von Maria Schorpp, 28.01.2021
Inseln der Unbekümmertheit

Keine Aufführungen, aber Proben: Wie das Junge Theater Thurgau auch in der Corona-Krise wertvolle Arbeit für Kinder und Jugendliche leistet. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Was Petra Cambrosio derzeit erfährt ist – Dankbarkeit. Wahrscheinlich hätte sie in Zeiten vor der Corona-Pandemie keinen Grund gehabt, sich über undankbare Kundschaft zu beklagen, aber die Notsituation bringt es noch einmal ganz anders ans Licht: Wie freudig die Leute auf die Theaterkurse reagieren, die im Frauenfelder Eisenwerk angeboten werden – wenn derzeit auch mit Einschränkungen.
Und Not macht bekanntlich erfinderisch. So hat das Junge Theater Thurgau auf die Situation reagiert und da angesetzt, wo altersbedingt noch mehr drin ist: bei den Neun- bis Zwölfjährigen.
Jetzt gibt es auch größere Projekte für die Kleinen
Bisher hat sich das Angebot für die Jüngsten auf das Mitmachtheater beschränkt, das immer am Mittwochnachmittag kompakt erste Einblicke gewährt ins Grundhandwerk des Theaterspiels – Improvisation, Emotionen ausdrücken, in verschiedene Rollen schlüpfen.
Das neue Angebot sieht vor, auch für diese Altersgruppe ein längeres Projekt zu ermöglichen, an dessen Ende Werkstatt-Aufführungen stehen sollen. „Es sind zwei am letzten Juni-Wochenende geplant“, kündigt Petra Cambrosio, die seit letztem Sommer das Junge Theater Thurgau leitet, für den momentan ausgeschriebenen Theaterkurs an. Falls es dann wieder erlaubt sein sollte, Theater für Publikum vor Ort zu öffnen.
Falls nicht, sieht das die Theaterpädagogin zumindest für den neuen Kurs der Theaterwerkstatt nicht so eng: „In jedem Kurs ist immer auch der Prozess wichtig, nicht nur das Endresultat.“ Wichtig ist ihr vor allem, „dass der Kurs stattfinden kann und dass wir für die Kinder, grad auch in diesen Zeiten, alles, was möglich ist, durchziehen“.
Es sind noch Plätze frei
Sollten alle Stricke reißen, was die Aufführungen betrifft, wird erwogen, das zu tun, was andere Theater auch machen, nämlich ein Video aufnehmen und streamen. Das wäre schade, weil so „schon ziemlich viel verloren geht im Vergleich zum live Dabeisein. Aber zur Not lieber so als gar nicht“, meint Petra Cambrosio.
Der Kurs findet im Theaterraum des Eisenwerks in Frauenfeld statt, der gross ist, über ein gutes Lüftungssystem und Fester zum Öffnen verfügt. Es sind übrigens noch Plätze frei. Corona-Massnahmen wie Lüften, Händewaschen und Desinfizieren sind selbstverständlich. Die Kursleiterin selbst trägt Maske. Auf Seiten der Kinder sieht Petra Cambrosio kein Problem. „Die Schutzmassnahmen kennen sie seit Monaten auch aus der Schule.“
Für sie als Theaterpädagogin stellt die Maske schon eine Einschränkung dar: „Für uns ist es beim Anleiten wichtig, auch über Mimik den Kontakt herzustellen.“ Gleichzeitig stellt sie fest, dass die Kinder ihre Unbekümmertheit glücklicherweise nicht verloren haben: „Es ist schön, zwischendurch diese Insel haben zu können.“

„In jedem Kurs ist immer auch der Prozess wichtig, nicht nur das Endresultat.“
Petra Cambrosio, Leiterin JTTG (Bild: Danny Frischknecht)
Das neue Kursangebot zielt genauso auf die Kinder, die bereits beim Mitmachtheater von Katrin Sauter dabei waren, als auch auf Neulinge. Als einer der ersten Schritte erkundet Petra Cambrosio, was ihre Schülerinnen und Schüler sich vorstellen. Die Zugänge sind unterschiedlich – über ein Thema, über einen Ort oder über Figuren. Nach dem Meinungsbildungsprozess gibt es in guter demokratischer Tradition eine Abstimmung.
Dass die Spanne zwischen neun und zwölf Jahren ziemlich weit auseinandergeht, zumal durchaus auch ein Achtjähriger Chancen haben kann, aufgenommen zu werden, ist für die Kursleiterin kein Problem: „Es kann sein, dass ein Achtjähriger noch voll in einer Zauberwelt aufgeht, während es einer Zwölfjährigen um das Thema Mobbing geht. Wir schauen, wie das in Verbindung stehen kann und wie wir alle dort abholen, wo sie sind.“
Die Älteren haben sich selbständig gemacht
Das Kursangebot wurde eigentlich erst möglich durch einen Abgang am anderen Ende der Altersskala des Jungen Theaters Thurgau. Die Jugendlichen, die insbesondere durch die von Petra Cambrosio geleitete Produktion „nüt“ bekannt wurden, haben sich selbstständig gemacht und erarbeiten ihre Projekte nun in Eigenregie.
Dadurch sind Kapazitäten frei geworden. Sie nennen sich jetzt Freie Bühne Thurgau und planen nach den Worten der Theaterleiterin Aufführungen für den kommenden Herbst. Wobei für die Altersgruppe der über Sechzehnjährigen die Vorbereitung derzeit schwierig ist, da sie nur zu fünft proben dürfen. Den Zwölf- bis 16-Jährigen ist es erlaubt, zumindest zu zehnt, einschließlich Kursleiterin, zusammenkommen.
Engagement ist für alle Altersgruppen Voraussetzung. „Da muss man dann vielleicht auch einmal einen Kindergeburtstag ausfallen lassen können“, sagt Petra Cambrosio in Bezug auf den Probenbesuch. Wobei es ihr da aus Erfahrung nicht bange ist. „Für manche Kinder sind die Theaterproben das Highlight der Woche.“
Warum die Jugendlichen die Theaterproben so schätzen
Bei den Jugendlichen wurde kürzlich eine Fragerunde durchgeführt, bei der sich, kaum überraschenderweise, ergab, dass einige an den Umständen leiden: keine Veranstaltungen, kaum rausgehen können, viel vor dem Computer sitzen. Gerade für sie sind die Theaterproben wertvoll, und sie sind dankbar, dass es weitergeht.
„Das ist schön zu hören, dass unsere Arbeit geschätzt wird“, merkt die Theaterpädagogin an. Das Thema Corona auf der Bühne zu thematisieren wurde übrigens kurz diskutiert und schnell verworfen. „Es tut gut, sich auch wieder einmal mit anderen Inhalten auseinanderzusetzen“, so Petra Cambrosio.
Lust auf Mitmachen?
Eine Anmeldung für die Theaterwerkstatt der Neun- bis Zwölfjährigen ist möglich unter https://www.eisenwerk.ch/calendar/48/1200-Anmelden-Theaterwerkstatt/

Von Maria Schorpp
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