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von Brigitta Hochuli, 12.12.2012

Pfyn als Kulturhauptstadt - fast am Ende der Regentschaft

Pfyn als Kulturhauptstadt - fast am Ende der Regentschaft
Jacqueline Müller, Frau Gemeindeammann der Kulturhauptstadt Pfyn, will sich weiterhin für die Kultur in den Gemeinden einsetzen, denn: „Kultur ist Bildung und Seelennahrung zugleich.“ | © zVg

Jacqueline Müller, Frau Gemeindeammann von Pfyn, über anfängliche Skepsis, darauf folgende Neugier und den Abbau von Vorurteilen. Sie selber bleibt auf dem Boden der Realität und setzt sich vermehrt für das Kulturlobbying in den Gemeinden ein. Denn „Kultur ist Bildung und Seelennahrung zugleich“.

Interview: Brigitta Hochuli

Frau Müller, das Jahr der Kulturhauptstadt neigt sich dem Ende zu. Gemäss den beiden Initianten Alex Meszmer und Reto Müller gibt es keine Nachfolgergemeinde. Ausserdem ist das Theater- und Filmprojekt von Daniel Reinhard auf Frühling 2013 verschoben worden. Bleibt Pfyn also noch länger Kulturhauptstadt?

Jacqueline Müller: In gewissem Sinne ja, denn Kultur ist ein wichtiges Merkmal unserer Gemeinde, ob wir nun weiter den Titel Kulturhauptstadt tragen oder nicht. Wir werden Kultur nachhaltig pflegen. Für das Theaterprojekt haben wir eine finanzielle Reserve gebildet. Als Partner von Kulturland von Thurgau Tourismus setzen wir auch in diesem Bereich ein nachhaltiges Zeichen. Und unser Kulturforum feiert als gelungene Kleinkunstplattform bereits seinen zwölften Zyklus. Regula Raas präsentiert uns Jahr für Jahr überraschende kulturelle Leckerbissen und lässt uns in der Trotte für einige Stunden dem Alltag entfliehen.

Ursprünglich sollte Pfyn ja für zwei Jahre Kulturhauptstadt der Schweiz sein. Welche Bilanz ziehen Sie? Gab es für Sie als Frau Gemeindeammann nebst den Begegnungen mit den Künstlerinnen und Künstlern auch politisches Echo von ausserhalb der Kantonsgrenzen? Immerhin war ja eine römische Säule zu Besuch und hatte Bundesrat Alain Berset an der Art Basel gesagt, er kenne das Projekt.

Jacqueline Müller: Ich habe mehrere Referate über die Kulturhauptstadt gehalten und das Künstlerduo an die Documenta nach Kassel begleitet, wo wir die Kulturhauptstadt ebenfalls vorstellen durften. Die Schweizermentalität ist ja für ihre Zurückhaltung bekannt. Politisches Echo gab es ausserhalb der Kantonsgrenzen dementsprechend wenig. Dafür erhielten wir von den Artists in Residence und auch von europäischen Künstlerverbänden viel Lob.

Und wie erging es Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern? Haben sie allenfalls Lust auf mehr?

Jacqueline Müller: Die selbstbewusste Erklärung zur Kulturhauptstadt der Schweiz wurde anfangs zum Teil etwas skeptisch aufgenommen, wenn nicht sogar belächelt. Zudem war „Kulturhauptstadt“ ja auch kein vorgegebenes Projekt. Vieles war offen und warf Fragen auf. Aber genau das bezweckte das Projekt: „Der Weg ist das Ziel“ trifft es wohl am ehesten. Wir wollten Kultur von den Wurzeln her aufbauen und wachsen lassen. Das erforderte eine gehörige Portion Offenheit und Neugier. Schliesslich traf internationale Kunst auf eine gewachsene Dorfkultur. Die Pfyner haben aber bewiesen, dass mit Toleranz und einer guten Zusammenarbeit von Künstlern, Bevölkerung und Gemeindebehörde viel erreicht werden kann. Ich glaube, es konnten einige Vorurteile abgebaut werden. Zudem war das kulturelle Spektrum so vielseitig, dass es für jeden etwas zu sehen und erleben gab.

