von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 16.02.2026
Kluge Politik wirkt.

Solidarisch, partizipativ und auf Augenhöhe: Die Entwicklung der Kreuzlinger Museen zeigt, wie Städte heute nachhaltig und erfolgreich Kulturpolitik betreiben können. Ein Kommentar. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
In Zeiten, in denen viel darüber diskutiert wird, ob Politik Herausforderungen unserer Zeit überhaupt noch lösen kann, oder längst ein Teil der Probleme ist, zeigt jetzt ein kleines Beispiel aus Kreuzlingen, wie Politik immer noch wirken kann. Oder präziser gesagt: Wie kluge Politik nachhaltig wirkt.
Vor zehn Jahren haben sich Politik und Bevölkerung in Kreuzlingen dafür entschieden, Seemuseum, Planetarium & Sternwarte, sowie Museum Rosenegg zu stärken. Mit dem damals erstmals aufgelegten Museumskonzept erhielten die Häuser mehr Geld und damit die Chance ihren Betrieb zum Nutzen der Bevölkerung zu professionalisieren.
Zehn Jahre später kann man festhalten - der Plan ist aufgegangen. Zwischen 2016 und 2024 verzeichneten die drei Museen gemeinsam einen Besucheranstieg von 55 Prozent. Im Rekordjahr 2023 sogar von 70 Prozent. 2024 zählten sie zusammen rund 28’000 Gäste und übertrafen damit das damals meistbesuchte kantonale Museum - das Kunstmuseum Thurgau, wie der Stadtrat in seiner Botschaft an den Gemeinderat stolz verkündete.
Drei Museen, drei Profile
Auch wenn solche Vergleiche oft hinken, ist der Erfolg unbestritten: Die Museen haben sich seit 2016 sichtbar etabliert, die Besucher:innenzahlen sind da nur eine Kennmarke. Auch nach innen hat die Professionalisierung gewirkt, zudem ist die Vernetzung innerhalb der Stadtgesellschaft gestiegen. Um nur ein Beispiel zu nennen - das Rosenegg hat die Zahl der ehrenamtlich tätigen Menschen seit 2022 verdoppelt. Die Subventionen haben sich also gelohnt. Sie haben die Museen nach innen stabilisiert und dabei geholfen das kulturelle Erbe nach aussen in den Themenfeldern Natur, Geschichte und Wissenschaft zu vermitteln und sichtbar zu machen.
Entstanden sind Museen mit verschiedenen, sich ergänzenden Profilen: Das Seemuseum bewahrt und erzählt die Geschichte des Bodensees – und damit ein zentrales Stück regionaler Identität. Seine eigenen Einnahmen sind für ein Regionalmuseum respektabel, die Liegenschaft erwirtschaftet sogar einen Überschuss. Dennoch bleibt der Betrieb strukturell defizitär.
Das ist kein Skandal, sondern systemimmanent: Museen sind keine Gewinnzentren, sondern Gedächtnisinstitutionen. Die geplante Erhöhung des städtischen Beitrags ab 2027 wirkt hier weniger wie eine Rettungsaktion als wie eine realistische Anpassung an steigende Personal- und Betriebskosten.
Das Rosenegg auf dem Weg zum Stadtlabor?
Ganz anders das Museum Rosenegg. Seine eigenen Einnahmen sind bescheiden, Projektbeiträge schwanken stark, die Liegenschaft belastet statt zu stützen. Das Haus lebt stärker vom politischen Willen zur Förderung lokaler Identitätsarbeit. Dafür gibt es gute Argumente, wie spätestens die Ausstellung zu den „Geplatzten Stadt(t)räumen“ gezeigt hat.
Das Rosenegg ist ein Haus mit Charme, lokalhistorischem Schwerpunkt und starkem Bezug zur Stadtgesellschaft. Weniger touristisch, dafür bürgernäher. Die geplante Entwicklung zum „Stadtlabor“ ist reizvoll wie schlüssig. Inhaltliche Chancen wie auch Besucher-Potenzial liegen zudem in der Aufarbeitung von Themen, die in Kreuzlingen und Konstanz gleichermassen bewegen.
Das Museum an der Bärensstrasse ist kulturell wertvoll – finanziell aktuell aber verwundbarer als die anderen beiden Häuser. Hierbei muss man allerdings auch berücksichtigen: Das Haus von David Bruder steht heute ungefähr da, wo das Seemuseum 2016 war. Neben mehr Ressourcen braucht das Rosenegg auch noch Zeit zur Entwicklung.
Das Planetarium: Das marktnächste Modell
Das Bodensee Planetarium unterscheidet sich deutlich von den beiden anderen Museen. Es erwirtschaftet die höchsten Eintrittseinnahmen, arbeitet mit vergleichsweise schlanker Personalstruktur und bewegt sich nahe an der schwarzen Null.
