von Jürg Schoop (1934 - 2024), 03.12.2013
Kunsterweiterung – wie, wo und warum?

Jürg Schoop
Standort, Finanzierung, auch Notwendigkeit eines der Kunst dienenden Erweiterungsbaus sollte selbstverständlich von allen Interessierten lebhaft diskutiert werden. Über die juristische Seite der Angelegenheit, für die vor allem Fachleute zuständig sind, will ich mich nicht auslassen. Ich stelle einfach nur fest, dass die Regierung einem gängigen und kaum hinterfragten Muster gefolgt ist, nach dem man bei grösseren Ausgaben im Kulturbereich auch etwas eigenmächtig sein darf und so den meisten Widerstand schon hinter sich hat. Diesmal hat es allerdings nicht geklappt, stelle ich als 70 Jahre im Thurgau verwurzelter Künstler und ehemaliges Mitglied einer Kulturkommission fest.
Abgesehen von den finanziellen Kalamitäten sehe ich zwei im Vordergrund stehende Streitfragen: die eine ist eine logistische und die andere eine, die das Image betrifft, in das die Kartause und auf der andern Seite das vorgeschlagene Kreuzlingen eingebettet ist.
Es ist eine Tatsache, dass die Museen der Kartause dem öffentliche Verkehr nur unzureichend angeschlossen sind. Da steht für manche die Frage im Raum, ob der Fahrplan der Postauto-Kurse tatsächlich zum Besseren gestaltet werden könnte. Seltsamerweise tritt diese Frage im Zusammenhang mit dem geplanten Outlet in Wigoltingen nicht auf.
Das Fehlen einer städtischen Umgebung wird von Kritikern des Kartause-Standortes gerne bemängelt, sie übersehen, dass es im Thurgau überhaupt keine städtische Umgebung nur schon vom Kaliber eines St. Gallens oder Winterthurs gibt. Konstanz ist sicherlich eine Frage für sich.
Ein statistischer Vergleich, der dank des neuen Themenatlas.tg.ch möglich ist, ergibt, dass jeder Standort im Thurgau annähernd über das bevölkerungsmässig gleich grosse Einzugsgebiet verfügt. Dabei darf man die Nähe der Stadt St.Gallen getrost vergessen, die Ostschweiz hört, wenn man die ausgezeichnete, sich als Ostschweizer Magazin definierende Zeitschrift SAITEN zu Rate zieht, in Wittenbach auf. Ausser in der Agenda kann man da keine Beiträge über Thurgauer Künstler lesen. Das Einzugsgebiet der Kartause hält sich da sehr gut, übertrifft dasjenige von Kreuzlingen (ohne Konstanz). Städtemässig ist die Kartause nach Frauenfeld, (immerhin Kantonshauptort mit bestehenden Museen), Winterthur und Zürich ausgerichtet, die Pfingstkonzerte zeigen das auf.
Muss Kunst denn mit leicht und schnell erreichbaren Ereignissen in Verbindung gebracht werden? Ein im Vorbeigehen leicht konsumierbarer Event? Die Kartause war in ihrer Blütezeit ein Hort des damals als besinnlich Geltenden, ein Ort der Stille und Kontemplation. Vielleicht hat man sich dort auch Rat geholt. Kunst in der Kartause – ich sehe da keinen Widerspruch, eher die Möglichkeit, die Funktionen der Kartause auf eine neue Art zu interpretieren.
Viel zu reden gibt der vorgesehene Standort der Museums-Erweiterung. Ist man Purist, der in der Kartause ein geschütztes Kulturerbe sieht, kann man sich mit einem modernen Baukörper innerhalb der bestehenden Struktur nicht so recht anfreunden. Ich habe darüber keine dezidierte Meinung, ich habe mich aber gefragt, ob denn nicht auch nach einem andern Baugrund gesucht wurde. Ob die Distanz zu einem neuen Bau nun 15 oder 30 Meter beträgt, ob er wirklich innerhalb der Klostermauern sein muss, dürfte unerheblich sein.
Viele Fragen wurden durch das Ausbleiben eines Wettbewerbs nicht gelöst, daher die Forderung der Grünen, neu anzufangen, schon auch ihre Berechtigung hat. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Kartause nicht nur der lokalen Bevölkerung dient. Wenn die Kartause im nationalen Umkreis eher einen guten Ruf als Ganzes geniesst, und sich wahrscheinlich wenige der regelmässig auftretenden Seminarteilnehmer in die Kunstabteilung begeben, so kenne ich auch Leute, die von weit herkommen und in der Kartause übernachten, die Ambiente geniessen und sich nicht zuletzt auch die Kunst anschauen. Winterthurer- und Zürcher-Kunstfreunde sind auch schon seit längerem dabei, die Kartause zu entdecken. Es müsste halt mal die dröge Werbung mit dem Apfel endlich abgeschaltet werden...
