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von Roland Schäfli, 21.01.2026

Ehrenamt: Like, aber nicht teilen

Ehrenamt: Like, aber nicht teilen
Das Ehrenamt als Relikt der Vergangenheit? Unsere neue Kolumne greift die Frage auf, ob freiwilliges Engagement noch Zukunft hat oder bereits zur musealen Erinnerung geworden ist. | © KI generiert

Ist das Ehrenamt noch zu retten? Roland Schäfli hat in der ersten Ausgabe seiner neuen satirischen Kolumne «Der Thurgaukler» so seine Zweifel. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Das Ehrenamt ist museumsreif, die Epoche abgeschlossen. In den Schweizer Heimatmuseen soll die Ausstellung «Ehrenamt: Beta-Version eingestellt» zu sehen sein. Sie wird das Schaffen der Milizgeneration ehren, aber gleichzeitig aufarbeiten, was das früher so robuste Freiwilligensystem in die Knie zwang. 

Zentrales Exponat der Präsentation: ein ausgestopfter Präsident eines Kulturvereins (Leihgabe). Gebückte Haltung, mit Burnout-Blick, in der Hand ein Smartphone mit Dutzenden SMS: «Findet der Event bei jedem Wetter statt?» An der Wand die originale Messingplakette, die er bei seinem Ausscheiden erhielt: «Zum Dank für 30 Jahre aufopfernden Dienst».

 

Mehr zur neuen Kolumne «Der Thurgaukler»

«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Mit Ironie, Zuspitzung und bewusst überzeichneten Bildern beleuchtet sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, die wir oft achselzuckend hinnehmen. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister. Die Kolumne erscheint künftig alle zwei Wochen. Alle Ausgaben bündeln wir in einem eigenen Themendossier.

Der Autor: Roland Schäfli ist Journalist, Autor und Thurgauer. Er schreibt seit Jahren für verschiedene Medien in der Schweiz und im Ausland über Kultur, Gesellschaft und das, was offiziell längst erklärt, aber praktisch noch immer unklar ist.  

Ein Pensionär und 40 leere Holzstühle

Als Hologramm: zwei ineinandergreifende Hände stellen eine Geste aus jener Ära dar, den «Handschlag», mit dem man verbindlich zusagte. Ohne Doodle, ohne kurzfristige Absage per WhatsApp.

Als Projektion: ein Ehrenamts-Inserat, was unter Historikern generell als letztes Aufbäumen der Vereine gegen schwindenden Einsatzwillen gilt: Gesucht: Präsident / Kassier / Aktuar / Konfliktmanager (man beachte die durchwegs maskuline Schreibweise, Frauen wurden nur für den Kuchenverkauf angefragt). Pensum: 200 Prozent. Dank: unregelmässig. 

Als Rauminstallation: originalgetreuer Gemeindesaal, in dem Milizvereine tagten, mit 40 leeren Holzstühlen, nur ein Platz ist besetzt, vom Pensionär, der anschliessend aufräumt. 

Bestseller im Souvenir-Shop: Kühlschrankmagnet «Warum ich?» und das Kinder-Malbuch «Stell dir vor, es ist freiwillig und du gehst nicht hin». 

Kann ChatGPT das nicht machen?

In der Schweizer Beteiligungsdemokratie galt das Milizwesen als zentrale Säule. Wie sie einstürzen konnte, obwohl das Ehrenamt noch unter Heimatschutz gestellt wurde, behandelt der letzte Teil der Exhibition.

Das Vereinssterben blieb weitgehend unentdeckt, weil derjenige Freiwillige, der jeweils für die Zeitung den Vereinsbericht schrieb, als erster starb. In einer Zeit, in der das Hüten von Enkelkindern schon als Ehrenamt bezeichnet wird und Ehemänner meinen, sie engagieren sich freiwillig, wenn sie im Haushalt mithelfen, fiel es zunehmend schwer, Helfer zu finden. Dieser Zeitgeist zeigte sich in Bundesratswahlen, wenn Wunschkandidaten abwinkten und zeitraubende Hobbys geltend machten. Als Todeszeitpunkt gilt das Datum, als jemand ChatGPT fragte, ob nicht ein ChatBot sein Ehrenamt übernehmen könnte. 

Ist es wirklich zu spät für unsere entsolidarisierte Gesellschaft? Oder ist das Image einfach nicht sexy genug? Das zeigt sich schon bei der altbackenen Bezeichnung, die sich aus zwei sich ausschliessenden Hauptworten zusammensetzt: Freiwilligen und Arbeit. Heute nennt man das Volunteering. 

Wie wir wieder Schwung in die Sache kriegen

Das Building einer Volunteer-Community hängt vom Wording ab: um das Gemeinwohl wieder zukunftsfähig zu machen, müssen wir es lediglich für Individualisten attraktiver machen. Für Karrieristen: Ja, du kannst Freiwilligenarbeit als Praktikum in deinem CV angeben. Für Beziehungswillige: Ja, du lernst dort Singles mit ähnlichen Interessen kennen. Für Social Media Aktivisten: Ja, du kannst dies deinem eigenen Wiki-Eintrag hinzufügen. Für Nachhaltige: Ja, dafür erhälst du ein Greenwashing-Zertifikat. Für Familienplaner: Ja, wenn du heute Waisenkindern hilfst, kriegst du später einfacher einen Kita-Platz. 

Neue Generationen können nur mit Verkaufsslogans überzeugt werden: «Ehrenamt: ohne Abo-Pflicht» / «Lohnt sich emotional, jetzt auch als Selbstoptimierung» / «Für alle, die sonst nichts vorhaben und auf Netflix nix läuft» / «Wenigstens muss man dabei nicht auch noch Blut spenden» / «Nur hier: kein Dichtestress!»  

Verschwunden ist das Ehrenamt freilich nicht. Es ist nur dort gelandet, wo wir alles lagern, was uns früher einmal wichtig war: im Museum. Öffnungszeiten: je nach Personalressourcen

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