Es funktioniert weniger wie ein klassisches Museum, sondern wie ein programmorientierter Erlebnis- und Bildungsbetrieb. Die Nachfrage ist stabil, das Publikum breit gefächert – von Schulklassen bis zu Familien. Die höhere Effizienz und das bessere Betriebsergebnis im Vergleich zu den anderen beiden Museen hat aber auch strukturelle Gründe.
Warum man nicht alles miteinander vergleichen kann
Während ein Planetarium programmgetrieben, standardisierbar, reproduzierbar und technisch skalierbar ist, hat der Museumsbetrieb andere Anforderungen. Ein Museum arbeitet kuratorisch, ist sammlungs- wie personalintensiv und zudem projektgetrieben. Das erklärt viel. Und erlaubt keine leichtfertigen Schlussfolgerungen.
Heute ergänzen sich die drei Museen, ohne sich ständig gegenseitig Besucher:innen abzujagen. Vielleicht kann man es auf diese Formel bringen: Das Planetarium wirkt wie die Zukunft, das Seemuseum wie das kulturelle Fundament, das Rosenegg wie die emotionale Erinnerungskammer der Stadt. Dass sich dies so entwickelt hat, ist auch ein Verdienst der lokalen Politik vor Ort.
Das Beispiel zeigt auch: Solidarisches Handeln lohnt sich
Wer sich jetzt fragt, wie das in Kreuzlingen gelingen konnte, dem kann man drei wesentliche Erfolgsbedingungen aufzählen.
1. Die Politik hat die Museen in den Prozess von Anfang an einbezogen und die Bedürfnisse der Häuser zum Leitstern ihrer Entscheidungen gemacht. Das zeigt, dass kluge Kulturpolitik immer nur gemeinsam mit den Kulturakteur:innen entstehen kann.
2. Die Museen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmen mit der Stadtgesellschaft vernetzt und das Potenzial an Freiwilligenarbeit ausgeschöpft. Diese gesellschaftliche Durchdringung verschafft ihnen Rückhalt in der gesamten Bevölkerung. Ein wichtiger Punkt bei der anstehenden Volksabstimmung.
3. Die Museen haben ein solidarisches Miteinander entwickelt und sich nicht vom Konkurrenzdenken treiben lassen. Ein Ausdruck dafür ist der kluge Verteilschlüsssel der städtischen Gelder, der sich streng an den Bedürfnissen und Herausforderungen der einzelnen Einrichtungen orientiert, und gerade nicht daran, dass jeder das Beste für sein Haus herausholen will. Das Ergebnis: Das strukturell schwächste Haus (das Rosenegg aktuell) bekommt die meisten Mittel. Dass sich die drei Stiftungen und die Stadt darauf einigen konnten, zeugt von Grösse und einem Weitblick auf die gesamte Kreuzlinger Museumslandschaft. Miteinander auf Augenhöhe und solidarisch zu agieren, zahlt sich am Ende für alle aus. Denn: Gemeinsam erreicht man immer mehr als alleine.
Ein wichtiger Schritt, aber nicht der letzte
Zur Wahrheit gehört allerdings auch - selbst mit den erhöhten Beiträgen werden die Museen nicht im Geld schwimmen. Sie werden ihrem Auftrag gerechter werden können, aber die Budgets sind immer noch weit entfernt von komplett professionell arbeitenden Häusern wie den kantonalen Museen. Das Kunstmuseum Thurgau beispielsweise hat ein Budget von 2,5 Millionen Franken. Man sollte nach der Erhöhung von den Kreuzlinger Museen also auch nicht zu viel erwarten.
Trotzdem ist die Positionierung von Stadt- und Gemeinderat in Kreuzlingen ein wichtiges Zeichen in diesen Zeiten. Auf die Frage, wie viel ist uns Kultur noch wert, hat die lokale Politik eine klare Antwort gegeben. Die deutliche Erhöhung der städtischen Beiträge ab 2027 zeigt: Kreuzlingen will seine Kulturinstitutionen nicht schrumpfen, sondern strukturell absichern.
Ein Signal in herausfordernden Zeiten
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die höhere Grundfinanzierung zu inhaltlicher Stärkung führt – oder lediglich steigende Kosten kompensiert. Eines aber machen die Zahlen deutlich: Kreuzlingen zieht sich nicht aus der Kultur zurück. Die Stadt entscheidet sich dafür, die kulturelle Infrastruktur bewusst mit zu tragen.
Und das ist, in turbulenten wie bad-news-geschwängerten Zeiten wie diesen, nicht nur eine ziemlich gute Nachricht sondern auch ein politisches Statement.

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