von Barbara Camenzind, 21.05.2026
Der Crooner der Nation

Brillante Klassiker fresh arrangiert: Das Raphael Jost Quintett begeisterte das Publikum bei Jazz:Now im Eisenwerk. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
In Europa entstand die Oper, in den USA der Jazz und damit vor gut hundert Jahren die informelle Sammlung des Great American Songbooks mit seinen Standards aus Shows, Clubmusik und Filmen. Das Schöne daran - es gibt keine Vorschriften zur Aufführungspraxis und was formal dazu gehören darf. Einer, der es irgendwann durchaus schaffen könnte, bei der American Songbook Foundation mit seiner Musik aufgenommen zu werden, ist der Thurgauer Raphael Jost.
Es war ein Heimspiel für den Bandleader, der mit Bastien Rieser an der Trompete, Christoph Grab am Saxophon, dem langjährigen Weggefährten Raphael Walser am Bass und dem aus England angereisten Schlagzeuger Luke Tomlinson. Sogar Pepe Lienhard sass im vollen Saal und hat zugehört. Das - hoffentlich - so angetan wie wir alle.
Raphael Jost, am Flügel und ganz nah am Mikrophon, so wie sich das für einen echten Crooner gehört, wusste haargenau, auf was es ankommt, wenn man Lieder wie „I’ve got the World on a String“, oder „Ring-a-Ding-Ding-Ding“ - berühmt geworden durch Frank Sinatra - oder „Night and Day“ von Nat King Cole - jahrelang verbrannt durch eine Kaffeewerbung - bringen muss, damit sie wieder glänzen. Authentisch.
Video: Raphal Jost Quintett live
Authentische Arrangements und Neukompositionen
Jost fühlte mit seiner Stimme durch die Gesangslinien und Harmonien, achtsam, immer auf dem Atem und mit geschmeidigem Registerausgleich. Und mit einer erfrischenden Portion Schalk. Man hörte ihm gerne zu. Sowohl bei den Balladen, aber auch beim freshen Scat.
Die Arrangements klingen so, als wäre diese Musik noch nicht durch tausend Münder gezogen worden. Dazu Josts spannende Eigenkompositionen, die tönen, als wären sie bereits Teil des Great American Songbooks: Superschick zum Einstieg „The moon is hip again“, der Mond ist ja plötzlich wieder spannend. Das wunderbare Ambiente bei „The Ocean“ - und dann spielte er diesen Song über den ersten Bruch im Herzen: Klar, Jost war doch in der Schule dieser geniale Junge am Klavier im Musiksaal… Es sei aber schon lange wieder gut, war der verschmitzte Kommentar dazu.
„Over the Moon“, so wird der Titelsong der im Herbst erscheinenden CD heissen. Persönliches Highlight, weil frechharmonisch wie sleak: „Mister Slug“. Weill hat seinen Haifisch-Song, Jost den Herrn Schnegel, der an Konzerten angekrochen kommt. (Das sind dann wohl keine Kritiker.)
Die Band macht‘s aus
Saxophonist Christoph Grab und Trompeter Bastien Rieser waren sowas wie Partner in Crime, wenn es darum ging, sich die smoothen Sologirlanden abzujagen, oder homogen wie brillant im Duett im Saal den Glamour zu verbreiten, den diese Musik einfach braucht. Kontrabassist Raphael Walser sorgte dafür, dass es fürs Ohr nicht immer so geradeaus ging. Er wanderte durch Septimen und Nonen und überhaupt durchs Harmoniegebirge mit seinen ganzen Winkeln und Abgründen und Farben.
The beat goes on, Mr. Tomlinson: Bei diesem Musiker von den Britischen Inseln scheint statt Blut Rhythmus durch die Adern zu fliessen. Edle Beats, feurig bis ultracool, mal mit den Händen, dann mit siedenden Hihats, immer geschmackvoll, immer passend und mit flirrenden Soli, die sich wieder elegant in die Harmonien fügten. Tomlinsons Spiel begeisterte alle.
Fazit: Jazz-Standards sind keine Covers, die dann gut werden, wenn man mit Fedora und Whiskyglas den Sinatra kopieren will. Die Raphael Jost Band zeigte an diesem Abend, was wirklich cool ist an dieser Art Musik: Wer sie fühlt und ihr mit einer gewissen Neugier begegnet, dem öffnet sie sich. Danke für das Erlebnis.
Video: Raphael Jost Quintett live

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