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von Vera Pache, 05.10.2026

Ruhe, Wasser und ein Ort zum Schreiben

Ruhe, Wasser und ein Ort zum Schreiben
Der Blick von Gottlieben auf den Seerhein und das Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried. | © Vera Pache

Die Thurgauische Bodman-Stiftung vergibt jedes Jahr zwei Literaturstipendien an Autor:innen, um im beschaulichen Gottlieben in Ruhe zu schreiben. In der Literaturwelt hat das Dorf dadurch inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Die kurzen Haare von Andreas Sauter sind noch etwas nass, auf einer improvisierten Wäscheleine trocknen die Badesachen. „Das Wasser war für mich entscheidend. Und dass Gottlieben es so klein ist. Ich lebe in Berlin und wenn ich irgendwohin, auch in den Urlaub fahre, dann gehe ich lieber in die Natur als in Grossstädte“, antwortet der Autor auf die Frage, warum er sich für das Literaturstipendium in Gottlieben beworben hat. Es sind nicht die einzigen Gründe.

 

Andreas Sauter ist einer der Stipendiaten, die 2026 im Bodmanhaus residieren. Bild: Vera Pache

 

Andreas Sauter ist einer von zwei Stipendiaten, die 2026 ausgewählt wurden, um einige Zeit im Bodmanhaus in Gottlieben zu wohnen und zu schreiben. Er sitzt auf dem überdachten Holzbalkon, der zur Stipendiaten-Wohnung gehört und blickt auf den Kirchturm und Fachwerkhäuser.

Gottlieben liegt am Bodensee, genauer am Seerhein – auf der gegenüberliegenden Seite erstreckt sich ein Naturschutzgebiet. Das Dorf hat rund 360 Einwohner:innen, ein Schloss, mehrere Cafés, eine Fabrik, von der aus manchmal ein feiner Waffel-Duft über den Ort weht, und das Bodmanhaus. Es liegt mitten im Ort, am von Bäumen gesäumten Dorfplatz.

 

Das Bodman-Haus in Gottlieben. Bild: Vera Pache

Der Dichter Freiherr Emanuel von Bodman schrieb schon in diesem Haus

Die Sonne wirft ihre Strahlen durch die Sprossenfenster und wärmt den Holzboden. Treppenstufen knarren. Namensgeber des Hauses ist der Dichter Freiherr Emanuel von Bodman, der hier 1920 zusammen mit seiner Frau Clara einzog und bis zu seinem Tod (1946) lebte. Sein altes Arbeitszimmer, in dem er Dramen, Erzählungen und Gedichte verfasste, dient heute als Gedenkstätte.

Als Clara von Bodman im Jahr 1982 starb, war das Haus zunächst sich selbst überlassen (mehr zur Geschichte des Hauses gibt es hier). „Das kann man sich gar nicht vorstellen – mitten in dem schönen Dorfzentrum ein verfallendes Haus“, sagt Monika Fischer, Leiterin der Geschäftsstelle des Bodmanhauses und der Thurgauischen Bodman-Stiftung. In den 1990er Jahren gründeten einige Initiatoren die Stiftung und sammelten Geld, um das Haus sanieren zu lassen. Im Jahr 2000 wurde es eröffnet. Heute beherbergt es unter anderem die Werkstatt einer Buchbinderin, das Literaturhaus Thurgau und ein kleines Appartment, in dem die Stipendiat:innen und auch andere Autor:innen zeitweise wohnen und schreiben können.

Videolesung aus einem Theaterstück von Andreas Sauter

Jedes Jahr gehen mehr als 100 Bewerbungen ein

Einmal im Jahr wird das von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau geförderte Literaturstipendium ausgeschrieben. Autor:innen können sich eigenständig bewerben. Voraussetzung ist, dass sie mindestens ein Buch veröffentlicht haben. „Ein Artikel in einem Sammelband würde nicht genügen“, sagt Monika Fischer, die sich seit 2023 um die jährliche Ausschreibung kümmert. Es muss ein Buch in einem richtigen Verlag sein – Eigenverlag oder Books on Demand zählen nicht. 

Das Zeitfenster für die Bewerbung ist recht kurz. Nur eine Woche ist die Anzeige online. Dieser Zeitraum reicht aus, dass um die 100 Bewerbungen bei Monika Fischer eingehen. Die meisten kommen aus Deutschland, aus der Schweiz und aus Österreich. Und dann gibt es einzelne Autor:innen von überall her, die sich bewerben. „Mal jemand aus Italien, wir hatten auch schon Bewerbungen aus den USA und aus Kasachstan“, so Fischer.

Familienfreundliches Stipendium – und gut dotiert

Für viele Menschen jenseits des Thurgaus dürfte das kleine Gottlieben unbekannt sein. In der Literaturwelt hingegen hat es inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Denn für professionelle Autor:innen ist es äusserst attraktiv. Sie dürfen für zwei Monate in das kleine Appartment im Bodmanhaus ziehen. Ausgestattet mit einem grossen Schreibtisch, einer Küchenzeile, Schlaf- und Badezimmer. „Wir versuchen auch, das Stipendium familienfreundlich auszugestalten, dass man eben auch mal das Kind mitbringen kann“, sagt Monika Fischer. Auch Partner:innen dürfen mit- oder vorbeikommen. Bei anderen Literaturstipendien sei das oft nicht möglich. Die Stipendiaten müssen die zwei Monate auch nicht am Stück in Gottlieben verbringen, sondern können sie auf zwei oder drei Aufenthalte aufteilen.

