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von Brigitta Hochuli, 03.07.2010

Hoffnung auf bescheidenes Wachstum

Hoffnung auf bescheidenes Wachstum
«Ich hoffe, dass wenigstens ein bescheidenes Wachstum weiterhin möglich ist.» | © Reto Martin, Tagblatt

Aus der neuen Bundesstatistik zu den kantonalen Kulturausgaben liest der Thurgauer Kulturamtchef René Munz eine «ausserordentliche Zurückhaltung» der Gemeinden heraus. An der ausserkantonal schwachen Wahrnehmung von Thurgauer Kultur sei die Höhe der Ausgaben aber nicht schuld. Vielmehr bräuchte es professionelle Produzenten, Künstleragenturen oder Galerien mit einem entsprechenden Beziehungsnetz über den Thurgau hinaus. Munz ist aber zuversichtlich und rechnet trotz allem mit einem bescheidenen Wachstum.

Fragen: Brigitta Hochuli

Herr Munz, mit 133 Franken Kulturausgaben pro Kopf rangierte der Thurgau im bundesstatistischen Jahr 2007 an siebtletzter Stelle der Kantone. Was sagt diese Zahl aus?

René Munz: Ich weiss nicht, wie sich die Zahlen genau zusammensetzen. Ich gehe davon aus, dass verschiedene Kulturausgaben, die in der Staatsrechnung ausgewiesen werden, sowie die deklarierten Kulturausgaben der Gemeinden zusammengerechnet werden. Ob dabei zum Beispiel auch die Kantonsbeiträge an die Musikschulen mitgerechnet werden, ist nicht ersichtlich. Nicht inbegriffen sind offenbar die Beiträge aus dem Lotteriefonds, aus dem im Thurgau die Kulturförderung entscheidend finanziert wird. Da aber die Lotteriefondsmittel generell nicht in den Vergleich der Kantone mit einbezogen werden, wird das Verhältnis der Pro-Kopf-Ausgaben unter den Kantonen wohl zutreffen. Sehr klar ersichtlich wird in der Statistik, dass vor allem die Gemeinden im Thurgau ausserordentlich zurückhaltend sind mit ihren Kulturausgaben.

Haben sich die Pro-Kopf-Ausgaben für die Kultur im Thurgau seit 2007 verändert und in welche Richtung werden sie sich in Zukunft entwickeln?

Munz: Die Ausgaben des Kantons für Kultur im Thurgau sind in den letzten zwei, drei Jahren etwas mehr angestiegen als zwischen 2002 und 2007. Das hängt unter anderem auch mit den Ausgaben aus dem Lotteriefonds zusammen, den wir in unserer Statistik mit einberechnen. In dieser Zeit hat sich aber auch die Bevölkerungszahl vergrössert und es müsste eine gewisse Teuerung berücksichtigt werden. Eine leichte Steigerung der Pro-Kopf-Ausgaben seit 2007 ist sicher festzustellen. Über die künftige Entwicklung kann ich keine Aussage machen, das sind politische Entscheide, die nicht das Kulturamt trifft. Ich hoffe, dass wenigstens ein bescheidenes Wachstum weiterhin möglich ist.

Neuerdings wird im Thurgau die fehlende Aussenwahrnehmung der einheimischen Kultur beklagt. Ist die statistische Zahl allenfalls ein Indiz dafür oder umgekehrt?

Munz: Die bescheidene Aussenwahrnehmung des Kantons wird schon seit Jahrzehnten immer mal wieder beklagt. Das hat mit verschiedenen Faktoren zu tun: mit der Qualität der Kulturproduktionen im Kanton, mit der Qualität der Medienberichterstattung innerhalb und ausserhalb des Kantons und sicherlich auch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, mit denen die professionellen Kulturinstitutionen bespielt werden können. So ist nicht abzustreiten, dass zum Beispiel das Kunstmuseum, über das regelmässig auch in den nationalen Medien berichtet wird, eine höhere Präsenz und Wahrnehmung geniessen könnte, wenn mehr Mittel für Ausstellungen und Werbung zur Verfügung stehen würden. Andererseits glaube ich nicht, dass die Kulturausgaben einen direkten Einfluss haben auf die überkantonale Bekanntheit von Einzelkünstlern oder von Musik- Tanz- oder Theaterensembles. Vielmehr fehlen hier zum Beispiel professionelle Produzenten, Künstleragenturen oder Galerien mit entsprechendem Beziehungsnetz über den Thurgau hinaus. (ho)

Einige Zahlen

> Kantonsbeiträge an die Musikschulen:
2007: 5,7 Mio Franken
2009: 6,2 Mio Franken

> Beiträge aus dem Lotteriefonds: Leistungsvereinbarungen, Projektbeiträge, Finanzierung Kulturstiftung, Beiträge Denkmalpflege:
2007: insgesamt 6 Mio Franken
2009: insgesamt 6,6 Mio Franken

> Pro-Kopf-Ausgaben:
2007: 100.80 Franken pro Kopf (nur Kanton, inkl. Lotteriefonds und Musikschulen bei 237'514 Einwohnern)
2009: 108.30 Franken pro Kopf (bei 241'243 Einwohnern)

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