von Brigitta Hochuli, 28.06.2012
DREI FRAGEN AN...

... ALEX MESZMER und Reto Müller, die am Mittwoch zusammen mit Frau Gemeindeammann Jacqueline Müller die Kulturhauptstadt Pfyn an der dOCUMENTA (13) in Kassel präsentiert haben.
Herr Meszmer, Herr Müller, die dOCUMENTA-Plattform, auf der Sie Pfyn vorstellten, heisst "wining hearts and minds" und ist eine Art Freisprecherzone in einem abgelegenen Teil des Hauptbahnhofs von Kassel. Wie kamen Sie auf die Idee, das Projekt Kulturhauptstadt Pfyn hier vorzustellen?
Meszmer/Müller: Bei der letzten documenta 2007 waren wir zusammen mit Matthias Kuhn im Performance-Programm des Kunstvereinsheims Kassel präsent, und zwar mit „Geographie des Unerklärlichen“. Die Schweizer Kulturhauptstadt ist unser aktuelles Projekt und die Gelegenheit, auf der dOCUMENTA ein Projekt vorzustellen, bekommt man nicht jeden Tag. Der 'open call' des Kollektivs' Critical Art Ensemble' wurde vor der Eröffnung über Facebook verbreitet und wir haben uns spontan angemeldet - solche offenen Projekte sind auf Grossausstellungen eine Seltenheit geworden und von Kuratoren eher gefürchtet, denn sie haben eine anarchistische Komponente oder gelten als nicht kontrollierbar. Als wir zur Eröffnung der dOCUMENTA (13) in Kassel waren, haben wir uns den Ort angesehen. Es ist ein Haus, das speziell für dieses Projekt gemacht wurde. Das Haus liegt abgelegen - es ist das letzte Werk auf der Nordseite des Hauptbahnhofs, direkt daneben befindet sich die grosse Stahlskulptur aus Industrieschrott von Lara Favaretto, die ein grosser Anziehungspunkt für Besucher auf dem Gelände ist.
Wie haben Sie das Kulturhauptstadtprojekt präsentiert? Es ist ja nicht davon auszugehen, dass das Publikum eine Ahnung hat, worum es bei Pfyn geht. Was wird der Schwerpunkt sein?
Meszmer/Müller: Wir haben im Januar einen Messestand für die Kulturhauptstadt gebaut - mit drei Monitoren, auf denen eine Videofahrt durch den ganzen Ort läuft, die Vorstellung der Künstlerinnen und Künstler der Demokratischen Kunstwochen, sowie eine Diashow zu allen Projekten. Es gibt einen Informationsständer mit Publikationen, Postkarten, Flyern und eine kleine Vitrine mit einem oder mehreren Objekten aus unserer zeitgarten.ch-Sammlung. So können wir die Besucher empfangen und informieren - wie bei einem Werbeauftritt auf einer Tourismus - Messe. Seit Januar tourt übrigens dieser Messestand und war schon in Baden, Kreuzlingen, Biel und Willisau. Für Kassel hatten wir noch Unterstützung von unserer Frau Gemeindeammann Jacqueline Müller. Sie kam mit, um Pfyn zu repräsentieren.
Der Aufwand für so eine Präsentation ist ja sicher kein geringer. Was versprechen Sie sich davon? Für sich selber als Künstler? Aber auch für die Pfyner mit ihrem neuen Amphitheater oder für den Kanton Thurgau?
Meszmer/Müller: Die Kosten für den Transport und die Reisepesen zahlen wir aus eigener Tasche. Dass es sich wirklich lohnt in einem ökonomischen Sinn, ist unwahrscheinlich. Auch wenn das Critical Art Ensemble mit 'be a part of documenta 13' kokettiert, macht uns der kurze Auftritt nicht zu dOCUMENTA-Künstlern. So etwas zu glauben, wäre blauäugig. Aber wir haben auf der diesjährigen dOCUMENTA sehr viele Fragen wieder gefunden, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben und jetzt - wenn auch nur für eine Stunde - ein Teil davon zu sein, tut gut. Seit Beginn dieses Jahres werden Mitglieder des Kuratoriums der Kulturhauptstadt immer wieder zu Vorträgen, Präsentationen, Diskussionen oder Tagungen eingeladen und stellen das Projekt und die Ideen dahinter einem wachsenden Publikum vor. Das Interesse und die Bewunderung für den Willen von Pfyn, einen solchen Titel auch ernst zu nehmen und im Rahmen der Möglichkeiten eines Dorfes zu füllen, sind gross. Das trägt ein positives Bild von Pfyn und auch vom Kanton Thurgau nach aussen. Dort sind die Kulturschaffenden aktiv und nehmen ihr Schicksal selber in die Hand - und sie werden von der Politik unterstützt! (ho)

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst
- Kulturpolitik
Kommt vor in diesen Interessen
- Interview
Ähnliche Beiträge
„Die Leidenschaft für Kunst verbindet uns!“
Miteinander statt gegeneinander: Der Kunstverein Frauenfeld zeigt, wie wertvoll es ist, wenn Jung und Alt zusammenarbeiten. Ein Gespräch über Generationenklischees, Wandel und die Kunst des Ehrenamts. mehr
«Künstler:innen planen manchmal zu blauäugig.»
Wenn Fördergelder schwinden und Sponsoren abspringen, wird kluges Projektmanagement auch für Kulturschaffende zur Überlebensfrage. An der Hochschule Luzern kann man jetzt lernen, wie das geht. mehr
«Wir unterstützen – aber wir können nicht alles abnehmen»
Räume, Ausstellungen, Gesuche: Was läuft gut, was braucht Veränderung? Die Thurgauer Kulturstiftung reagiert auf Kritik von Kulturschaffenden – und stellt neue Ideen vor. mehr