Dass Direktor Markus Landert eine neue Halle braucht, kann man verstehen, dass er sie aus beruflichem Ehrgeiz am ehesten in der Kartause sieht, ist verständlich, wenn man auf die Kulturlandschaft dieses Kantons blickt. Die Kartause ist ein neutraler, interkantonaler Ort, der von einer schon vorhandenen Ausstrahlung zehren kann. Alles andere wäre eine Kreuzlinger-, Amriswiler- oder Weinfelder-Kunsthalle, die schon drei Dörfer weiter geneidet und auch vielfach gemieden würde, wie das der Dörfligeist so will. Schade nur, dass die Sache anfänglich so unbedacht angegangen wurde.... Zu hoffen wäre, dass Markus Landert einer neuen Halle keinen Wettbewerbscharakter, in dem die Voluminosität eine akzentuierte Rolle spielt, verleihen würde und uns Landeiern nicht auch noch einen vom Format Jeff Koons oder Damian Hirst ans Herz legen möchte.
Kunst, Kultur und Kreuzlingen – ich weiss nicht so recht, wenn ich z.B. an das zufällige Stimmen-mehr von 128 Stimmen denke, mit dem verhindert wurde, dass der Seeburg-Park zwischen Hafen und Seemuseum nicht verscherbelt wurde und an Stelle des Seeburg-Prunkstücks nicht eine Reihe von grosszügig dimensionierten Bauten mit Seesicht für Wohlhabende stehen. Hingegen haben sie den Bellevue-Park total der Spekulation überlassen. Diese einmalige Möglichkeit, am Grenzübergang, in der Mitte der beiden Städte, etwas Denkwürdiges aufzurichten und zu erhalten. Es sei halt zu teuer gewesen, tönt merkwürdig, wenn man an die kommende Abstimmung über Schwimmbad-Neubau und -Sanierung denkt, die an Millionenbeträgen um nichts nachstehen. Es hätte nicht nur der Platz für ein neues Stadthaus zur Verfügung gestanden, es wären sogar schon welche, wenn auch nicht fixfertig, hier vorhanden gewesen. (Auch eine prächtige Kunsthalle eines Stararchitekten – natürlich als Witz gemeint –, die Kunstfreunde von weit herum angelockt hätte, wäre denkbar gewesen!) Und die Stadt hätte erst noch, wie es anfänglich von den neuen Besitzern gemacht wurde, Randgebiete als Baugrund verkaufen und so die Gestehungskosten minimieren können.
In Kreuzlingen wird mit einem eng winkligen, Visionen scheuenden Detaillistengeist vorgegangen. Das kann man gegenwärtig wieder am Disput über den Boulevard ablesen. Während anderswo schon lange anerkannte Lösungen existieren, grübelt man in der Grenzstadt seit langem, was man den Leuten zumuten oder nicht zumuten könnte.
Kunst und Kreuzlingen: Das ist der Disput, den die Aufstellung einer Skulptur von Hans Josephsohn im Zentralfriedhof Mitte der 80-er Jahre verursacht hat. Auf Befremden und Ablehnung sei sie gestossen, schrieb Kurt Schmid in der Untersee-Zeitung. Von Auseinandersetzung keine Spur. Ich erinnere mich an eine von der Thurgauer Künstlergruppe organisierte Versteigerung im Theater an der Grenze – ich weiss nicht mehr zu welchem Zweck –, an der wohl 20 bis 30 Neugierige erschienen, am Schluss aber nur fünf BieterInnen übrig blieben.
Ich erinnere an den Riesenevent «Kreuzlingen-Bellevue», das grosse Abschiednehmen von der Bellevue-Klinik, an dem weit über hundert Künstler und Interpreten teilnahmen, von denen etwa 30 heute mindestens national anerkannt sind. Ich will Sie vor dem Bericht einer Kreuzlinger-Zeitung verschonen, der nichts als eine Horde von Verrückten und Unbefugten wahrnehmen konnte. Hat sich in den vergangenen 30 Jahren etwas geändert?
Seminaristen habe ich sozusagen keine gesehen in all den Jahren, in denen ich wichtige Vernissagen im Kunstmuseum besucht hatte. Die sind mit ganz anderem beschäftigt, kommen zudem aus Häusern, in denen ganz anderes als Kunst eine dominante Rolle spielt. Der Kunstraum wird von der Thurgauer Kunstgesellschaft und ihren Sponsoren getragen, bestimmt nicht von den Kreuzlingern. Das halbe Hundert Kunstenthusiasten, die es gottseidank überall gibt, können da auch nicht viel bewirken. Und die Konstanzer Gratisblätter, die mitunter das Wort Kultur in ihrem Logo führen, sind eher an unserm Geld als am Austausch mit nachbarlicher Kunst interessiert.
Auch wenn in jüngerer Zeit Lichtblicke, vor allem auf magistraler Ebene vorhanden sind, als Nährboden für eine professionelle Kunsthalle kann man Kreuzlingen bestimmt nicht ausgeben.

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