 

Monika Fischer vom Literaturhaus Thurgau kümmert sich um die Stipendiat:innen. Bild: Vera Pache

 

So wie Andreas Sauter. Er hatte sich schon früher für das Stipendium beworben. Und dieses Mal bekam er die Zusage. Im April 2026 hat er einige Wochen in Gottlieben geschrieben und dann noch einmal im Sommer. „Das Stipendium ist aussergewöhnlich gut dotiert. Das ist auch ein Grund, warum ich mich beworben habe. Weil man wirklich davon leben kann. Und wenn du aus Deutschland kommst, sogar nicht nur in der Zeit, in der man hier ist“, sagt der Autor. Die Stipendiat:innen erhalten pro Monat 4'000 Schweizer Franken. Ausserdem gibt es die Möglichkeit, eine Lesung zu machen. „Es ist keine Bedingung, aber wer möchte,  kann das machen und bis jetzt hat es immer geklappt“, sagt Monika Fischer. Und für die Lesung gibt es dann noch einmal eine Aufwandsentschädigung.

„Diese Zeit hier bedeutet ja einfach, ich bin bezahlt für die Zeit, in der ich an dem Text arbeite.“

Andreas Sauter, Autor

Andreas Sauter ist in Chur aufgewachsen, lebt aber schon lange in Berlin und schreibt vor allem Theaterstücke und Hörspiele. Er arbeitet auch als Regisseur. Seit längerem schreibt er an einem Text, der zunächst als Theaterstück gedacht war. „Im Verlauf dieses Schreibprozesses hat sich das immer mehr ins Erzählerische entwickelt“, sagt er, „ich traue mich das immer noch nicht zu sagen, aber ich glaube, es wird mein erster Roman.“ 

Und ein Roman ist etwas anderes als Dialoge zu schreiben. „Es ist Neuland“, sagt der Autor, also hat er sich mit dem Projekt für das Stipendium beworben, „weil diese Zeit hier bedeutet, dass ich Raum zum Schreiben bekomme und ich bin sogar noch dafür bezahlt. Das ist einfach grossartig! Es ist so wichtig, dass es diese Orte und Möglichkeiten gibt, wenn du schreibst.“

In seinem Text geht es um eine Immobilienmaklerin, die mit den letzten Grundstücken handelt, die es auf der Welt überhaupt noch zu kaufen gibt. „Es geht um viel Geld, sie ist sehr renommiert, eine knallharte Geschäftsfrau – was man aber erst im Verlauf erfährt“, so Andreas Sauter über die Handlung. Doch dann wird die Maklerin von einem seltsamen Phänomen erfasst, „ich sage ungern Virus, aber es ist etwas Nichtgreifbares, das sie und andere Menschen um sie herum ergreift. Und eine unfassbare Sehnsucht auslöst, in die Natur und in die Ursprünglichkeit zurückzugehen.“ 

Video: arttv.ch über das Literaturhaus Thurgau

Schreiben fernab der Grossstadt

Ein fiktiver Bericht, der die Schnittstelle zwischen Natur und Gesellschaft untersucht. Es geht um den „Einbruch der Wildnis in die westeuropäische Zivilisation“. Fernab der Grossstadt, kann Gottlieben da, mit seiner Lage am Wasser und Nähe zur Natur, sogar inspirierend sein: „Ich bin jetzt gerade angekommen. Ich war als erstes im Wasser. Das habe ich im April auch gemacht. Der Rhein hatte zwölf Grad. Ich war jeden Tag drin. Und diese Kälteerfahrung ist zum Beispiel in den Text eingeflossen.“

Für die Schreibenden ist das Literaturstipendium also ein Gewinn. Es bietet Ruhe, bezahlte Zeit zum Schreiben und – unter Umständen sogar Ideen und Anregungen in einer neuen und nicht-alltäglichen Umgebung.

 

Der Platz vor dem Bodmanhaus in Gottlieben. Bild: Vera Pache

 

Eine dreiköpfige Jury – bestehend aus einem Mitglied der Bodman-Stiftung, einer oder einem Repräsentant:in der Kulturstiftung des Kantons Thurgau und einer unabhängigen Person aus dem Kulturbereich – wählt einmal im Jahr zwei Stipendiat*innen aus den eingegangenen Bewerbungen aus. 

Viele kommen wieder

Monika Fischer organisiert dann mit ihnen den Aufenthalt. Den Rest des Jahres können auch andere Autor:innen die kleine Wohnung im Bodmanhaus mieten. Ein Angebot, das gerne angenommen wird. „Manche kommen immer wieder“, sagt Monika Fischer, „Peter Stamm, das ist bekannt, kommt immer wieder gern her zum Schreiben.“ (zum 25. Geburtstag des Bodmanhaus hielt er die Laudatio)

Inzwischen gibt es das Bodmanhaus seit 26 Jahren, das Literaturstipendium in seiner jetzigen Form seit drei Jahren. Monika Fischer sagt: „Dieses kleine Literaturhaus liegt ja in der Peripherie, nicht in einer Stadt – man findet hier nicht automatisch her. Und durch dieses Stipendium hat das einen Bekanntheitsgrad erreicht, der für uns positiv ist.“

Video: arttv.ch über den Autor Daniel Mezger und seine Schreibresidenz im Bodmanhaus

 

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