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«Künstler:innen planen manchmal zu blauäugig.»

«Künstler:innen planen manchmal zu blauäugig.»
Verzweifelt in der Selbstverwaltung: Nachhaltiges Projektmanagement ist für viele Kulturschaffende eine Herausforderung | © Canva AI

Wenn Fördergelder schwinden und Sponsoren abspringen, wird kluges Projektmanagement auch für Kulturschaffende zur Überlebensfrage. An der Hochschule Luzern kann man jetzt lernen, wie das geht. Marino Bundi erklärt im Interview, warum heute neue Kompetenzen nötig sind – und wie Kulturschaffende trotz allem bestehen können. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Herr Bundi, die öffentlichen Kassen werden knapper, Sponsoren ziehen sich teilweise zurück. Genau in dieser Lage bieten Sie einen neuen Kurs zum Thema Kulturfinanzierung an. Werden Sie überrannt, weil das Thema gerade so brennt?

Schön wäre es! Überrannt werden wir nicht gerade, aber wir haben schon einige Anmeldungen. Wir brauchen mindestens 12 Teilnehmende, damit der Kurs stattfinden kann, und wir sind zuversichtlich, dass der Kurs zustande kommt.

Ihr Kurs kommt jetzt nicht aus dem Nichts. Was machen Kulturschaffende bislang falsch beim Thema Finanzierung?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie etwas falsch machen. Sie machen es so gut wie möglich, aber es fehlt zum Teil das organisatorische und betriebswirtschaftliche Grundverständnis, um es richtig anzupacken.

Apropos Finanzierung: Ist der Kurs mit 1900 Franken nicht eigentlich zu teuer für Kulturschaffende?

Es ist uns schon bewusst, dass die finanziellen Möglichkeiten im Kulturbereich für solche Weiterbildungen häufig eingeschränkt sind. Dabei konnten wir die Gebühren für den Kurs dank einer Spende schon auf die Hälfte senken, aber für viele Kulturschaffende ist der Betrag weiterhin hoch, da ihre finanziellen Mittel begrenzt sind. Deshalb prüfen wir jetzt auch, ob wir Stipendien vergeben können oder ob wir in der Privatwirtschaft Sponsoren finden, die solche Stipendien finanzieren würden, sodass wir die Teilnehmenden gezielt und zumindest teilweise unterstützen könnten.

 

«Buchhaltung und Administration ist halt nicht so ein sexy Thema.»

Marino Bundi, HSLU Luzern

Der neue Kurs in Luzern

In einem neuen Kurs an der Hochschule Luzern (HSLU) werden Kulturschaffende und Akteure aus dem Non-Profit-Bereich auf die erfolgreiche Umsetzung ihrer Kulturprojekte vorbereitet. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf die Finanzierung gelegt. Der Fachkurs findet im März 2026 in drei aufeinanderfolgenden Wochen (jeweils dienstags und mittwochs) an folgenden Tagen statt: 3./4. März; 10./11. März sowie 17./18. März. Mehr zum Kurs.  

 
Ist Kunst auch ein Geschäftsmodell? Darüber zerbrechen sich viele Menschen regelmässig den Kopf. Bild: Canva AI
Warum fällt vielen Kulturschaffenden der ganze wirtschaftliche und administrative Bereich so schwer?

Man kann sicher nicht für alle sprechen, aber es ist halt nicht so ein sexy Thema. Viele Kulturschaffende empfinden das nicht als spannend und maximal als notwendiges Übel, mit dem man sich nur so weit wie nötig beschäftigt.

Stimmt also das alte Klischee vom Kulturschaffenden, der mit Zahlen nichts anfangen kann?

Aus meiner Sicht ist das tatsächlich so. Das Gute ist: Sobald man sich auf finanzielle Aspekte einlässt und sich Kompetenzen darin verschafft, kann sich daraus eine produktive Dynamik entwickeln, die hilft, Projekte erfolgreicher umzusetzen.

Bei Gesuchen ist häufig auch ein Problem, dass Künstler:innen ihre eigenen Honorare zu tief ansetzen und bei sich selbst am meisten sparen, was langfristig zu Selbstausbeutung führen kann. Lernt man in Ihrem Kurs auch Selbstbewusstsein?