Zur Kulturhauptstadt gehörte auch das Amphitheater mit seinem grossen Sommerfest. Welche Bedeutung hatte es für Ihr Dorf?

Jacqueline Müller: Das Amphitheater war ein einmaliges Projekt begleitet von viel Idealismus und Goodwill aller Beteiligten. Es steckte viel Freiwilligenarbeit dahinter. Ganz besonders haben mich die Lehrlingseinsätze gefreut. Das Amphitheater wurde in nur zwei Wochen aufgebaut.

... und wieder abgebaut.

Jacqueline Müller: Ja, es ist bereits abgebaut und für das Holz sowie die Bänke erzielten wir sogar noch einen Erlös. Das Amphitheater war von Anfang an als temporäre Baute geplant. Die Konstruktion wurde mit einfachsten Materialien wie Hanfseilen zusammengehalten. Auch wäre in dieser Bauzone keine feste Baute möglich gewesen.

Das Amphitheater war aber trotz Erlös nicht gratis. Wie viel haben die vergangenen zwei Jahre Kulturhauptstadt die Gemeinde eigentlich insgesamt gekostet?

Jacqueline Müller: Der Gemeinderat hat für die Kulturhauptstadtjahre einen Rahmenkredit von 30‘000 Franken gesprochen und auch eingehalten. Der Kanton hat uns aus dem Lotteriefonds 60‘000 Franken zugesprochen, und wir erhielten Sponsoringgelder von 23‘750 Franken. Für das Amphitheater haben wir 46‘655 Franken ausgegeben, wobei Eigenleistungen und Materialspenden mindestens noch einmal soviel ausmachten.

Jetzt, da es ausser dem Festspiel fast vorbei ist mit dem Hauptstadtjahr, haben Sie als Frau Gemeindeammann nicht Ambitionen auf mehr? Präsidentin der Schweiz wäre doch nicht zuletzt auch wegen der "Demokratischen Kunstwochen" von vergangenem Sommer naheliegend - oder zumindest eine hohe Funktion im Kulturbereich.

Jacqueline Müller: Nein, nein. Ich bin gerne Gemeindeammann und bleibe auf dem Boden der Realität. Trotz dieser wertvollen Erfahrung bin ich noch keine Kulturexpertin. Ich arbeite aber daran, etwa in der Kulturkommission, wo ich mich unter anderem für das Lobbying in den Gemeinden einsetze.

Dieses Kulturlobbying ist ja im Kanton schon lange Zeit als Manko erkannt. Auch in der Politik fehlt eine Kulturlobby. Was ist in den Gemeinden möglich?

Jacqueline Müller: Mit Lobbying in den Gemeinden sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, die Gemeinden zu informieren und zu motivieren, sich in regionalen Kulturpools wie zum Beispiel dem Kulturpool Regio Frauenfeld, für den ich in der Arbeitsgruppe dabeiwar, oder dem Kultursee der Region Kreuzlingen zu organisieren. Kulturpools sind eine gute Sache. Die Gemeinden profitieren von einer verstärkten Zusammenarbeit untereinander, einer gebündelten Gesuchsbearbeitung, und sie haben durch die Verdoppelung des Kantons mehr Mittel für Kultur zur Verfügung.

Und was tun Sie in der Kulturkommission konkret dafür?

Jacqueline Müller: Die Kulturkommission führt jährliche Treffen mit den Kulturverantwortlichen der Gemeinden durch. Auch setze ich mich dafür ein, dass der Verband Thurgauer Gemeinden die Kultur, die Kulturregionen und das Kulturkonzept an seiner nächsten Tagung thematisiert. Das Kulturangebot in unserem Kanton ist nämlich beachtlich und die Internetplattform thurgaukultur.ch leistet gute Vernetzungsarbeit. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass Wertschätzung und Kulturverständnis in unserem Kanton noch wachsen werden, denn Kultur ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Kultur ist Bildung und Seelennahrung zugleich.

www.kulturhauptstadtderschweiz.ch

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