Wie der Wolf zu seinem schlechten Image kam

Eine Sonderausstellung im Werk2 in Arbon beschäftigt sich mit der Wirkung von Mythen und Geschichten. Bei einer Führung mit Hannes Geisser, scheidender Direktor des Naturmuseums Thurgau, stand der Wolf im Mittelpunkt. Es ging um die Mythen, die sich um ihn ranken, und die bis heute sein negatives Bild prägen. (Lesedauer: 6 Minuten)
Der Unterkieferknochen eines Wolfs, aus dem noch einige Zähne ragen, erzählt etwas darüber, wie lange die Geschichte von Wolf und Mensch zurückreicht: Tausende von Jahren. Der Unterkiefer des Wolfs ist auf 3‘400 v. Chr. datiert und wurde zusammen mit den Resten einer jungsteinzeitlichen Siedlung in Arbon am südlichen Bodenseeufer ausgegraben. Das Besondere an diesem archäologischen Fund ist, dass der Unterkiefer Schnittspuren aufweist. Ein Hinweis darauf, dass dieser Wolf von Menschen getötet und vielleicht sogar gegessen wurde.
Ob sich damals schon Geschichten um den Wolf rankten? Darüber erzählt der Unterkiefer nichts, man kann es sich aber gut vorstellen, wenn man die Sonderausstellung «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» besucht.
Wie sehr prägen uns Mythen bis heute?
Die Ausstellung im Werk2 in Arbon geht der Frage nach, wie sehr uns Mythen bis heute prägen. Regionale, nationale oder auch biblische Geschichten, Legenden und Sagen werden aufgegriffen. Es geht um ihren Ursprung, ihren Wandel und die Bedeutung, die diese Geschichten noch heute für uns haben. Objekte aus verschiedenen Museen im Kanton Thurgau helfen dabei, die Mythen zu erzählen – und auch zu hinterfragen. Es geht ums Nebelmännle und den Nebel über dem Bodensee, um Hexen, den Mönch Gallus, Wilhelm Tell oder wie es dazu kam, dass der Thurgau zu «Mostindien» wurde.
Mythen sind wirkmächtig, denn sie prägen Vorstellungen und Handlungen oft über Generationen hinweg, heisst es in der Ausstellung. „Und wenn das irgendwo stimmt – dann ganz bestimmt beim Wolf”, sagt Hannes Geisser während einer öffentlichen Führung, bei der der Mythos Wolf im Zentrum steht. Geisser ist scheidender Direktor des Naturmuseums Thurgau und Wildtierbiologe. Der Wolf sei wirklich mythenbelastet. „Und heute im 21. Jahrhundert kommen ihm diese Mythen immer noch in die Quere”, so Geisser.
Geschichten und Märchen zeichnen das Bild vom «bösen» Wolf
An einer Stellwand hängen verschiedene Aussagen über den Wolf. Etwa: „Die Wölfe kommen immer näher an Siedlungen. Das ist gefährlich.” Oder: „Ein Wolf tötet instinktiv immer nur exakt das Tier, das er zur Sättigung braucht.” Oder: „Der Wolf braucht riesige von Menschen unberührte Urwälder, um zu überleben.” Gängige Sätze, die man vielleicht irgendwo gelesen oder gehört hat. Im Laufe der Führung wird Hannes Geisser diese Wolfsmythen widerlegen und in ein differenzierteres Bild einordnen.
Der Wildtierbiologe vermutet, dass das negative Image des Wolfes bereits mit der Viehzucht in unserem Kulturkreis begann – vor tausenden Jahren. „Mythologisch geprägt wurde er dann im 16. Jahrhundert”, sagt Hannes Geisser und verweist auf den Zürcher Arzt und Naturforscher Conrad Gessner, der in seiner «Tiergeschichte» auch über den Wolf schrieb – und einfach kein gutes Haar an dem Wildtier liess: Er sei gefrässig, schädlich, bösartig. „Und dann kommen die Fabeln und die Märchen, die schliessen daran an. Seitdem hat der Wolf einen Stempel aufgedrückt. Aber vieles davon ist einfach falsch”, betont Geisser.
