von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 16.06.2026
Könnten wir das alles nicht auch anders machen?

Lehren aus der Landwirtschaft: Claude Bühlers Ausstellung «how goes tomorrow» im Eisenwerk Shed lädt zum Mitdenken über gesellschaftliches Miteinander ein. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Es ist noch gar nicht so lange, da hat der Frauenfelder Theatermacher Giuseppe Spina einen sehr schönen Satz gesagt: «Wir Künstler», sagte er damals, «sind so was wie die Landwirte der Seelen.» Das ist Poesie kurz vor Pathos, aber trotzdem ist da ja was dran. Die Parallelen zwischen der Kunst hier und der Agrarkultur sind offensichtlich: Beides braucht Zeit, beide beginnen mit etwas Kleinem, dessen Entwicklung offen ist, beide arbeiten unter Bedingungen, die sich nur teilweise steuern lassen.
Und: Während Landwirtschaft immer für eine zukünftige Ernte arbeitet, bemüht sich Kunst oft um eine zukünftige Vorstellung davon, wie Gesellschaft sein könnte. Insofern ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass sich Kulturschaffende in den letzten Jahren zunehmend mit dem Verhältnis zwischen Seelen- und Landschaftspflege beschäftigt haben. Die drängenden ökologischen und sozialen Fragen unserer Zeit haben dieses Interesse weiter angeheizt.
Im Kunstmuseum Thurgau zeigt derzeit beispielsweise der französische Künstler Fabrice Hyber seine Perspektive auf Wachsen und Vergehen in Natur und Gesellschaft. Das Bündner Kunstmuseum Chur hat 2022 eine Ausstellung unter dem Titel «Über die Liebe zum Land. Kunst und Landwirtschaft» gezeigt, und im Shed des Frauenfelder Eisenwerks fügt nun die Fotografin und Konzeptkünstlerin Claude Bühler ihre Perspektive ins Bild.
Eine Ausstellung, die über sich selbst hinaus wächst
«How goes tomorrow» heisst Bühlers noch bis zum 4. Juli zu sehende Ausstellung. Darin dokumentiert sie einerseits die Arbeit eines Betriebs, der nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) wirkt, führt die Erkenntnisse aber auch in partizipatorischen Elementen fort. Wenn man so will – diese Ausstellung wächst über sich selbst hinaus. Und das ist für eine Schau über Landwirtschaft dann doch ein sehr schöner wie konsequenter Gedanke.
Ein Mittwoch im Juni. Claude Bühler steht mitten in ihrer Ausstellung und wirkt zufrieden. «Ich freue mich einfach, dass ich die Arbeit jetzt zeigen kann», sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Für die im Thurgau aufgewachsene Künstlerin ist es die erste grosse Einzelausstellung. «How goes tomorrow» ist das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit, in der sie sich mit kollektiven Lebensformen und der Frage beschäftigt, wie wir in Zeiten von Klimakrise, globalen Konflikten und Artenverlust anders zusammenleben und -arbeiten könnten.
Beobachtungen eines Hofkollektivs
Das Interesse für das bäuerliche Leben hat sie früh verinnerlicht. Ihre Grosseltern hatten einen eigenen Bauernhof, als Kind hat sie dort regelmässig Zeit verbracht und mitgeholfen, «das gehörte einfach dazu», erinnert sich Bühler. Es gab mal eine Zeit in ihrem Leben, da war es durchaus eine Option, selbst Landwirtin zu werden. Am Ende wurde es dann doch die Kunst, sie studierte Fotografie in Berlin und arbeitet inzwischen als multitalentierte freischaffende Künstlerin. In ihrer Frauenfelder Ausstellung verbindet sie nun Landwirtschaft und Kunst.
