Sonntag, 25. Oktober 2026, 9.45 bis 16 Uhr
Florales – Malend auf Entdeckungsreise gehen
Kreativ-Workshop für Erwachsene mit Cristina Witzig, Künstlerin und Kulturvermittlerin
Dienstag, 3. November 2026, 19 Uhr und Mittwoch, 4. November 2026, 14 Uhr
Frauen-Kunst-Club mit Simone Kappeler
Moderiert von Sabine Münzenmaier, Leiterin Kulturvermittlung
Sonntag, 8. November 2026, 11.45 Uhr
Festhalten was vergeht
Dialogrundgang mit Simone Kappeler und Prof. Dr. Bernd Stiegler, Professor für Neuere Deutsche Literatur
im medialen Kontext, Universität Konstanz
Sonntag, 22. November 2026, 11.45 Uhr
Ausstellungsrundgang mit allen Sinnen
Fotografie riechen, schmecken, hören, fühlen – mit Gabriel Kuhn, Künstler, und Florian Hürlimann, Kurator.
Assistenzhunde sind selbstverständlich willkommen.
Sonntag, 6. Dezember 2026, 15 Uhr
Öffentliche Führung durch die Ausstellung
Mit Florian Hürlimann, Kurator
Angebote für Schulklassen
Workshops oder Führungen für Schulklassen aller Stufen.
Individuelle Termine auf Anfrage: sekretariat.kunstmuseum@tg.ch
Weitere Veranstaltungen und Informationen auf der Website www.kunstmuseum.tg.ch

Von Vera Pache
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