von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 09.09.2026
Diese entsetzliche Lücke

Licht, Architektur, Gesellschaft: Asi Föcker und Anne Gathmann legen im Shed des Eisenwerks rätselhaft-kunstvolle Spuren zur Deutung unserer Zeit. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Man kann in diesen bewegten Zeiten ja kaum eine Ausstellung einfach nur als Kunstausstellung anschauen. Alles ist immer politisch und gesellschaftlich aufgeladen, also immer irgendwie meta. Am Ende sagt das oft mehr über unsere Zeit aus als über die einzelnen Kunstwerke. Selbst eine auf den ersten Blick konkret am Objekt orientierte Ausstellung wie jene von Asi Föcker und Anne Gathmann im Shed des Frauenfelder Eisenwerks widerfährt dieses Schicksal. Dabei legen die beiden Künstlerinnen, die das erste Mal seit mehr als einem Vierteljahrhundert wieder zusammenarbeiten, keine allzu offensichtlichen Spuren ins Politische.
Der weite, helle Raum des Shed wirkt durch die Sonne beinahe strahlend, die Kunstwerke sind sorgsam im Raum verteilt. Im Vergleich zur vorhergehenden Ausstellung von Claude Bühler wirkt der Raum kühl, aufgeräumt, clean. Das liegt natürlich in erster Linie an den Materialien, mit denen die beiden Künstlerinnen arbeiten. Asi Föcker biegt Chromstahlformen zu geometrischen Schatten-Licht-Maschinen, die mit dem Sonnenlicht spielen. Anne Gathmann verwandelt Keramikformen in rätselhafte Codes und merkwürdige Geräte, von denen man nicht so recht weiss, welche Funktion sie haben könnten. Alles erschliesst sich erst Stück für Stück.
Die erste Frage: Was soll das alles hier?
Und so wandert man durch den Saal, blickt zunächst auf die Chrom-Installationen an den Wänden, die miteinander, aber auch mit dem Raum und dem Licht zu kommunizieren scheinen. Dann wandert das Auge auf den Boden. Asi Föcker hat Chromstahl in eine wellen- und fächerartige Form gebracht. Sie reflektiert die Decke des Shed, spielt mit der Architektur, verzerrt die Wirklichkeit in Fragmente, Einzelteile, die nicht mehr recht zusammenpassen wollen.
Parallel dazu, zehn Meter entfernt, befindet sich eine Installation von Anne Gathmann aus Keramik-Zylindern. Aufgereiht wie Paketklebebandrollen, manche liegen auf dem Boden, andere stehen aufrecht. Die Künstlerin hat dem Werk eine Botschaft in Braille-Schrift eingeschrieben.
Und dann ist da noch dieses beinahe animalische Objekt aus leicht gebogenem Chromstahl. Das Licht-Schattenspiel verleiht dem Wesen einen stacheligen Panzer. Es ist wie ein wundersames Wesen in einer durchtechnisierten Welt.
Das Hirn sucht nach Ankern – und findet keinen Halt
Versucht man mitten in dieser verschwiegen-rätselhaften Szenerie einen Sinn zu finden, durchwandert das Gehirn etliche semantische Felder, die einen Bezug aufweisen könnten. Worum geht es hier eigentlich? Um Reflexion und Spiegelung? Und Schatten und Dunkelheit? Um ein Oben und ein Unten? Um Kommunikation, Sprache, Interaktion oder das Gegenteil davon – Schweigen, Verstummen? Wie war das noch bei Brecht? Die im Schatten sieht man nicht. So rattert man seinen eigenen Bildungshorizont durch und es ergibt sich doch kein rechter Sinn. Oder präziser – vielleicht nicht der eine Sinn.
Und das ist ja immer der Moment, in dem Kunst aufregend wird: Wenn alles und nichts gleichzeitig möglich ist und die Synapsen vor lauter Möglichkeiten beinahe verrückt werden. Das Hirn sucht nach Ankern – und findet keinen Halt. Die grosse Frage: Wie lässt sich das alles entschlüsseln?
Ist das alles wirklich meta oder doch nur ein Spiel?
Dann fällt eine der Installationen von Anne Gathmann in den Blick. Ein trapezförmiger Apparat an der Wand, schneeweiss, kantig, wuchtig, tendenziell anachronistisch in Zeiten, in denen Apparate eher kleiner als grösser werden. Unten Löcher, die Austausch ermöglichen und eine dezente Öffnung andeuten. Frage: Sehen so nicht Notrufsäulen in U-Bahnhöfen und an Autobahnen aus? Lässt man sich auf diese Deutung ein, eröffnet sich der Meta-Horizont dieser Ausstellung.
