von Maria Schorpp, 09.03.2026
Nasen und weitere Wahrheitshindernisse

Da ist Musik drin: Das zapzarap-Ensemble spielt in der Theaterwerkstatt in Frauenfeld seinen eigenen mitreissenden «Cyrano de Bergerac». Manchmal schlägt die Unterhaltung den Tiefgang, aber man merkt es kaum, weil so viel los ist. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Treffender lässt sich «Cyrano de Bergerac» kaum ins 21. Jahrhundert transportieren, als es das zapzarap-Ensemble selbst anführt: Cyrano könnte heute was machen lassen mit seiner Trumm-Nase. Kürzer, gerader, gefälliger halt. Ist ja mittlerweile kein Problem mehr. Der schöne Christian bräuchte Cyrano nicht mehr als Ghostwriter, sondern könnte die KI um gescheite Texte mit romantischen «Ich-liebe-dich»-Sprüchen anfragen, und «die Roxanne von heute würde auf Tinder Christian matchen und Cyranos Konterfei nach links wegwischen».
Entscheidender Faktor Nase
Das passt wie die Faust aufs Auge, würde Cyrano vielleicht sagen, der selbst gerne draufhaut – wenn ihm die Redewendung nicht zu gewöhnlich vorkäme. Was die Dichtkunst betrifft, lässt er seiner Eitelkeit freien Lauf, es kann gar nicht schwulstig genug sein. Aber das ist natürlich zeit- und entsprechend geschmacksabhängig. Sehr zurückhaltend wird er, wenn es um seine Nase geht. Nasen, so mitten im Gesicht, sind unbestritten mit die entscheidenden Faktoren dafür, was als mehr und als weniger attraktiv gilt. Nasen-OPs soll es schon seit zweieinhalbtausend Jahren geben.
Mit ihrer Umbenennung des Stücks von Edmond Rostand in «Cyrano de zapzarap» deutet die Theatergruppe schon an, dass sie mit dem Original auf ihre Weise umgeht. Nicht dass in Rostands Stück aus dem späten 19. Jahrhundert, das im 17. Jahrhundert spielt, in einem Gewaltakt der Regie herumgefuhrwerkt worden wäre. Im Gegenteil. Alles da, was dazugehört. Nur mit viel Musik und spassigen Wendungen drin.
Video: Trailer zum Stück
Der Rabauke mit dem traurigen Blick
Der Mann mit der Trumm-Nase, deren Hässlichkeit sein Leben bestimmt. Ein moderner Mensch mit soliden küchenpsychologischen Kenntnissen würde vermuten, dass Cyrano mit seinen Degengefechten nur seine Minderwertigkeitsgefühle kompensiert. Verheimlicht kampflos seine Liebe zu Roxanne und liefert seinem Konkurrenten Christian auch noch das Material, mit dem dieser beim It-Girl «matcht» (siehe Ghostwriter). Bei Giuseppe Spina ist das Sensibelchen mit der Kunstnase, die von der Seite wie ein Hexenfinger aussieht, schon eher ein Rabauke, allerdings mit Gitarre und manchmal einem so traurigen Blick, dass man schluchzen könnte.
Verstand oder Schönheit
Christian selbst ist bekanntlich nicht gut im Reden, insbesondere darin, die richtigen Worte zu finden, um Roxannes romantische Gefühle zu befriedigen. Wie ihn Jan Hubacher spielt, scheint das Denken gleichfalls nicht seine Stärke zu sein. Der Schauspieler bedient genresicher das nerdige Fach mit Spassfaktor, auch als Roxannes Dienerin. Und Roxanne: Sie findet zwar, dass Schönheit ohne Verstand hässlich ist, aber dass Christian eigentlich nur gut aussieht, will sie nicht wahrhaben. Amelie Lisa Rüegseggers Roxanne ist in ihrem reifrockschwingenden Blumenkleid – wie all die offensichtlich mehr parodistisch als historisch gemeinten Kostüme ist es von Joachim Steiner – kein Opfer zweier betrügerischer Kerle, sondern weiss, was sie will: den perfekten Mann.
«Perfect» von Ed Sheeran ist denn auch einer der Songs, die a cappella oder mit Gitarrenbegleitung angestimmt werden, manchmal in der Absicht, das Publikum emotional zu umgarnen, manchmal als ziemlich schrille Unterstreichung des Bühnengeschehens. Auf jeden Fall trägt es zur kurzweiligen Unterhaltung bei, die das «Schauspiel mit Musik» vor allem ist. Die Inszenierung von Markus Keller nutzt mit Gewinn die Musikalität des zapzarap-Ensembles für einige Live-Vocals, vom Antikriegssong (schliesslich geht’s auch in den Kampf mit den Spaniern mit tragischem Ausgang) über die West Side Story bis hin zum melancholischen Trinklied «Tourdion».
Nicht zu vergessen Marion Mühlebach, die Vierte im Quartett, die mit markanter Stimme und Ausputzer-Qualität auffällt. Sie ist genauso der Schmierenkomödiant Montfleury wie Graf Guiche, der scharf ist auf Roxanne, und noch viele mehr, die unabdingbar sind im «Cyrano de zapzarap», in dem die zirka 40 Rollen bei Rostand – nicht überraschenderweise – stark dezimiert wurden.
Meisterliches Ensemble
Auf der Bühne der Theaterwerkstatt Gleis 5 steht wiederum eine Bühne, deren roter Vorhang meistens zubleibt. Theater im Theater entsprechend der Eingangsszene im Originaltext. Das ermöglicht Gelegenheiten am Rande für einige Spässe der Schauspielenden mit ihrem Publikum, was mittlerweile fast Standard ist, sich hier aber geradezu anbietet. Durch die Vielzahl der Ebenen geht der Inszenierung allerdings stellenweise ein bisschen die Tiefe verloren, die in der Inszenierung selbst angelegt ist. Angesichts des meisterlichen Ensembles fällt es aber kaum auf.
Ist ja schliesslich eine sehr tragische Sache, das mit dem verpassten Leben, weil einem eine Nase im Weg ist. Oder weil man, wie Roxanne, vor lauter eitler Selbstgefälligkeit zu spät erkennt, was man wirklich gebraucht hätte. Am Ende darf man dann auch wieder einfach traurig sein über so viel Selbsttäuschung und Irrtum. Und wenn zum Schluss die Requisiten, einschliesslich Nasenprothese, am Boden liegen, fragt man sich, ob Nasen-OPs und Ghostwriter vielleicht nicht nur auf Tinder weiterhelfen, sondern auch im richtigen Leben. Weil das mit der Wahrheit ist heute ja auch so eine Sache.
Die nächsten Vorstellungen
Freitag, 13. März, 20 Uhr
Samstag, 14. März, 20 Uhr
Sonntag, 15. März, 17 Uhr
Freitag, 20. März, 20 Uhr
Samstag, 21. März, 20 Uhr* - Ausverkauft
Sonntag, 22. März, 17 Uhr
Samstag, 28. März, 20 Uhr
Sonntag, 29. März, 17 Uhr
Tickets (Fr. 35.- / 30.- Mitglieder*/ in Ausbildung und KulturLegi: 25.-) gibt es hier.

Von Maria Schorpp
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