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von Niculin Janett, 29.01.2016

Im Blechinferno

Im Blechinferno
„Knüppel-Jazz“? Vielleicht ganz simpel „Blechinferno“. Oder doch „New-Orleans-Rümpel-Postfunk“? | © Niculin Janett

Andreas Tschopp & Le Rex spielten am Mittwoch in der Reihe jazz:now Solo Series #9 im Eisenwerk. Unser Jazz-Korrespondent Niculin Janett war dabei und hat genau hingehört. 

Niculin Janett

Stilbezeichnungen: „Knüppel-Jazz“? Vielleicht ganz simpel „Blechinferno“. Oder doch „New-Orleans-Rümpel-Postfunk“? Und der aufmerksame Leser fragt sich schon, was das eigentlich soll.


Drum fange ich jetzt ganz von vorne an. Wer hat schon mal etwas von King Pepe gehört? Ja? Dann sollte auch die Band Le Rex ein Begriff sein. Ebendiese kollaborierte nämlich 2014 mit dem königlich betitelten Berner Sänger (aka. Simon Hari) für das Album „70% Wasser“. Mit dabei bei Le Rex ist auch der Zürcher Posaunist Andreas Tschopp.


Dieses Enfant Terrible der geblasenen Blechröhre gastierte nun am Mittwoch Abend im Rahmen der jazz:now Solo-Reihe im Theater des Frauenfelder Eisenwerk. Dabei trat der Gast zuerst, wie der Name ja schon ankündigt, solo, also ganz einsam und alleine, auf, um sich dann später aber doch noch mit zusätzlichen Musikern zu einer ganzen Band zusammenzufügen.

Dass Herr Tschopp ein ziemlich erstaunliches Wesen an der Zugposaune ist, stellte er eindrücklich unter Beweis, zumal seine ca. zwanzigminütiges Solo-Introduktion so locker flockig daherkam, als ob es sich dabei um die sonntägliche Brunch-Rührei-Präparation handeln würde. Vom Aufschlagen des ersten Eis über das zischende Öl in der Bratpfanne bis zum Anrichten mit frisch gemahlenem Pfeffer (ganz wichtig!) war das ein einziger schöner Klangbogen, welcher mühelos die Spannung zu halten vermochte.

 

(Video und Bilder: Niculin Janett)

Die Arbeit mit Dynamik, Sounds und Effekten inklusive Blubbergeräuschen, und munterem Horn-Geplapper sorgt nicht selten auch für das eine oder andere Schmunzeln im Publikum und damit zur Auflockerung einer potenziell nicht ganz anspruchslosen akustischen Situation, die schlussendlich auch gerne noch etwas länger hätte dauern können. Und das sage ich als jemand, der tendenziell Abwechslungsreichtum in der Musik unterstützt...

Nun denn, enter Le Rex – und damit die Rückkehr zu meiner anfänglichen Wortfindungs-Not. Denn die Musik, welche die vier Bläser plus Schlagzeug da ablieferten, lässt sich nur schwer in eine bestimmte Schublade zwängen. Das beginnt schon mit der rustikalen Besetzung.

Denn dieser Musik-Traktor (beladen mit Drummer Rico Baumann, Tubist Marc Unternährer, Tenorsaxer Marc Stucki und Altsaxer Benedikt Reising, dem Szene-Kenner allesamt nicht unbekannt) rattert und knattert sich lustvoll über die Landstrassen der New Orleanisch angehauchten postmodernen Balkan-Funkjazz-Stilistik.

Dass die Formation viele Stunden der Strassenmusik im In- und Ausland hinter sich hat (und dabei auf der Piazza del Duomo in Milano nur um ein Haar gröberen Polizei-Scherereien entgangen ist) spiegelt sich in jedem blechernen Ton der fünf Instrumentalisten wieder.

 

Ein Stück wie Stuckis „Mr. Richard Kiel“ (passend benannt nach dem „Jaws“-Darsteller der Bond-Filme) oder die Ode an die Walliser Uhrmacher-Tradition „Le Clic“ vermischen geschickt alle oben erwähnte (und auch nicht erwähnte) Stilistiken zu einem mittelgrossen Feuerwerkspackung aus grooviger (und sehr tighter) Spielfreude.

Besagte Spielfreude und der immer wieder aufblitzende Humor der Fünf ist schlussendlich auch, was diese zwei Stunden ziemlich kurzweilig und lustig ausfüllten – eine Tugend, die sich auch bei dem einen oder anderen sonstigen (Jazz-) Musiker gar nicht mal so schlecht machen würde...

Die nächsten Wochen auf Tournee in Deutschland, ist Andreas Tschopp mit Le Rex am 19. Februar wieder in der Schweiz zu hören, und zwar im Nidauer Kreuz. Durchaus ein Besuch wert, würde ich sagen.

 

Ein Korrespondent auf Abwegen

Niculin Janett ist selbst Jazzmusiker und war zuletzt ein halbes

Jahr im Big Apple, um seinen Stil weiterzuentwickeln. Seine Erfahrungen hat er für uns in seinem Blog "Letter from NYC" festgehalten. Hier geht es zum ersten und letzten Blogeintrag. Alle dazwischen sind natürlich über unsere Suche zu finden!

 

 

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