von Brigitta Hochuli, 14.11.2010
Verkannt

Brigitta Hochuli
Adolf Dietrich wird zurzeit in Studen bei Biel gezeigt. Grossen Anteil an dieser Ausstellung hat das Kunstmuseum Thurgau. Wovon Direktor Markus Landert in einem Interview aber nicht geschwärmt hat, ist das Aufsehen, das Dietrich im Frühling in New York erregt hat. Dort kombinierte Gianni Jetzer vom Swiss Institute den Maler vom Untersee mit Werken des Amerikaners Richard Phillips, ein Pop-Art Künstler, der Dietrich kopiert und verfremdet und in der Kartause auch schon zu sehen war. Grossen Anteil an der Dietrich-Show in New York hatte wiederum das Kunstmuseum Thurgau – mit Werken des Berlingers und Texten von Markus Landert und der früheren und heutigen Kuratorinnen im Katalog.
Dass Richard Phillips Adolf Dietrich angeblich in der Zürcher „Kronenhalle“ und nicht in Ittingen entdeckt hat, kann ich nachvollziehen. Dass aber die SonntagsZeitung (14.11.2010) „unseren“ Dietrich deswegen einen „verkannten Schweizer Maler“ nennt, ärgert mich masslos. Ist, was grossartig ist, verkannt, weil es thurgauisch ist? Ich finde, ein bisschen auftrumpfen könnten wir schon.
***
Kommentare
Hans Jörg Höhener | 15.11.2010, 22.17 Uhr
Liebe Brigitta Hochuli
Ja es gibt sie hie und da alle paar Schaltjahre – die grossen Adolf Dietrich Ausstellungen im Kunstmuseum in der Kartause Ittingen. Dazu wurde das Werk – teilweise im Besitz der Thurgauischen Kunstgesellschaft und in Ittingen als Leihgabe deponiert – mit verschiedensten Ansätze sorgfältig und aufwändig erforscht und dokumentiert.
Nur sieht man davon in der Regel im Kunstmuseum absolut nichts! Eine umfassende Werkgruppe von Adolf Dietrich mit erläuternden Materialien, seien es Fotos, Skizzenbücher, Brief, Kopien usf. findet man nur auf Anfrage im Archiv. Schade! Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Dietrich selbst würde dieses Desinteresse mit Fassung tragen; schon zu seinen Lebzeiten waren die Thurgauer nicht seine wichtigsten Förderer.
Markus Landert | 23.11.2010, 17.49 Uhr
Lieber Hans Jörg Höhener
Natürlich hast Du recht. Dietrichs Werke könnte im Kunstmuseum Thurgau noch viel breiter gezeigt werden. Aber immerhin ist Dietrich der einzige Thurgauer Künstler, von dem ständig Bildergezeigt werden, aktuell etwa das neu erworbene Werk “Vater die Treppe hinaufsteigend” innerhalb einer sehr schönen und repräsentativen Werkgruppe des Künstlers. Und Anfang dieses Jahres wurden eine Auswahl von Dietrichs Zeichnungen und Pastelle in den Kontext von Fotografien von Simone Kappeler oder einer grossformatigen Zeichnung von Otmar Eder gezeigt. Dietrich wurde gleichsam als zeitgenössischer Künstler vorgestellt, eine Zusammenstellung die die Aktualität seines Schaffens und die Qualität seiner Bilder excellent zur Geltung brachte. Die Fragilität der Arbeiten auf Papier lässt es leider nicht zu, solche Konstellationen ständig zu zeigen.
Von Desinteresse kann also keine Rede sein. Im Gegenteil. Dass Dietrich in Studen und in New York so viel Aufmerksamkeit erhält, basiert wesentlich auf der Arbeit der Kunstgesellschaft und des Kunstmuseums Thurgau. Richard Phillips hat Dietrich zwar in der Kronenhalle in Zürich zum ersten mal gesehen, wirklich kennengelernt aber hat er dessen Werke in der Ausstellung und im Depot des Kunstmuseums Thurgau. Und wenn er den “verkannten” Dietrich für sich neu entdeckt, so hat dieses Staunen des Amerikaners mehr damit zu tun, dass es – leider – bis anhin kaum englische Texte über Dietrich gibt.
Wer noch immer nicht genug Dietrich im Kunstmuseum findet, den kann ich auf das Jahresprogramm 2011 vertrösten. Ab dem 29. Mai wird Phillips Plädoyer für die Malerei seines Kollegen Adolf Dietrich in der Kartause Ittingen zu sehen sein.

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