von Brigitta Hochuli, 02.06.2012
Vorläufiges Aus für neues Thurgau-Buch

Zwei Konzepte für einen Foto- und Textband aus dem Benteli Verlag finden beim Kanton keine Gnade. Für Gelder aus dem Lotteriefonds müsste eine dritte Eingabe her.
Brigitta Hochuli
Im März berichtete thurgaukultur.ch über ein neues Thurgau-Buch aus dem Benteli Verlag in Sulgen. Das Konzept hatte der Kulturpublizist Alex Bänninger erarbeitet, und die Vorfreude war gross. Benteli-Verlagsleiterin Cornelia Mechler bezeichnete Bänninger in einem Interview als Glücksgriff und den geplanten Fotoband als eine Art Geschenk. Ab Mai hätte produziert werden sollen.
„Kompetenz abgesprochen“
Jetzt steht das Projekt vor dem voläufigen Aus. Alex Bänninger berichtet in einem Brief von der unerwarteten „finanziellen Hiobsbotschaft“, die das Projekt scheitern lasse. „Das Kulturamt lehnt einen Beitrag aus dem Lotteriefonds ab. Für diese wichtigste Geldquelle fehlt eine Alternative“, schreibt Bänninger. Der Grund aus seiner Perspektive: Das Kulturamt sei überzeugt, es gelinge weder dem Verlag Benteli noch der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse, dem Historiker und Journalisten Markus Schär, den Gestaltern Susanna Entress und Urs Stuber und ihm, ein fundiertes, lesenswertes und resonanzkräftiges Thurgau-Buch zu realisieren. Diese Kompetenz werde auch den Fotoschaffenden Barnabas Bosshart, Othmar Eder, Roland Iselin, Christian Schwager, Judith Stadler, Ernst Thoma, Esther van der Bie und Cécile Wick abgesprochen, die ihre Bereitschaft zur Mitarbeit mit Freude bekundet hätten.
„Ideelle Investition nicht abgeschrieben“
Alex Bänninger gibt aber nicht auf. Beim bisher entwickelten Projekt handle es sich um eine ideelle Investition, die er nicht abschreibe, sondern in ein neues Konzept einbringen werde, verspricht er. Dass er mit dieser Haltung Erfolg haben könnte, bestätigt Kulturamtchef René Munz. Dem Vorhaben, einen aktuellen und informativen Fotoband über den Thurgau herauszugeben, stehe das Kulturamt absolut positiv gegenüber und traue dies den beteiligten Autorinnen und Autoren sowie Fotografinnen und Fotografen durchaus zu, bekräftigt er auf Anfrage. „Wir würden ein entsprechendes Projekt, vom renommierten Benteli Verlag herausgegeben, gerne dem Regierungsrat zur Unterstützung empfehlen.“
„Zwiespältiger Eindruck“
Das vorliegende Projektdossier habe jedoch beim zehnköpfigen Fachgremium des Kulturamtes einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen, bedauert René Munz. Skepsis bereite etwa die äusserst ambitionierte Absicht, in einer Art Kompendium über den Thurgau auf 180 Seiten Kunstfotografien, einen Geschichtsabriss von den Pfahlbauern bis zur Gegenwart, literarische Essays, journalistische Interviews, ein Thurgauer Lexikon sowie eine englischsprachige Zusammenfassung überzeugend unterzubringen. Die zudem nicht beantwortete Frage, was genau die Idee dahinter sei und wer damit angesprochen werden solle, sei aber nicht der Grund für eine Ablehnung des Antrags. „Wir wollen dem Verlag ja nicht in inhaltliche Belange hineinreden“, räumt Munz ein. Jedoch komme das Fachgremium nicht darum herum, konzeptionelle Fragen im Zusammenhang mit der Finanzierung beziehungsweise mit der Höhe eines Lotteriefondsbeitrags zu beurteilen.
„Gesamtkosten bei weitem nicht gedeckt“
Im ersten Antrag Anfang Jahr sei mit einem Verkauf von gerade mal 800 Exemplaren gerechnet worden. Vom Lotteriefonds hätten die Projektverfasser verlangt, dass jedes Buch mit 50 Franken unterstützt werde. „So kommt kein Buchprojekt daher, von dem ein Verlag überzeugt ist, dass es gefragt ist und dass es sich verkaufen lässt“, erklärt der Kulturamtchef. „Deshalb haben wir den Antrag zurückgewiesen.“
In einem zweiten Anlauf hätten die Verfasser den Inhalt des Projekts etwas konkretisiert, insbesondere sei er mit den Namen möglicher oder tatsächlicher Autoren und Fotografen ergänzt worden. Die Zahl der verkauften Exemplare sei jetzt mit 1500 angenommen worden, gleichzeitig habe man für das noch immer gleiche Projekt ein um 50'000 Franken höheres Budget präsentiert. Dieses Budget dürfe im Vergleich mit andern Verlagskalkulationen wohl als grosszügig bezeichnet werden.
