von Barbara Camenzind, 10.08.2026
Ein Fest für eine klingende Königin

Sie ist 102 Jahre alt, Herrin über 4’200 Pfeifen und lässt sich alle 61 Register ziehen: Die Kuhn-Orgel der Evangelischen Kirche Arbon steht seit 2011 im Zentrum des von Simon Menges organisierten internationalen Orgelfestivals. Ab 16. August 2026 gibt es Sinfonisches mit Tschaikowsky – Tanz und Klang – und einen Jungstar an Pedalen und Tasten. Wir geben euch hier einen Überblick. (Lesedauer: 3 Minuten)
Die Arboner Orgel ist die Grösste – im Kanton Thurgau, wie dem Bodenseeraum. Sie stammt aus einer Zeit, in der die Orgelmusik sich wieder einmal aufmachte, mehr zu sein, als nur Dienstleisterin für sakrale Angelegenheiten. Kino-Orgeln zum Beispiel, da brauchte es viel Pomp und Drama. Diese Reise begann natürlich schon im 19. Jahrhundert, mit den so genannten Riesenorgeln mit schwerem romantischem Klang. Als die Arboner Orgel von der Firma Kuhn Männedorf 1924 gebaut wurde, hatten die Auftraggeber und Orgelbauer ein Symphonieorchester im Kopf, das von einer Person gespielt werden kann. Das Besondere an ihr: Sie klingt nicht nur bombastisch, sondern farbig und je nach Registratur dezent oder üppig.
Dies auch dank der kundigen Revision der Orgelbaufirma Rieger aus Vorarlberg vor ein paar Jahren. Die Spezialisten haben ein Händchen und ein Ohr dafür, die originale Klanggestalt einer Orgel herauszuarbeiten und «Verschlimmbesserungen» aus ihrer Geschichte wieder rückgängig zu machen. Organist Simon Menges kennt «sein» Instrument sehr gut und lädt auch dieses Jahr Gäste zu sich ein, die die Königin der Instrumente im Thurgau in allen Klangfarben erstrahlen lassen werden.
Schicksalsmotive mit Andrew Dewar (GB/FR)
Sonntag 16. 08. 2026 19.00 Evangelische Kirche Arbon
Die Symphonie Nr. 5 von Piotr Iljitsch Tschaikowski schrieb der Komponist im Jahr 1888 und widmete dieses Werk dem Hamburger Musiklehrer und Musikschriftsteller Johann Theodor Friedrich Avé-Lallemant, den er sehr verehrte. Die ahnungsvollen Motive, die einerseits den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung, sowie Zweifel, Klagen und Vorwürfe stilisieren, gaben dem Stück den Namen «Schicksalssymphonie». Spannende Musik aus einer Zeit, in der die so genannte Leitmotivtechnik ihre volle Blüte erlebte. Wer aber gerne einfach in Tschaikowskis farbiges Klanguniversum eintauchen möchte, kommt hier sicher voll auf seine Kosten.
Der erfahrene, wie international hoch angesehene Organist Andrew Dewar, Professor für Orgel am Royal College of Music in London und Organist an der grossen Orgel in der Cathédrale americaine de Paris, hat die Symphonie für Orgel arrangiert. Er verbindet englische Kathedralmusikkunst mit französischer Prachtentfaltung. Dieser Abend wird sicher ein Fest für die Ohren!
Hier kannst du Andrew Dewar beim Musizieren zusehen, aber wisse, jede Orgel klingt anders und erzählt die Musik wieder neu.
Tanz und Orgelklang mit Simon Menges (CH/D)
Sonntag, 30. August 2026 19.00 Uhr, Evangelische Kirche Arbon.
Die knackige Tanz-Toccata von Anton Heiller, einem Komponisten, der vor allem eingefleischten Orgelfans bekannt sein müsste, sowie Mad Rush von Minimal-Music-Epigone Philipp Glass und dann einen Schnitt zu Film und Broadway mit den rasanten Sinfonischen Tänze aus Leonard Bernsteins «West Side Story» und dazu expressionistisch passend «La Valse» von Maurice Ravel. Hausherr Simon Menges bespielt die ganze Vielfalt des grossen Instrumentes mit einigen veritabeln «Süüdern». Fürs Auge wird auch etwas dabei sein. Die Tänzerinnen Venissia Perrù und Cocdem Groll werden die Töne in Bewegung umsetzen und den Abend so in einen vielsinnig poetisches Konzerterlebnis umwandeln. Es lohnt sich übrigens, bei Simon Menges Audio-Archiv ein Ohr voll mitzunehmen, so zum Einstieg.
Jan Liebermann und der Orgel-Glamour
Sonntag 6. September 2026 19.00 Uhr, Evangelische Kirche Arbon
Er ist erst 21 Jahre alt und bereits ein Star mit internationalem Ansehen. Organisten verbindet man sonst nicht so mit Glamour. Jan Liebermann bringt ihn nach Arbon mit und wird ihn an der grossen Orgel in Klang umsetzen. Im Gepäck des jungen Virtuosen ein Querschnitt höchst anspruchsvoller Musik: Die Paulus-Ouvertüre des ewig jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy, dann «Wachet auf, ruft uns die Stimme» von Johann Sebastian Bach: Es wird spannend sein, wie die Werke des barocken Grossmeisters auf dieser Orgel einer späteren Epoche klingen werden – vor allem die Improvisationen dazu. Charles Marie Widor, ein Zeitgenosse aus der Entstehungszeit der Arboner Orgel, eröffnet mit «Bachs Memento» und dem «Marche du veilleur de nuit» den Reigen französischer Musik. Auf seinen Zeitgenossen Louis Vierne darf man sich ganz besonders freuen. Seine Musik steht an der faszinierenden Schnittstelle zum Impressionismus. Die «24 Pièces de fantaisie», daraus «Claire de lune» und «Feux follets» werden der grossen Thurgauer Königin der Instrumente mit Baujahr 1924 sehr gut stehen. Mit Bach («An den Wasserflüssen Babylons», «Christ, unser Herr, zum Jordan kam») gibts noch einmal Improvisationskunst und dann wird mit der grossen virtuosen Kelle angerührt: Franz «Abbé» Liszts Phantasie und Fuge über den Choral «Ad nos salutarem undam».
Das ist ein Konzert für absolute Orgelfans, und solche, die es werden wollen.
Wenn du Jan Liebermann schon ein bisschen zuhören möchtest, schau hier herein:
Weitere Informationen zum Orgelfestival findest du hier: https://evang-arbon.ch

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