Ich denke schon. Selbstbewusstsein hat ja auch viel mit Sicherheit zu tun. Ich bin selbstbewusst, wenn ich mich sicher fühle in dem, was ich tue. Wenn ich da ein gewisses Instrumentarium habe und genau weiss, wie ich bestimmte Dinge leichter erreichen kann, dann gibt das natürlich Sicherheit. Insofern ja: Unser Kurs kann auch das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden stärken. 

 

Überfordert oder unterinformiert? Manche Kulturschaffende tun sich schwer mit wirtschaftlichem Denken. Bild: Canva AI

«Geld wird nicht mehr einfach so gesprochen, sondern vor allem dort, wo ein Projekt in das Profil der Stiftung oder des Sponsors passt.»

Marino Bundi, HSLU Luzern

Was sind denn aus Ihrer Sicht heute die grössten Hürden für Kulturschaffende bei der Finanzierung ihrer Projekte?

Es ist einerseits das fehlende grundlegende Wissen, wie man mit Stiftungen, Sponsoren und Mäzenen umgeht. Dazu kommt: Früher wurde Kulturförderung von Stiftungen weniger wirkungsorientiert vergeben. Heute achten viele Institutionen stark darauf. Geld wird nicht mehr einfach so gesprochen, sondern vor allem dort, wo ein Projekt in das Profil der Stiftung oder des Sponsors passt. Dadurch steigt der Aufwand für die Antragstellenden. Man muss mehr Informationen liefern – glaubwürdige, konsistente und relevante Informationen –, damit man eine Erfolgschance hat. Und das hat sich in den letzten zehn Jahren ziemlich stark verändert. Der Druck, mehr Konsistenz und mehr Informationen liefern zu müssen, ist gestiegen.

Sind Künstler:innen noch zu wenig Unternehmer:innen?

Ich stelle jedenfalls fest, dass gewisse Sachen relativ blauäugig angegangen werden. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil man es einfach nicht besser weiss. Oder weil man verständlicherweise den Fokus auf den kulturellen Inhalt legt und nicht unbedingt auf die Rahmenbedingungen, die dazugehören. Und diese Rahmenbedingungen sind halt nicht so sexy wie das, was man inhaltlich und kulturell umsetzen möchte. Das Bewusstsein für die weniger attraktive, aber notwendige administrative Arbeit zu schärfen, ist ein Punkt, an dem unser Kurs ansetzen will. Wer sich das klar macht, der erlebt bei der Projektabrechnung auch kein böses Erwachen.

 

Der Druck, mehr Konsistenz und mehr Informationen liefern zu müssen, ist gestiegen. Bild: Canva AI

 

Mehr zu Marino Bundi

Marino Bundi ist Dozent sowie Projekt- und Programmleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern. Ursprünglich studierte er Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik und war dann viele Jahre in der Unternehmensberatung tätig. Schwerpunkt seiner Arbeit an der Hochschule Luzern bildet der Themenbereich der finanziellen Unternehmensführung. Seine Tätigkeit umfasst dabei auch den Non-Profit-Bereich und das Fundraising – sei es im Rahmen von Forschungsprojekten, Studien, Weiterbildungsprogrammen oder Seminaren. Marino Bundi lebt mit seiner Frau in Weiningen (Thurgau).

Ohne schon zu viele der Inhalte aus Ihrem Kurs zu verraten: Haben Sie Tipps, wie sich Kulturschaffende heute behaupten können in diesen veränderten Rahmenbedingungen der wegbrechenden Finanzierungsmittel?

Hier gibt es einen Punkt, den man aus der Privatwirtschaft sehr gut mitnehmen kann. Stichwort Geschäfts- beziehungsweise Projektplanung. Also: sich genau überlegen – was sind meine Inhalte, was sind meine Kunden? Was sind die Kosten? Wer sind meine Lieferanten? Und das entsprechend übertragen auf Kulturevents. Man muss letztendlich kritisch prüfen, ob sich ein Projekt wirtschaftlich überhaupt lohnt. Und man sollte sich bewusst machen, wie gross das betriebswirtschaftliche Risiko ist – unabhängig vom künstlerischen Inhalt. Die Privatwirtschaft arbeitet mit solchen Modellen, und vieles davon lässt sich mit Anpassungen gut auf kulturelle Projekte übertragen.

