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von Barbara Camenzind, 21.08.2023

Ein Kulturpreis für die ganze Szene

Ein Kulturpreis für die ganze Szene
Der Dirigent Stefan Roth wird mit dem Thurgauer Kulturpreis 2023 ausgezeichnet. | © Mario Testa

Der mit 20‘000 Franken dotierte Thurgauer Kulturpreis geht dieses Jahr an den Dirigenten Stefan Roth. Ein Porträt. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Natürlich freut sich Stefan Roth über die grosse Auszeichnung des Kantons. Sie bedeutet für ihn eine Auszeichnung für eine Musikszene, die landläufig eher in Bezug auf Volkskultur und Vereinswesen wahrgenommen werde und zu wenig mit ihrer künstlerischer Innovation. Im Gespräch mit dem versierten Musiker wird schnell klar: Er brennt für das, was er tut und hat auch klare Vorstellungen davon. 

Das Portfolio seiner Arbeit lässt sich sehen. Mit dem Symphonischen Blasorchester Kreuzlingen belegte er 2022 den 6. Platz beim World Music Contest (WMC) im niederländischen Kerkrade, und holte an den innoffiziellen Schweizer Meisterschaften mit diesem Orchester die höchste Punktzahl. Mit der Jugendmusik Kreuzlingen erlangte er am WMC den 3. Platz. Er dirigiert die Liberty Brass Band Ostschweiz, die Liberty Brassband Junior und die Uniun da Musica in bündnerischen Sagogn.

Gute Musik ist gut gearbeitete Musik

Die in der Tat nirgends ganz stimmige Einteilung von Musik in Genreschubladen, ist für Roth nicht so wichtig. Klar gebe es, so führt er aus, Unterschiede wie eine Brass Band oder ein Blasorchester dirigiert werden müsse, oder wie geprobt werde. Entscheidend für ihn sei aber, dass qualitativ sauber geprobt und gearbeitet werde. 

Roths Haltung dazu ist eindeutig: „Lieber weniger Auftritte einplanen, dafür einmal mehr proben. Dazu das Repertoire den technischen Möglichkeiten und Ressourcen der Musizierenden entsprechend auswählen und die Qualität sorgfälltig aufbauen. Das bringt eine Formation musikalisch weiter“. Warum zu hoch einsteigen, und nicht niveaugerecht proben und spielen? 

Eine kluge Einstellung, die auch anderen Bereichen gut tut, wenn Musik aus Liebhaberei betrieben wird und nicht als Beruf. Lieber ein schönes, musikantisches Michael-Haydn-Hochamt mit dem Kirchenchor singen, als die Sänger hepp-klepp durch eine H-Moll Messe Bachs jagen. Um ein Beispiel aus der Vokalszene dazuzusetzen.

Video: So klingt das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen

Kinder und Jugendliche professionell anleiten

„Ich weiss nicht, von wem das Zitat stammt, aber er ist mir sehr wichtig geworden: Kinder und Jugendliche brauchen die besten Dirigenten.“ Stefan Roth ist die Zusammenarbeit mit seinen jungen Musizierenden sehr wichtig. Der Aufwand sei gross und brauche enorm viel Aufmerksamkeit. 

Neben der Grunddisziplin, in einer Probe auch mal warten zu können, bis man dran sei, erwartet er von seinen jungen Mitmusizierenden, dass sie Einsatz zeigen. Er setze dabei auf kurze Probeneinheiten von zirka einer Stunde, dann Pause. Eigentlich könne er von Kindern und Jugendlichen gleichviel abverlangen wie von Erwachsenen, da diese durch die Schule viel Übung haben, einer Person zu folgen. Aber sie brauchen eine gezieltere Förderung in interpretatorischen Fragen, wie beispielsweise Phrasierungen. 

Dirigent Roth ist sich sicher: Anbiederung sei nicht das passende Konzept, Kinder und Jugendliche in der musikalischen Arbeit zu begleiten. Sie müssten abgeholt und genau so ernst   genommen werden, wie Erwachsene. Gelingende Führung basiert auf diesen Grundpfeilern. Erkennbar sein.