Ausgangspunkt von «how goes tomorrow» ist das Hofkollektiv Rotenbirben bei Zürich, das weitgehend ohne Hierarchien organisiert ist und Ernte sowie Ressourcen bedarfsorientiert teilt. Während der Corona-Pandemie war Claude Bühler dort gelandet. «Eigentlich per Zufall, aber ich brauchte damals eine Perspektive, und die Kunst hat sie mir während des Lockdowns nicht geboten, also ging ich auf den Hof», erklärt Bühler. Nicht primär mit dem Ziel, ein Kunstprojekt daraus zu machen, sondern eher, um überhaupt etwas zu tun zu haben und irgendwo aufgehoben zu sein.
Zwischen Romantisieren und Realität
Die analogen Fotografien, die sie aus dieser Zeit jetzt im Shed zeigt, zeugen von der tiefen Verbundenheit und Zuneigung zu dem Ort und den Menschen. Den Fotografien gelingt Verblüffendes – sie transportieren einerseits die Ruhe und Schönheit des Landlebens und geben trotzdem auch Einblicke in die Fragilität dieses Lebens.
Die Balance zwischen Romantisieren und Realität hält Bühler hier souverän. Die Aufnahmen sind berührend, ohne einzulullen. Das liegt vermutlich auch daran, dass sie selbst Ergebnisse eines aufwendigen handwerklichen Prozesses sind und nicht mal eben schnell mit dem Smartphone aufgenommen wurden. Sie strahlen Wertigkeit aus. Die handgefertigten, geräucherten Eichenholzrahmen festigen den Eindruck.
Von Brüchen und Widersprüchen
Gleichgewicht, auch so ein zentraler Begriff der Ökologie, war Claude Bühler in ihrer Arbeit ohnehin wichtig. Natürlich wollte sie die Schönheit des Landlebens zeigen. Gleichzeitig wollte sie es aber auch nicht bei Schwärmerei belassen, sondern auch auf Widersprüche im System hinweisen. Dass ökologisch richtiges Verhalten (Kaufen bei einer Solawi), soziale Ungleichheit zementieren kann (nicht jede:r kann sich die Preise leisten).
Oder: Dass die Preise im Supermarkt ja auch deshalb so günstig sein können, weil vielleicht nicht der einzelne Kunde, aber doch irgendjemand dafür bezahlen muss. Stichwort: miese Arbeitsbedingungen und Ausbeutung. Der Mord an vier Erntehelfern in Italien vor wenigen Tagen legte das brutal offen. DIE ZEIT fand dafür die bittere Schlagzeile: «Lebendig verbrannt für billige Erdbeeren».
Kunst als Öffner für Dialog
Diese politischen Fragen thematisiert Claude Bühler nicht direkt, aber sie schwingen mit in ihrer Arbeit. Neben den Fotografien zeigt die Ausstellung Videointerviews, ein partizipatives Pflanzprojekt sowie ein interdisziplinäres Research Lab. Dieses, einer Denkfabrik nahekommende Recherchelabor, legt den künstlerischen Ansatz von Bühler offen.
Sie will nicht beim Status quo und Dokumentieren stehen bleiben, sondern weiterdenken. Immer mit dem konstruktiven Ansatz: Wie könnten wir Dinge verbessern? «Mich interessiert dabei Kunst weniger als fertiges Produkt, sondern als verbindende Praxis, die Denk- und Experimentierräume öffnen kann», sagt sie im Gespräch.
Im konkreten Fall hatte sie Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Arbeitende aus der Landwirtschaft zu einem Workshop in die Räume des Shed (Eisenwerk Frauenfeld) eingeladen. Gemeinsam diskutierten sie einen Tag lang: Gibt es Handlungslinien im Zusammenleben des Hofkollektivs, die sich in anderen gesellschaftlichen und künstlerischen Spannungsfeldern fortführen lassen?
