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von Roland Schäfli, 05.03.2026

Kultur poppt ab – und zu

Kultur poppt ab – und zu
Kultur mit Ablaufdatum: Willkommen im Pop-up-Zeitalter! | © zVg

Der Pop-up-Kulturevent wird, ja, immer pop-ulärer. Heute offen, morgen schon wieder zu. Kunst, so lange der Vorrat reicht! Die Kolumne «Der Thurgaukler» zeigt den Trend ebenso gehetzt: in der Lesedauer von nur 2 Minuten.

Früher mal war ein Pop-up ein Buch, in dem sich Bilder aufrichteten, wenn man es aufschlug. Was sich nicht einmal durch einen Pop-up-Blocker verhindern liess. Jetzt aber bezeichnet der Begriff ein neues kulturelles Phänomen. Es ist die höfliche Art zu sagen: Beeil dich mal, sonst kommst du zu spät in die Kultur! Man hat nämlich einen Termin mit Kunst, den man gar nicht abgemacht hat.

In so einem Event bin ich kein Gaffer wie bei einem Autounfall, nein, ich werde in die Katastrophe integriert. Umständlich auch eine «labile Plattform» genannt (was beim Sport eine Weichschaummatratze ist), also ein nicht stabiles Gefäss, das Instabilität als Chance versteht.

So spontan wie ein Single beim Speed-Dating

Im Einzelhandel hat sich das beliebte Marketing-Tool längst bewiesen: Profitiere jetzt – überlege später! Das ködert die Schnäppchenjäger. Die Gunst-der-Stunde-Nutzenden. Darum poppen Kulturanlässe an Orten auf, an denen ich nicht auf sie gefasst und wehrlos und überhaupt nicht passend gekleidet bin. Als Besucher bin ich so spontan wie ein Single beim Speed-Dating. Ohne kulturelle Berührungsängste. Der erste Eindruck ist alles. Ein One-Night-Stand ohne Versprechen auf ein Wiedersehen. Wie eine Theateraufführung ohne Generalprobe ist das Pop-up die inoffizielle Reform unserer Kulturpolitik.

Läuft ohne klassische Werbung, alles über die Online-Buschtrommel. Darum findet sich die unverbindliche junge Generation gut damit zurecht: Guck heute schon mal vorbei und entscheide morgen, ob du überhaupt hingehen willst. Wenn du einen Pop-Upper fragst, ob er dir die Tickets mit der Post schicken kann, gehörst du da definitiv nicht hin (erst recht, wenn du «Tickets» sagst, nicht «Tics»).

 

Heute Kunst, morgen weg: Leben in der Pop-up-Kultur. Bild: zVg

Was FOMO mit mir macht

Ein Risiko hat die Kultur mit dem Ablaufdatum eines Joghurts allerdings: sie erhöht dramatisch meine FOMO. Fear of Missing Out – die Urangst des Ich-könnte-was-verpassen, wogegen es noch immer keine Impfung gibt. Ich gehe nicht hin, weil ich will – sondern weil ich es sonst versäume. Und dann das neue Cybermobbing: wenn Facebook-Freunde mir nicht weitersagen, bei welchem angesagten Pop-up man sich trifft.

Plötzlich auf- und abtauchende Anlässe sind so frustrierend wie Whale Watching, wenn man das Selfie mit dem Pottwal nicht machen konnte. Schneller als jeder Tripadvisor-Kritiker sind sie das kulturelle Pendant zur Push-Nachricht: ich klicke reflexartig, selbst wenn ich sie gar nicht lesen will. Pop-up ist meine allerneueste Zwangsstörung.

Wenn die klassische Kultur eine Mietwohnung ist, dann ist die Pop-up-Kultur ein Airbnb. Dank Lückenbüsser-Kultur werden Leerstände in Gewerbeliegenschaften endlich wieder genutzt. Der Raum wird neu gedacht, die Hausordnung kurzzeitig ausser Kraft gesetzt.

Für Kulturschaffende nur Vorteile!

Für die Kulturschaffenden überwiegen die Vorteile: Das Temporär-Erlebnis ist ein Testlabor: bei Nicht-Erscheinen des Publikums können sie das Flop-up so schnell schliessen, wie sie es aufgemacht haben. Scheitert eine Kunstinstallation, war sie ein «Experiment».

Flüchtige Kulturevents gab es freilich schon immer, sie hatten nur nicht so eine coole Bezeichnung. Im Mittelalter war das Pop-up der Pranger, mit einem Einzeldarsteller, oft war sogar ein Tritt frei. Oder das Kuriositätenkabinett, diese Wanderbühne ohne Bildungsauftrag: es führte kleinwüchsige Männer und Frauen mit Bärten vor – schon damals brachen Kulturschaffende bewusst die Gender-Rollen auf.

Dieses Urban Utopia regt durchaus zum Nachdenken an. Die Vergänglichkeit des Pop-ups erinnert an die unsere. Sind wir nicht auch nur ein Pop-up? Gerade noch hier, morgen schon wieder weg? Auch wir sind nur temporär installiert. Ein kultureller Gastauftritt, demnächst offline. Hallo, ich war auch da!

Mehr von dieser Kolumne!

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

 

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