Probenbesuch beim Musical Gotthelf (2017)

Dirigieren ist nicht immer dasselbe

Die Musik ist es ja auch nicht.  Dirigent Stefan Roth hat in seiner Ausbildung (unter anderen bei Jan Cober und Ludwig Wicki) viel Know-How in allgemeiner Orchesterführung, Schlagtechnik und der musikalischer Leitung von Bläsermusik im Speziellen erwerben können. Im Gespräch wird schnell klar, da spricht einer, der ein genaues Bild, eine klare Vorstellung musikalischer Formen und Prozesse hat. 

Ein richtiger Dirigent antizipiert Musik und dirigiert nicht mit ihr mit. In Bezug auf Blasinstrumente, sei es wichtig, den Atem ins Dirigat fest mit einzubeziehen. Stichwort präzise Auftakte. Ähnlich wie bei Sängern auf der Bühne, nimmt ein guter, aber auch ein ungeschickter Dirigent so viel Einfluss auf die Tongebung und Phrasierungsmöglichkeit. Für Roth sei es aber auch stilistisch spannend. Eine Brassband sei anders zu leiten, wie ein symphonisches Blasorchester oder ein Symphonieorchester.

Kampf der Orchester: Mit der Jugendmusik Kreuzlingen war Stefan Roth 2014 bei der SRF-Show

Szene im Wandel

Blasmusik ist traditionell stark von Vereinen geprägt. Stefan Roth ist es wichtig, dass er nicht nur den musikalisch-professionelle Seite vertritt, sondern auch den sozialen Aspekt würdigt. Wenn jemandem die Geselligkeit nach der Probe wichtig sei, dann dürfe das sein. Er würde es begrüssen, wenn im Bereich der Jugendensembles und -orchestern vermehrt regional zusammen gearbeitet würde. 

Das ergibt Sinn, weil die erworbenen Kompetenzen dann auch im Verein vor Ort wieder zum Tragen kommen. Frauen, Mädchen sind in der Blasmusik noch immer etwas untervertreten. Es wären weniger die physischen Voraussetzungen, mehr das Klischee ein Hindernis, aber es gebe immer wieder Frauen, die in der Szene mitmischen. 

Wobei: Professionelle Dirigentinnen in der Sparte sind leider immer noch eine äusserst rare Spezies. Sind sie im so genannten Klassikbereich ja auch noch, da ändert sich aber langsam etwas.

Raus aus der Mottenkiste der Geschichte 

Der Thurgauer Kulturpreis 2023 geht an einen Mann, der nicht sich, sondern die Musik und die Musizierenden ins Zentrum stellt. Diese Ehrung verweist das reichlich verstaubte Klischeebild des Gemeindedienstleisters mit Pauke, Trompete und Humpa-Tättärä in die Mottenkiste der Geschichte -  und zeigt auf, dass im Thurgau eine Szene in einem musikalischen Kosmos agiert, der stolz auf seine traditionellen Wurzeln ist, die ihre künstlerischen Flügel aber weit ins 21. Jahrhundert ausgestreckt hat. Make Blasmusik great again!

Video: arttv.ch über das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen (2018)

Der Thurgauer Kulturpreis

Der mit 20'000 Franken dotierte Thurgauer Kulturpreis wird am Mittwoch, 23. August 2023 um 19.30 Uhr im Rahmen einer öffentlichen Feier im Dreispitz Kreuzlingen durch Regierungsrätin Monika Knill, Chefin des Departements für Erziehung und Kultur, übergeben. Die Laudatio hält der Komponist Oliver Waespi.

 

Mit dem Preis, der seit 1986 vergeben wird, spricht der Regierungsrat seinen Dank und seine Anerkennung aus für ausserordentliche kulturelle Leistungen von Privaten und von Institutionen, die das kulturelle Leben im Kanton in besonderer Weise bereichern. Eine Auswahl möglicher Trägerinnen und Träger des Kulturpreises wird dem Regierungsrat jeweils von der Kulturkommission des Kantons Thurgau vorgeschlagen.

 

Eine Liste aller bisherigen Preisträger:innen gibt es hier. Porträts zu früheren Gewinner:innen des Preises gibt es im Themendossier bei uns.

 

 

 

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