Multiperspektivität als Methode, um die Welt zu verstehen
Tatsächlich sind daraus kollaborative Werke entstanden, die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Zum Beispiel die «Earth Prints» – Siebdrucke aus an der Murg gesammelter Erde. Oder auch ein mit Erde und organischem Material gefüllter Glaswürfel, der als Lautsprecher für während des Research Labs entstandene Fragen und Gedanken dient. Die Idee dahinter: Im Verlauf der Ausstellung sollen die Fragen das Wachstum der Pflanzen nähren. Besucher:innen sind eingeladen, die Pflanzen zu pflücken, zu essen und so die darin eingeschriebenen Gedanken zu verinnerlichen.
«Mir war wichtig, nicht nur meine eigene Perspektive zu zeigen, sondern auch andere Perspektiven einzubinden», erklärt die Künstlerin diesen sehr offenen Ansatz ihrer Arbeit. Multiperspektivität als Schlüssel, um die Welt zu verstehen. Für Claude Bühler führt daran in unserer komplizierten Zeit kein Weg vorbei.
Dazu passt auch das Werk «Und wenn der Schnee kommt, ist das Jahr dann vorbei?» von Hannah Billich. Ausgebreitet auf mehrere Wandmeter hält die Künstlerin hier Beobachtungen aus ihrem Alltag auf Papier fest. Kurze Gedanken, sehr präzise gefasst. Auch dies macht den Raum auf für weitere Gespräche.
Die Kunst liegt auch im Wie
Genau dieses Öffnen von Dialogräumen macht die Ausstellung von Claude Bühler so herausragend. Die Kunst liegt dabei nicht nur darin, dass diese Räume geöffnet werden, sondern eben auch darin, wie dies geschieht. Ausgehend von der wirklich betörend schönen Fotografie des Hoflebens zieht einen die Ausstellung immer tiefer in gesellschaftspolitische Fragen hinein, bis man sich irgendwann selbst fragt: Könnten wir das alles – von der Produktion unserer Lebensmittel bis zu unserem gesellschaftlichen Miteinander – nicht vielleicht doch ganz anders regeln?
Der Samen ist gesät, der Gedanke kann in den Köpfen der Besucher:innen weiter wachsen. Das ist künstlerisch ebenso klug wie trickreich. «Vielleicht ändert es bei dem einen oder anderen im Alltag ja wirklich etwas», formuliert Claude Bühler eine Hoffnung. Jede grosse Bewegung braucht schliesslich einen Anfang. Nicht verpassen!
Die Ausstellungsdaten
Noch bis zum 4. Juli ist die Ausstellung von Claude Bühler im Eisenwerk Shed zu sehen.
Do 25. Juni, 19 Uhr: Rundgang mit Claude Bühler und Mirjam Wanner
Fr 3. Juli, 19 Uhr: Finissage
Sa 4. Juli, ab 17 Uhr: Sommerfest im Eisenwerk
Die Öffnungszeiten
jeweils Do/Fr 19 bis 21 Uhr, Sa 16 bis 20 Uhr
Im Herbst 2026 wird die Ausstellung zudem nochmals im Photoforum Pasquart in Biel gezeigt.

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter
- Geschichten, die sich selbst erzählen (15.06.2026)
- Der grosse Grübler (08.06.2026)
- Big in Japan (26.05.2026)
- Biss zur letzten Blutkonserve (22.05.2026)
- Woran soll man noch glauben? (19.05.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
- Bildende Künste
- Fotografie
Dazugehörende Veranstaltungen
Kulturplatz-Einträge
Ähnliche Beiträge
Im unendlichen Fluss von Bedeutungen
Lulu Cora Süss bricht mit ihren Assemblage-Skulpturen scheinbar unveränderliche Kategorien auf und zieht damit Parallelen zur queeren Körperlichkeit. Der Kanton Thurgau hat sie nun mit einem Förderbeitrag von 25‘000 F... mehr
Big in Japan
Wie schafft man kreativ Räume für Kultur? Die Ostschweizer Künstlerin Heidi Schöni hat in Asien ein spannendes Projekt entdeckt - und es sich vor Ort angeschaut. mehr
Woran soll man noch glauben?
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion. mehr