Braucht es im Kulturbereich demnach mehr Kosten-Nutzen-Rechnung, mehr wirtschaftliche Expertise und wirtschaftliches Bewusstsein?

Ja, auf jeden Fall. Diese Kompetenzen werden im Kulturbereich zunehmend wichtiger.

Verändert das am Ende nicht die Kunst, weil man bestimmte Dinge nicht mehr macht?

Ich hoffe nicht, dass dies passiert. Aber überall dort, wo es ums Überleben geht, besteht eine grosse Herausforderung darin, die eigenen Visionen zu verwirklichen, ohne die eigene wirtschaftliche Existenz zu gefährden. Deshalb kann es vor allem im professionellen Bereich schon sein, dass sich Kultur teilweise verändert – im Sinne, dass man bewusster entscheidet: «Das mache ich, das andere mache ich nicht.» Zumindest steigt das Bewusstsein, welche Projekte man sich leisten kann. Und dann lassen sich vielleicht auch Visionen durchziehen, obwohl sie sich finanziell nicht lohnen – solange man es sich insgesamt leisten kann. Das ist dann eine persönliche Abwägungssache. Wichtig ist aber, aktiv zu werden und die Projekte so aufzubereiten, dass man Erfolgschancen hat. 

 

Macht selten Spass, muss aber sein: Buchhaltung und Administration sind auch für Kulturschaffende wichtig. Bild: Canva AI

«Überall dort, wo es ums Überleben geht, besteht eine grosse Herausforderung darin, die eigenen Visionen zu verwirklichen, ohne die eigene wirtschaftliche Existenz zu gefährden.»

Marino Bundi, HSLU Luzern

Der Titel des Kurses lautet «Kulturfinanzierung neu gedacht». Was ist das Neue daran?

Neu in dem Sinne, dass wir die aktuellen Rahmenbedingungen betrachten und schauen, was sich geändert hat. Neu ist auch der Blick auf den Einsatz von KI: Wo kann sie unterstützen, und wo ist sie hinderlich? Einige Stiftungen setzen bereits KI-Assistenten bei der Eingabe ein, und wir zeigen, wie man damit umgeht.

Ist die Finanzierung über Crowdfunding auch ein Weg, um Gelder zu sammeln?

Absolut, das kann ein sinnvoller Weg sein. Entscheidend ist hier, klar zu vermitteln, warum sich Menschen beteiligen sollten. Darüber muss man sich im Vorfeld Gedanken machen. Was ist der Nutzen für jemanden, sich daran zu beteiligen? Wenn man das klar und überzeugend erklären kann, ist das ein Finanzierungsweg.

Diese Orientierung am Publikum wird von Künstler:innenseite manchmal als zu nahe an der Kommerzialisierung empfunden. Und das will man als Kulturschaffende ja nicht. Man will unabhängig und frei sein. Müsste man diese Hürde abbauen?

Ja, ich denke schon. Ich vergleiche das ein bisschen mit dem Sport. Bereits vor 20 Jahren hat man sportliche Talente gefördert, professionalisiert und kommerzialisiert – das hat sich nicht negativ auf die sportlichen Leistungen ausgewirkt. Im Kulturbereich – insbesondere in der Musik – haben früher Labels Talente aufgebaut. Das bricht immer mehr weg. Das bedeutet, dass sich Einzelkünstler mehr mit kommerziellen Gedanken auseinandersetzen müssen. Aber das heisst nicht, dass dies die Kunst verschlechtern oder zu reiner Mainstream-Produktion führen muss.

Vor Jahren gab es mal eine Untersuchung des Ökonomen Magnus Resch, die besagte, dass heute längst das Netzwerk für Erfolg wesentlicher ist als das künstlerische Talent. Stimmen Sie dem zu?

Die These finde ich ein bisschen gefährlich, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es in diese Richtung geht. Netzwerken ist heute sehr zentral. Und auf sozialen Medien präsent zu sein, ist heute nahezu unverzichtbar, um Sichtbarkeit für Projekte zu schaffen.

 

Anträge schreiben, Gesuche stellen, Projekte abrechnen - jedes Kunstprojekt braucht wirtschaftliche Expertise. Bild: Canva AI

 

 

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