Der Wolf war das am weitesten verbreitete Säugetier auf der ganzen Welt
Bis ins 16. Jahrhundert gab es sehr viele Wölfe – überall, nicht nur in der Schweiz. Das zeigt auch eine Grafik, die Hannes Geisser mitgebracht hat: „Man glaubt es kaum, aber der Wolf war eines der am weitesten verbreiteten Säugetiere auf der ganzen Welt. Das war nicht die Ratte, sondern der Wolf.” Die Zahl der Tiere nahm nach 1640 aber ab – zunächst leicht und dann drastisch. Etwa um 1800 war das Tier schliesslich ausgerottet. Was war passiert?
Es gibt vor allem zwei Gründe, die zum Aussterben der Tierart führten. Im 15. Jahrhundert nahm die Bevölkerung in Europa stark zu. Mehr Menschen brauchten mehr Brennholz, mehr Bauholz und Ackerflächen. Also wurden Wälder in grossem Stil gerodet. „Das ist für den Wolf nicht weiter dramatisch, weil er nicht primär an den Wald gebunden ist. Er kann auch in Steppenlandschaften leben. Aber in unseren Breitengraden waren seine Hauptbeute Waldtiere. Dazu zählen Rehe, Hirsche, Wildschweine – und diese Tierarten waren um 1700 komplett ausgestorben”, erklärt der Wildtierbiologe, „im 18. Jahrhundert gab es keine Rehe in der Schweiz.”
Der Wolf als Fleischfresser musste also nach Alternativen suchen und hat sich als anpassungsfähiges Tier auf Haustiere spezialisiert, denn in der bäuerlich geprägten Gesellschaft nahmen mit der wachsenden Bevölkerung auch die Nutztiere zu. Die Folge: Der Wolf wurde als Bedrohung gesehen und stark bejagt. Bis hin zu seiner Ausrottung.
Das Skelett von M109, ein im Thurgau geschossener Wolf
Hannes Geisser steht während seines Vortrags neben einem Schaukasten. Hinter Glas ist das präparierte Skelett eines Wolfs zu sehen. Man erkennt gut die gebeugten Hinterläufe, immer bereit zum Sprung und zur Jagd, den leicht gewölbten Rücken, die spitzen Zähne. Der Wolf, von dem das Skelett stammt, hatte den Namen M109. Er nahm einen langen Weg aus Italien in die Schweiz, bis in den Thurgau. 2020 wurde das Tier erschossen, denn es war krank. Es hatte die Räude, eine durch Parasiten ausgelöste Hautkrankheit. „Der sah wirklich übel aus auf den Fotos und man hat ihn dann in der Nähe von Bischofszell erlegt”, so Geisser. Es ist die Geschichte eines Tieres, das einst ausgerottet war. Aber seit den 1990er-Jahren nach und nach aus Italien in die Schweiz zurückgekehrt ist.
„Der Wolf kann in siedlungsnahen Gebieten zwischen zwei Autobahnen zuhause sein. Solange es dort Verstecke gibt und genug zu fressen. Und ob es ein Schaf ist oder ein Reh, spielt auch keine Rolle.”
Hannes Geisser, scheidender Direktor des Naturmuseums Thurgau und Wildtierbiologe
Heute leben wieder 43 Wolfsrudel in der Schweiz
Seit Mitte der 1990er Jahren bis heute – also etwa innerhalb von 30 Jahren – hat sich wieder eine Wolfspopulation etabliert: von 0 auf rund 40 Rudel. Auch dafür hat Hannes Geisser eine Erklärung, denn auch die Anzahl Beutetiere des Wolfs ist wieder gestiegen. Allerdings ist der Wolf in eine völlig veränderte Landschaft zurückgekehrt – verglichen mit dem 16. Jahrhundert. „Also von wegen: Der Wolf braucht unberührte Naturlandschaften. Das ist Schwachsinn”, sagt Geisser. „Der Wolf kann in siedlungsnahen Gebieten zwischen zwei Autobahnen zuhause sein. Solange es dort Verstecke gibt und genug zu fressen. Und ob es ein Schaf ist oder ein Reh, spielt auch keine Rolle.”
