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von Brigitta Hochuli, 30.08.2010

Historisches Museum Thurgau: 50 Jahre guter Geist

Historisches Museum Thurgau: 50 Jahre guter Geist
Das Museumsteam Frauenfeld mit Direktor René Schiffmann in der hinteren Reihe als zweiter von links. | © PD

Direktor René Schiffmann wünscht sich zum Jubiläum ein neues Schloss mit einem Schlossgeist, der weiterhin gute Stimmung verbreitet. Einen Lichtblick hat ihm die Regierung mit einem positiven Entscheid zum neuen Nutzungskonzept beschert. Am Sonntag wird in Frauenfeld mit einem Tag der offenen Tür gefeiert, an dem allen voran die Kinder nicht zu kurz kommen.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Schiffmann, Sie begehen Ihr Jubiläum mit einem Aktionstag und verzichten auf einen Festakt. Warum?

René Schiffmann: Das Museum wurde 1960 fürs Publikum hergerichtet und steht diesem auch seither zur Verfügung. Wir haben deshalb Aktivitäten gesucht, die die Verbindung Publikum-Museum-Schloss betonen und die Menschen mit spannenden Angeboten ins Museum locken.

Kinder und das Mittelalter stehen am Sonntag im Mittelpunkt des Programms. Ein Widerspruch oder geeignet, das Museum für die nächsten 50 Jahre zu positionieren?

Schiffmann: Weder noch. Die Kinder haben ihren Programmteil mit Spielen und die Erwachsenen haben den ihren unter anderem mit Führungen. Das Mittelalter steht im Vordergrund, weil wir das Museum in einem weitgehend mittelalterlichen Schloss feiern. Das soll aber nicht als Positionierung für die Zukunft verstanden werden: Da muss die Neuzeit, und zwar auch die jüngste, ganz sicher Platz haben.

Im Restaurant Bürgerstube gibt es Speis und Trank aus der Gründerzeit. Was steht auf der Menukarte?

Schiffmann: Speck mit Bohnen und Kartoffeln, Erbsensuppe, Gerstensuppe, Käse-Zwiebel-Wähe mit Salat, als Süsses Gugelhopf und Crèmeschnitten.

Das klingt nach vielen Kalorien. Am Sonntag ist aber auch ein Suchspiel geplant. Es werden in der Dauerausstellung zehn Gegenstände aus dem Depot versteckt. Verraten Sie uns, welches der über 30’000 Sammlungsobjekte Sie abgesehen von diesen Gegenständen persönlich gerne mit auf den Mond nähmen?

Schiffmann: Eine Botanisierbüchse aus Blech, die sind heute noch praktisch. Wenn ich auf dem Mond zu leben hätte, wäre mein grosser Wunsch, nicht immer eine tote Wüste ansehen zu müssen, sondern mit der Zeit auch mindestens etwas Pflanzen.

A propos Museums-Preziosen: Ist das Ittinger Vortragekreuz eigentlich inzwischen fertig restauriert? Wird es am Sonntag zu sehen sein?

Schiffmann: Ja, das Kreuz ist fertig konserviert und wieder ausgestellt, allerdings wie vorher im Ittinger Museum in der Kartause: Es ist eine Leihgabe des Historischen Museums.

Ein Wort zu den vergangenen 50 Jahren: Wie hat sich - im Zeitraffer - das Museum in dieser langen Zeit entwickelt?

Schiffmann: 80er Jahre neu: Sonderausstellungen - Ende 90er Jahre neu: Museumspädagogik, Dauerausstellung nur punktuell verändert, primär wegen Platzmangel; Ausrichtung der Sammlungstätigkeit vermehrt auf jüngste Vergangenheit und Alltagsobjekte insbesondere zu Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte.

Ein Wort zur Zukunft: Das Schloss wurde um das Jahr 1200 erbaut und ist heute dringend renovationsbedürftig. Gibt es zum Jubiläum einen Lichtblick? Die Prüfung eines neuen Nutzungskonzepts und der Renovation hat ja die Regierung dem Hochbauamt bis zum nächsten Jahr in Auftrag gegeben.

Schiffmann: Das mittelalterliche Schloss ist in einem gut unterhaltenen Zustand, technische Einrichtungen sind allerdings renovationsbedürftig. Umfassend erneuerungsbedürftig sind indessen museale Einrichtungen. Nötig sind die Erneuerung der Dauerausstellung mit mehr Platz und aktueller Thematik sowie neue, zweckmässige Räume für Sonderausstellungen, Museumspädagogik und technische Dienste. Dies sind auch die Kernpunkte des neuen Nutzungskonzepts, und es ist in der Tat ein Lichtblick, dass die Regierung vor zwei Wochen entschieden hat, die Machbarkeit dieses Konzepts überprüfen zu lassen.

Gesetzt den Fall, Sie würden von einer mittelalterlichen Fee beglückt, was wären Ihre persönlichen Wünsche? Wünschen Sie sich ein neues Schloss für das Historische Museum oder möchten Sie den alten Schlossgeist lieber nicht vertreiben?

Schiffmann: Ich wünschte mir ein neues Schloss mit sehr viel mehr Platz und einem Schlossgeist, der sich gerne zeigt und gute Stimmung verbreitet.

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Hochbauamt am Zug

Am 5. September 1960 feierte der Kanton Thurgau seine 500-jährige Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft und schenkte der Bevölkerung das Historische Museum im neu hergerichteten Schloss Frauenfeld. 1884 hatte der Kanton die Kulturgüter aus den aufgehobenen Klöstern übernommen. Wenig später begann der Historische Verein mit der Sammeltätigkeit. Diese Sammlung ging 1917 an die Thurgauische Museumsgesellschaft und 1958 an den Kanton über, der das Schloss von der letzten privaten Besitzerin Marie Bachmann inzwischen geschenkt bekommen hatte. Nun wurde nach jahrelanger Vorbereitungszeit renoviert, umgebaut und die Dauerausstellung eingerichtet.
Schon seit längerem sei vorgesehen, das Schloss Frauenfeld nach 50 Jahren wieder einmal zu renovieren, sagt Kulturamtchef René Munz. Das Museum brauche unbedingt eine neue Infrastruktur. Es fehlten Räume für Sonderausstellungen, für Museumspädagogische Angebote, und es fehle vor allem die Möglichkeit, die relevante Kantonsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts repräsentativ darzustellen. «Wir haben für das Historische Museum darum ein Nutzungskonzept erarbeitet mit der Fragestellung, welche Infrastrukturen nötig wären, um ein zeitgemässes, attraktives, kantonales, historisches Museum einrichten und betreiben zu können.» Darin seien die vorhandenen Sammlungsbestände aufgeführt sowie die für den Thurgau relevanten Themenbereiche und der Platzbedarf aufgelistet.
Der Regierungsrat habe jetzt dem Hochbauamt den Auftrag gegeben, bis im Oktober 2011 abzuklären, ob die Realisierung dieses Konzepts am jetzigen Standort überhaupt machbar wäre. «Falls nicht, müsste nächstes Jahr weitergeschaut werden. Das Schloss muss aber so oder so aufgefrischt werden», meint René Munz. (tg/ho)

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