von Barbara Camenzind, 20.08.2026
Kammermusik als Quelle der Inspirationen

Zum 10. Mal findet vom 28. bis 30. August das Festival Kammermusik Bodensee in Ermatingen statt. Was hat Komponisten wie Max Bruch, Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven inspiriert, unsterbliche Musik zu schreiben? Wie inspirieren sie Musizierende? Wir warfen einen Blick ins Programm und auf die Künstler:innen, die auf dem Lilienberg auftreten werden und geben euch ein paar - hoffentlich inspirierende - Konzerttipps mit.
Der Ort spielt mit. Aber diskret. In Zeiten wie diesen, in der die so genannt klassische Musik zu den Menschen pilgert, um noch gehört zu werden, zelebriert das Festival Kammermusik Bodensee seit zehn Jahren das Gegenteil. Das verschwiegene Forum Lilienberg in Ermatingen spielt seine Rolle als Unternehmerforum und Musentempel zugleich. Das funktioniert, aber nicht nur wegen seiner Exklusivität, sondern weil es den Zuhörenden erlaubt, drei Tage ganz in die musikalische Welt einzutauchen. Fokus statt flippig, oder Lernfeld statt Lärmfeld.
Zu Beginn war es ja auch ein bisschen anders. Konzerte auf der «MS Sonnenkönigin», im Schloss Arenenberg unter anderen – und nun seit 2016 sind sie sesshaft geworden. Sie, das sind der Pianist und künstlerische Leiter Martin Lucas Staub des Schweizer Klaviertrios, Roland Meier, Geschäftsleiter des Gönnervereins Schweizer Klaviertrio sowie die Musikerfamilie, zu der das Festivalensemble, bestehend aus dem Schweizer Klaviertrio, Gästen und jungen Talenten, gehört. Strategisch ist das Festival verzweigt abgestützt: Der Förderkreis Kammermusik Schweiz fungiert als Trägerverein in Zusammenarbeit mit der Paul Juon Gesellschaft und dem dazu gehörigen Kammermusik-Wettbewerb Paul Juon.
Ein Herz für Schweizer Komponisten und Musikvermittlung
Die 2022 gezeigte Ausstellung über den in Moskau geborenen Schweizer Komponisten Paul Juon (1872-1940) sowie die damit verbundenen Aufführungen seiner Werke und deren Rezeption, gehören zu den Highlights der vergangenen Jahre. Vermittlung und Begleitung des Publikums ist Martin Lucas Staub sehr wichtig. Er stellt die Persönlichkeiten und ihre Werke in einen Fokus, in denen auch die Widersprüche glänzen und zeitlos wirken. Juons Kompositionsstil galt schon zu Lebzeiten als altmodisch, weil er die Tonsprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwendete.
Auch sonst gräbt Staub gerne nach musikalischen Trouvaillen aus der Feder von Schweizer Komponisten. Einem Land, das sich gerne schwertut in der Wahrnehmung von Grenzgängern jeglicher Spielart. Staubs Talent, Musik und ihre Schöpfer in spannende Bezüge zu stellen, liest du hier schon mal vorab im Programm.
Workshop mit einem erfahrenen Meister
Freitag 28. und Samstag 29. August Aula im Lilienberg Hauptgebäude
Für das diesjährige Festival Kammermusik Bodensee konnten die Veranstaltenden den Pianisten Claus Christian Schuster gewinnen, der sein umfangreiches Erfahrungswissen in seinem Workshop für junge Ensembles weitergeben wird. Schuster gründete das weltberühmte Altenberg Trio, das heute noch besteht. Er ist nicht nur ein sehr erfahrener Musiker, sondern eine wahre Musik-Enzyklopädie, eine Künstlerpersönlichkeit, die sehr differenziert und pointiert über Kammermusik und Interpretation nachdenkt. Der Kurs ist öffentlich und es ist sicher spannend, dabei zuzuhören.
Hier geht es zum Stundenplan.
Wien-Berlin-Paris
Freitag 28. August 2026 19.00 Uhr Konzertsaal Lilienberg Zentrum
Die Welt zu Gast in Ermatingen: Das geht mit feinster Berliner Musik von Max Bruch, den ersten vier aus den acht Stücken geschrieben für Viola, Violine und Klavier. Darauf folgt Ludwig van Beethovens ewig frisches Klavierquintett in Es-Dur, geschrieben in Wien, und Gabriel Faurés Klavierquartett in c-Moll, sehr nach Pariser Mode. Auf die klingende Reise gehen Angela Golubeva, Violine, Nora Romanoff Schwarzberg, Viola, Mattia Zappa, Violoncello, Martin Lucas Staub, Klavier, und das junge ensemble fokus, Preisträger des Paul-Juon-Wettbewerbes 2023.
