von Maria Schorpp, 19.01.2026
Verena Stefan forever

Vor 50 Jahren erschienen die „Häutungen“ von Verena Stefan. Im Gottlieber Bodmanhaus gab es dazu eine szenische Lesung mit „animierten Bühnenbild“ zum Werk der feministischen Autorin. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
„Häutungen“ – ein schmaler Band mit Breitenwirkung. Als Verena Stefans fiktionale Autobiografie 1975 erschien, schlug sie ein wie ein Meteoroid. Die erste Veröffentlichung der 1947 in Bern geborenen Schriftstellerin und Feministin zeigte Wirkung, tief wie ein Krater, der bis heute Gültiges zutage fördert, wie man im Literaturhaus in Gottlieben feststellen konnte. Allein die Zahlen: 30 Jahre lang wurde der 127-Seiten-Band rege verkauft, eine halbe Million Exemplare nur von der deutschsprachigen Ausgabe. Übersetzt wurde er in neun Sprachen, darunter ins Koreanische.
Ein Phänomen sondergleichen. Seinen Anfang nahm der feministische Bestseller über Mundpropaganda. So viel lässt sich sagen: Verena Stefan hat mit ihrer sprachlichen Aufdeckungs- und Abbrucharbeit patriarchaler Strukturen und ihrer Suche nach neuen Formen des weiblichen Selbstverständnisses einen Nerv der Zeit getroffen. Mit „brüten wir die Welt neu aus“ – mit einem Zitat aus den in Kleinschreibung verfassten „Häutungen“ haben Mariann Bühler und Tabea Steiner ihr Konzept einer szenischen Lesung überschrieben, die sich auf die Spur der schreibenden Aktivistin macht.
Dafür hat Tabea Steiner Stefans Texte neu befragt und entsprechend Textstellen aus deren Werk zusammengetragen. Äusserer Anlass für die Lesung ist der 50. Geburtstag der „Häutungen“ im vergangenen Jahr, in dem die Lesetour mit Vorstellungen in Bern, Zürich und Basel begann. Die erste Performance im neuen Jahr also im Literaturhaus Thurgau, dessen gut besuchter Veranstaltungsraum nochmals belegt, dass Verena Stefan, die 2017 in Montreal einem Krebsleiden erlag, längst nicht vergessen ist.
Wenig Lärm um viel
Dass die Lesung mit einem Begriff wie „Störrischkeit“ beginnt, passt dann auch zu den Erwartungen. Schauspielerin Kathrin Veith beginnt nicht mit den „Häutungen“, die überraschenderweise relativ wenig in die Performance aufgenommen wurden, sondern mit Auszügen aus dem viel späteren Text „Fremdschläfer“. Überhaupt steht der Abend im Dienst der Sache: Keine ausschweifende Hommage an die Schriftstellerin, sondern das Bemühen um einen immer wieder neuen Umgang mit ihrem Werk. Wenig Lärm um viel, das hätte ihr ziemlich wahrscheinlich sehr gefallen.
Die lesende Schauspielerin Kathrin Veith knüpft schnell Kontakt zum Publikum. Dass sie auf der kleinen Bühne an einer Art Tapeziertisch sitzt, bereitet dem Prozesscharakter des Abends unmittelbar die Grundlage. Neben der Schauspielerin ist nämlich auch die Künstlerin Dinah Wernli zugange, vor sich eine lange weisse Stoffbahn sowie Gläser mit Farben, die sie nach und nach und Schicht um Schicht auf das Gewebe aufträgt, das sie immer wieder faltet, zusammenknüllt oder zu Gegenständlichem formt.
Das hinterlässt Spuren, wie die Projektion auf der Bühnenrückwand zeigt. Ob es Zufall ist, dass es anfänglich aussieht wie ein Tintenklecks aus dem Rorschach-Test, dem berühmten Persönlichkeitstest? Auf jeden Fall eine sehr gelungene Umsetzung der Rede vom „Gewebe“ der Sprache, spannend und mit Sogwirkung. „Eine Art animiertes Bühnenbild“ hat es Tabea Steiner selbst genannt.
Ein eigenwilliger Stilmix
Die Inszenierung von Maja Bagat und Anouk Gyssler verlangt dem Publikum was ab, insbesondere sich einzulassen auf Stefans eigenwilligen literarischen Stil, der zwischen Beschreibungen, lyrischen Passagen und Analysen hin und her springt. Und der immer wieder auch von anderen aufgegriffene wurde. Tabea Steiners Textcollage bildet diesen eigenwilligen Stilmix nach, eine stimmig komprimierte Gesamtschau des formalen und inhaltlichen Werks der Künstlerin und Aktivistin.
Stefans Verhältnis zur Mutter wird Thema: „Nichts wird uns leichter gemacht durch Enkelkindermund, durch geläufige Mitteilungen über erste Zähne, erste Wörter, erste Schritte“, schreibt die Kinderlose zu einem Aufenthalt mit ihrer Mutter in einer Pension, bei der die beiden versuchen, im ungewohnten Zusammensein ohne den Rest der Familie eine gemeinsame Sprache zu finden. Parallel dazu ballt Dinah Wernli einen Kokon aus ihrer längst mit Farbe vollgesogenen Stoffbahn.
Auch sprachlich gibt es bestrickende Bilder. Etwa in dem Auszug aus dem Band „rauh, wild und frei“, in dem sich Stefan mit literarischen Mädchengestalten befasst, die in ihrer Kindheit vor Tatendrang sprühen. „Catherine Legrand springt mit aller Kraft vom Boden hoch. Sie versucht, sich mit den Fäusten in der Luft festzuhalten, damit die Erde sich unter ihr weiterdrehen kann, und hofft, an anderer Stelle wieder zu landen.“ Dann aber aus den „Häutungen“ die Frage: „Wer schuf diese gesellschaft, die frauen hasst? Wer spannte die angst in lianen durch die strassen, damit wir uns verfangen und nachts darin umkommen?“
Immer in Bewegung
Der erste Frauenkongress 1972 in Frankfurt mit all der Euphorie des Anfangs, die Frauen-WG in Berlin, wo Stefan nach dem Schulabschluss hinzieht, ihre auch sexuelle Hinwendung zu Frauen kommen zur Sprache – manches wirkt logischerweise historisch, vieles hingegen aktuell wie ein Klassiker, so die immer wieder unternommenen Abnabelungsanstrengungen von (heute wieder zu neuem Leben erweckten) patriarchalen Normen genauso wie das Nachdenken über Rollenbilder. Schliesslich auch die Krebserkrankung. Die explizit politische Dimension von Verena Stefan als Aktivistin scheint dagegen etwas zu kurz zu kommen.
Am Ende ist die gefaltete Stoffbahn als exakt gepacktes Bündel an der Bühnenrückwand abgebildet. Ein kleines Kunstwerk, das nach jeder Vorstellung etwas anders aussieht. Politisches und Künstlerisches als Zusammenschau, immer in Bewegung, nie abgeschlossen. Nah an den Menschen.

Von Maria Schorpp
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