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von Brigitta Hochuli, 20.08.2012

Verschont

Verschont
Peter Kamm am Montag auf dem Brandgelände. Sein Atelier ist im Backstein-Gebäude ca 100 Meter in seinem Rücken. | © Marcel Elsener

Brigitta Hochuli

Auf dem Areal des Saurer Werk-2 in Arbon hat seit zwanzig Jahren der Künstler Peter Kamm sein Atelier. Als es vor zehn Jahren hier schon einmal brannte, war der Brandherd 70 Meter, am Sonntag 100 Meter entfernt. Telefonisch erreichen kann ich ihn seit Tagen nicht. Eine kurze Antwort auf meine Mail-Anfrage muss genügen. „Mir geht es gut! Mit einigem Schrecken in den Knochen, was da hochkommt vom Brand 2002 und was dieser Brand halt in der Perspektive ,Atelier wie weiter auf diesem Gelände‘ bedeutet! Ich habe grosses Glück. Mein Atelier ist zum zweiten Mal verschont geblieben.“

Der Verlust dieses Ateliers wäre eine Katastrophe. Der Steinbildhauer Peter Kamm sammelt und archiviert dort Bücher, Schallplatten, Plakate. Seine Skulpturen hätten einen Brand ja vielleicht überstanden, meint sein Freund, der Tagblatt-Journalist Marcel Elsener, das Archiv aber nicht! Elsener war zusammen mit dem Künstler auf dem Brandplatz und hat ihn mit dem I-Phone fotografiert.

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Zu Peter Kamm hat die Kulturstiftung des Kantons Thurgau übrigens einen „Facetten“-Band herausgegeben.

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Ebenfalls auf den Brand reagiert hat der Thurgauer Autor Stefan Keller. „Nach der materiellen Vernichtung eines Kulturdenkmals, eines über hundertfünfzig Jahre funktionierenden Werkplatzes, bleibt nur die historische Überlieferung: In diesen verschwundenen Hallen haben Tausende Menschen gearbeitet und einen grossen Teil ihres Lebens verbracht. Wie es ihnen dort ergangen sein mag?“, frägt er.

Über die Menschen, die bei Saurer gearbeitet haben, hat Keller die Geschichte verfasst. „Die Zeit der Fabriken“ beginnt mit der Selbsttötung des jungen Arbeiters Emil Baumann im Januar 1935 und dem Tod des Unternehmers, Ingenieurs, Erfinders und Chefs der AG Adolph Saurer, Hippolyt Saurer, ein Jahr später. Er starb an den Folgen einer Mandeloperation. An die Begräbnisse der beiden Toten erinnerten sich alte Arbeiter heute noch, schreibt der Rotpunktverlag zu Kellers Buch. Es sei „eine Geschichte mit vielen Geschichten“. Am Sonntag, 19. August, wurde ihr ein neues Kapitel hinzugefügt.

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Stefan Keller: Die Zeit der Fabriken, 2001, Rotpunktverlag, Zürich, 240 Seiten, 34 Franken

 

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