Was bringt eine Notrufsäule, die man im Notfall nicht als solche erkennt? In welchen Spiegel schauen wir, wenn am Ende alles verzerrt erscheint? Und sind die Licht-Schattenspiele an der Wand nicht allzu mechanisch, festgefahren und träge? Wer im Schatten ist, wird es hier immer bleiben. Daran ändert auch der tageslichtbedingte Wandel der Sonneneinstrahlung wenig. Das hier ist kein Kaleidoskop, es ist eher das Gegenteil davon. Weil alles bleibt, wie es ist. Es gibt nur einen Ausweg – die Betrachter müssen ihren Standpunkt ändern. Erst dann bewegt sich was.
Was der Titel der Ausstellung wirklich meint
Ist das die Botschaft, die in der Schau liegt? Wenn du Dinge nicht ändern kannst, dann ändere dich? Das wäre ein bisschen platt und spekulativ, aber genau der richtige Punkt, um noch einmal auf den Titel der Ausstellung zu schauen: «Out of» haben Gathmann und Föcker ihr Zusammenspiel genannt. Der Saaltext zur Ausstellung weist zu Recht darauf hin, dass dies mehrere Bedeutungsebenen hat: «Auf Deutsch bedeutet Out of ‹aus›, ‹heraus aus›, ‹ausserhalb von›. Es kann aber auch einen Zustand des Nicht-mehr-Dazugehörens oder des Nicht-mehr-Vorhandenseins beschreiben.»
So betrachtet ergeben sich zwei Fragen: 1. Welchen Zustand ausserhalb von was beschreibt die Ausstellung? 2. Auf welches «Nicht-mehr-Vorhandensein», auf welche gesellschaftliche Leerstelle weisen die Künstlerinnen hin? Wo fehlt etwas?
Wer füllt die Leerstellen zwischen uns?
Vielleicht sind es die gesellschaftlichen Lücken an und für sich. Die Distanz, die Kontextlosigkeit, der schwindende Zusammenhang zwischen allem – und jedem. Oder persönlicher gesprochen: Die Leerstellen zwischen uns, zwischen dir und mir, die in der kantigen Welt der Ausstellung nicht mehr gefüllt werden können. Wie nah uns diese Welt längst gekommen ist, das kann jeder und jede selbst in der Ausstellung von Asi Föcker und Anne Gathmann erspüren. Sehenswert!
Die Öffnungszeiten der Ausstellung
Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist bis zum Samstag, 19. September, zu sehen. Geöffnet jeweils Do und Fr 19 bis 21 Uhr, sowie Sa 16 bis 20 Uhr.
Finissage: Samstag, 19. September, 16 Uhr, mit Performance von und mit Asi Föcker und Anne Gathmann um 18 Uhr.

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter
- «Ich bin kein Vordenker.» (07.09.2026)
- «Ich habe immer zwei Leben gelebt.» (13.08.2026)
- «Man darf den Glauben an sich nicht verlieren.» (11.08.2026)
- «Viele hier verstehen zu wenig, wie bedeutsam Museen sind.» (10.08.2026)
- Wie der Leinwandhandel Arbon veränderte (04.08.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
- Bildende Künste
Dazugehörende Veranstaltungen
Kulturplatz-Einträge
Ähnliche Beiträge
Ein Maler wie kaum ein anderer
Ein Zufall sorgte vor über 50 Jahren dafür, dass Willi Oertig Künstler wurde. Seine Werke waren so beliebt, dass er seine Familie davon ernähren konnte. Nun ist er im Alter von 79 Jahren gestorben. mehr
Mehr Struktur, mehr Programm: Wie sich das Eisenwerk professionalisiert
Mit dem sanierten Saal wächst das Frauenfelder Kulturhaus: Bis zu 600 Gäste sind nun möglich, zugleich steigen die Anforderungen. Das Ehrenamt soll trotzdem zentral bleiben im Betrieb. mehr
Vom Freisitz zum Kunsthaus
Keramik, Malerei, Installation, Dokumentarfilm, Teppiche – die Kulturschaffenden von kunstthurgau zeigen sich in ihrer neuen Ausstellung «GEhSCHICHTEN» vielfältig. mehr