Gleichzeitig sei aber ein noch höherer Beitrag aus dem Lotteriefonds erwartet worden als im ersten Antrag. „Gemäss Finanzierungsplan können aber trotzdem die Gesamtkosten bei weitem nicht gedeckt werden“, meint René Munz. Die Finanzierbarkeit eines Projekts sei jedoch laut Verordnung des Regierungsrats eine Voraussetzung für die Gewährung eines Lotteriefondsbeitrags. Das gelte für alle Projekte gleichermassen. „Und weil das Kulturamt zur Gleichbehandlung der Gesuchsteller verpflichtet ist, haben wir dem Benteli Verlag empfohlen, das Konzept und insbesondere die Finanzierungsfragen noch einmal zu überarbeiten - in der Hoffnung, dass schliesslich ein überzeugendes, attraktives Fotobuch über den Thurgau auf der Grundlage einer realistischen Verlagskalkulation realisiert werden kann.“
„Alles andere als chaotisch“
Ob das Projekt tatsächlich inhaltlich zu vast und finanziell zu schwach budgetiert sei, wollten wir von Benteli-Verlagsleiterin Cornelia Mechler wissen. Das Konzept sei sehr ausführlich ausgearbeitet worden, sagt sie. Das Buch-Team habe sich sowohl über die Auswahl der Beteiligten wie auch über die Auswahl der zu behandelnden Thematiken genaue Gedanken gemacht. „Eventuell hätte man im Laufe der Texterarbeitung gemerkt, dass gewisse Dinge zu viel sind.“ Trotzdem sei das Buchkonzept „alles andere als chaotisch oder überfrachtet“. Zum Finanziellen äussere sie sich in diesem Rahmen nicht. Für das Kulturamt seien die Posten aber „ziemlich klar“ zuzuordnen. „Keiner der Beteiligten hätte sich an diesem Buch ,bereichern‘ können. Der Verlag zu allerletzt.“ Das Projekt abzuspecken, wäre eine Option gewesen. „Es war nichts in Stein gemeisselt.“
„Sehr, sehr viel Zeit und nicht wenig Geld investiert“
Entgegen der Meinung des kantonalen Fachgremiums glaubt Cornelia Mechler an die Verkaufbarkeit des geplanten neuen Thurgau-Buchs. Und zwar „gerade weil es durch die unterschiedlichen Aspekte auch ganz verschiedene Buchkäufer angesprochen hätte“. Dass es allerdings kein Bestseller geworden wäre, sei klar gewesen. Ob sie das Konzept nochmals überarbeiten lasse? „Mal sehen“, sagt die Verlagsleiterin. Auf jeden Fall sei in das Projekt aber schon „sehr, sehr viel Zeit und auch nicht wenig Geld investiert“ worden. Diese Vorleistung von Verlagsseite sei im Grunde auch üblich. Sie gehe nur leider selten in die Überlegungen der Gesuchsentscheidenen ein.
Dass das neue Thurgau-Buch eine Marktlücke ausfüllen würde, steht für Cornelia Mechler ausser Frage. „Es gibt kein aktuelles und schönes Buch über den Kanton Thurgau.“ Das habe ihr das Kulturamt bestätigt. Deshalb sei die Idee auch grundsätzlich gutgeheissen worden. „Dass das Konzept auch im zweiten Anlauf nicht überzeugen konnte, ist enttäuschend. Wir akzeptieren aber die Entscheidung.“

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Literatur
- Kulturpolitik
Kommt vor in diesen Interessen
- Fotografie
Ähnliche Beiträge
Das Anti-Langeweile-Programm
Lasst uns was gemeinsam machen! Das ist die zentrale Devise des Projektes „Was brauchen wir?“ von Ira Titova und Isabelle Krieg. Damit stehen sie am 7. Juli im Finale des Wettbewerbs „Ratartouille“. mehr
Förderbeiträge an sechs Thurgauer Kulturschaffende
Regierungsrätin Monika Knill hat am gestern Mittwochabend im Greuterhof in Islikon die Förderbeiträge 2023 an sechs Kulturschaffende aus dem Kanton Thurgau übergeben. mehr
Was Kultur kann
Die Vergabefeier der Förderbeiträge des Kantons zeigte, wie vielfältig das Kulturschaffen im Thurgau auch nach der Pandemie noch ist. mehr