Gran Sestetto – das grosse Sextett
Samstag 29. August 17.00 Uhr Konzertsaal Lilienberg Zentrum
Der Abend schneidet ein paar alte Zöpfen ab. Von wegen, Italiener können keine Kammermusik. Die Unterscheidung in alpensüdseitige und alpennordseitige Musik stimmt, abgesehen von Gesangsstilistiken, einfach nicht so ganz. Komponisten waren oft international unterwegs, Nationalstile hin oder her. Rossini konnte nicht nur Koloraturen, er komponierte eine zauberhafte kammermusikalische Sonata a Quattro Nr 1 in G-Dur. Paul Juon, der Schweizer, liefert ein schickes Divertimento fop. 51 für Bläser und Klavier. Leichtfüssig bleibt es mit Jacques Iberts Pièces brèves für Bläserquintett. Mit dem Gran Sestetto des Russen Mikhail Glinka erklingt eine Hommage an das Heimatland der Oper und des Belcanto.
Es spielen: Angela Golubeva, Violine, Thaïs Louvert, Violine, Nora Romanoff Schwarzberg, Viola, Mattia Zappa, Violoncello, Josef Gilgenreiner, Kontrabass, Kateryna Tereshchenko, Klavier, und dem ensemble fokus.
Die Matinée der jungen Talente
Sonntag, 30. August 11.30 Uhr Konzertsaal Lilienberg Zentrum
Der Kammermusik-Nachwuchs präsentiert sich mit einem abwechslungsreichen Programm, welches sie im Workshop mit Claus Christian Schuster erarbeitet haben. Die Werke werden kurzfristig bekannt gegeben.
Mit dabei sind:
Trio Pilgram (Debora Pilgram, Violine; Emanuel Pilgram, Cello; Salome Pilgram, Klavier)
Duo Liora (Yelyzaveta Zubenko, Violine; Liya Abdullayeva, Klavier)
Trio Niva (Thaïs Louvert, Violine; Cyprien Lengagne, Violoncello; Norina Hirschi, Klavier)
Duo Arnaud-Bernadó (Blai Bernadó, Cello; Sacha Arnaud, Klavier)
Inspiration Schweiz
Sonntag, 30. August 2026, 17:00 Uhr Konzertsaal Lilienberg Zentrum
Das kann unser Land. Auch musikalisch. Mit dem Genfer Frank Martin beginnt der Abend, er wiederum liess sich von Irland inspirieren. «Trio sur des mélodies populaires irlandaises» gespielt vom Schweizer Klaviertrio. Ein kleines Meisterwerk aus dem Klanguniversum eines Komponisten, der ein Händchen für Volksweisen hatte. Brahms weilte gerne am Thunersee (verständlich) und komponierte dort sein Klaviertrio in c-Moll op. 101.
Und was ein Schwabe für das Schauspiel, tat ein Italiener für die Oper. Rossini vertonte den Wilhelm Tell, zu hören bekommt man in Ermatingen das höchst amüsante Duett für Cello und Bass, ohne Schillers Epos. Von einem Brahms-Freund, dem in der Schweiz lebenden Komponisten und Winterthurer Organisten Herrmann Goetz wird zum Schluss das grosse Klavierquintett in c-moll op. 16 gegeben. Schon mal was von Herrmann Goetz gehört? Nein? Hier ist die Gelegenheit, seine Musik kennenzulernen.
Es spielen das Schweizer Klaviertrio (Angela Golubeva, Violine; Franz Ortner, Violoncello; Martin Lucas Staub, Klavier), sowie Nora Romanoff Schwarzberg, Viola, Josef Gilgenreiner, Kontrabass
Seit 18 Jahren sind Martin Lucas Staub, Roland Meier und ihr Team im Thurgau mit Konzerten unterwegs. Seit zehn Jahren in Ermatingen. Es braucht in der Musikbranche Mut, Geduld und auch etwas Chuzpe, sein eigenes Ding durchzuziehen. Um damit auch die Vielfalt der musikalischen Landschaft des Thurgaus mitzugestalten. Alles Gute, Festival Kammermusik Bodensee, auch von unserer Redaktion.
10. Festival Kammermusik Bodensee
Das Festival findet vom 28. bis 30. August 2026 in Ermatingen statt. Tickets und Vorverkauf findest du hier.

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