Parallel hat auch die Zahl der Nutztiere, etwa Rinder und Schafe zugenommen. In der freien Natur ist es so, dass die anderen Tiere davonrennen, wenn ein Wolf ein Reh erbeutet. Bei Schafen jedoch ist es anders – zumal, wenn sie eingepfercht sind. „Wenn aber neben dem getöteten Schaf noch ein weiteres Schaf steht, hört der Wolf erst auf, wenn alle Schafe tot sind”, sagt der Wildtierbiologe.
„Das Problem bis heute ist, dass diese Geschichten, Fabeln und Märchen unser Wolfsbild bis heute prägen. Auch im sogenannten aufgeklärten 21. Jahrhundert. Da kann ich auch als Biologe in gewissen Kreisen nichts dagegen tun. Da nützen alle meine guten Fakten nichts.”
Hannes Geisser, scheidender Direktor des Naturmuseums Thurgau und Wildtierbiologe
Geschichten und Märchen prägen unser Bild des Wolfes bis heute
Der Wolf ist ein Raubtier, das andere Tiere jagt und frisst. Wie und wo er das macht, dabei spielen auch wir Menschen und unsere Ausbreitung eine grosse Rolle. Und es kommt immer wieder zu Konflikten. Geisser hat viele Zahlen und Fakten mitgebracht um die Mythen über den Wolf zu widerlegen – und den Blick auf sein schlechtes Image zu differenzieren. Und dennoch. Er sagt am Ende seiner Führung: „Das Problem bis heute ist, dass diese Geschichten, Fabeln und Märchen unser Wolfsbild bis heute prägen. Auch im sogenannten aufgeklärten 21. Jahrhundert. Da kann ich auch als Biologe in gewissen Kreisen nichts dagegen tun. Da nützen alle meine guten Fakten nichts.”
Das liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass wir uns Geschichten – vor allem wenn sie aussergewöhnlich und spannend sind – oft leichter merken, als nackte Zahlen und Fakten.
Der böse Wolf? Oder doch ein freundlicher Wolf?
Wie sehr und vor allem wie schnell Geschichten unsere Vorstellungen von etwas beeinflussen zeigt auch ein kleines Projekt, das ebenfalls in der Ausstellung «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» zu sehen ist. Erstklässlern der Primarschulgemeinde Arbon wurde das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf vorgelesen. Sie sollten dazu ein Bild malen. Zu sehen sind Kinderzeichnungen von Wölfen mit gefletschten Zähnen, grimmig, bösartig, blutige Spuren hinterlassend. In einem zweiten Schritt wurde den Kindern im Rahmen einer Umweltbildung etwas über den Wolf in der Natur erzählt. Die kleine Tafel beschreibt nicht näher, was die Kinder lernten. Aber auf den Bildern, die sie dieses Mal im Anschluss malten, sind ganz andere, freundlichere Wölfe zu sehen.
Das Projekt zeigt nicht nur, wie Geschichten und Mythen unsere Welt gestalten, sondern dass wir es auch selber in der Hand haben, zu entscheiden, was wir erzählen und weitergeben.
«Sehnsucht Mythos»
Die Sonderausstellung «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist noch bis zum 22. November 2026 im Werk2 in Arbon zu sehen.
Öffnungszeiten:
Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag
14 bis 18 Uhr
Programm für August und September
22. August | 11:00–15:00 | Workshop Handsiebdruck
Drucke deinen eigenen Stoff
4. September | 18:30–19:30 | Tischgespräch
Wilhelm Tell. Die Relevanz von Nationalhelden
6. September | 16:00–18:00 | Theater
Karneval der Fabeltiere. Eine Nacht im Museum
18. September | 8:30–19:30 | Tischgespräch
Der Mäuseturm.
Zwischen Mythos und Wissenschaft
Weitere Infos und das volle Programm: https://werk2.tg.ch


