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von Barbara Camenzind, 08.06.2026

Klangbilder aus dem Auenland

Klangbilder aus dem Auenland
Münch mit Taktstock, Gschwend an der Bratsche: Klangvolle Zusammenarbeit in Presswerk Arbon | © Barbara Camenzind

Ein Konzertabend zwischen britischer Kathedralmusik, Shakespeare-Vertonungen und Strauss-Arrangements: Konzertchor Ostschweiz und Sinfonisches Orchester Arbon überzeugen mit Klangkultur, Präzision und musikalischer Neugier. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

John wer? In einer Zeit, in der simple Insta-Selbstdarsteller ihre Alpstein-Wanderung auf Englisch posten (oder was sie dafür halten), ist es verwunderlich, dass im kollektiven Restgedächtnis komponierter Musik aus England gerade mal Benjamin Britten aufploppt.

John Rutters musikalische Wurzeln gründen in der Tradition der britischen Kathedralmusik, vereint mit Elementen aus Pop und Jazz. Die Hymne «For the Beauty of the Earth», der ein Erntedankgedicht zugrunde liegt, entstand unter der Leitung von Uwe Münch, der seit 2024 den Konzertchor Ostschweiz dirigiert, mit Chor und Orchester zu einer luziden Klanglandschaft, die so poetisch, farbig und unschuldig klang, als sei sie dem Auenland J. R. R. Tolkiens entsprungen. 

Das war eine unfreiwillig humorvolle Bildschere zu den dunklen, nüchternen Fabrikwänden des Presswerks. Grosses Kompliment an den Chor, der sich im ganzen Konzert sehr um die korrekte englische Aussprache bemühte, etwa beim anlautenden stimmhaften S. 

Diese grosse, organisch zusammenwirkende Tonsprache wurde von Orchester und Chor gut umgesetzt, schrammte jedoch in ihrer konturlosen Harmonieseligkeit stark an der Kitschgrenze vorbei. Dafür können die Ausführenden nichts – das steht so in den Noten.

Verliebt in englische Launen

John Rutter kann auch anders: Der 81-jährige Komponist scheint eine echte Wundertüte zu sein. Die «Fancies» (Launen), basierend auf Gedichten elisabethanischer Dichter wie Shakespeare, vertauschen den Zuckerguss mit Witz und betörend schönen Motiven aus der britischen Volksmusik. Die Miniaturen erklangen im Orchesterpart zauberhaft archaisch. 

Das absolute Lieblingsstück des Chores schien der «Riddle Song» zu sein, mit seinen typischen Ornamenten. Chorsolist und Bariton Vincent Gühlow gab dem Bellman, dem Nachwächter, einen schön geführten, elegischen Klang bis hinauf ins Falsett. Die «Fancies» waren das Highlight des Konzerts.

 

Konzentriert und um gute Aussprache bemüht: Der Konzertchor Ostschweiz bei John Rutters Hymne. Bild: Barbara Camenzind

Hommage an Johann Sebastian Bach

Rutters «Suite Antique» orientiert sich an den Brandenburgischen Konzerten, mit einer feinhumorigen Prise Jazz. Für dieses Werk stellte sich Orchesterleiter Leo Gschwend ans Pult, um die Klangbögen harmonisch und elegant zu verweben. 

Es ist kein sonderlich aufregendes Werk, aber die Solopartien von Flöte (Anka Grigo), Harfe (Julia Kreyenbühl-Gschwend) und Violine (Konzertmeisterin Rahel Sundin) waren sehr formschön gespielt. Gerade Grigo an der Flöte hatte einige virtuose Passagen zu meistern, die gut gelangen.

Richard Strauss von Pathos befreit

«Zueignung» und «Morgen» gehören zu den bekanntesten Liedern des Münchner Spätromantikers, der die grossen Bögen und die abgründigen Modulationen liebte. Die Fassung für Kammerorchester und Chor von Uwe Münch versuchte formschön, der typischen Strauss’schen Klangsprache Rechnung zu tragen, und befreite diese gleichzeitig von der pathosschwangeren Schwere, die eine Solostimme in ihrer Agogik traditionell vermittelt. Richard Strauss objektiviert – ein Bravo für dieses Hörerlebnis.

Die München-London-Connection

Wirklich spannend zu hören war, wie gut die «Serenade to Music» von Ralph Vaughan Williams zu Richard Strauss passte. Sie waren Zeitgenossen und erlebten auf verschiedenen Seiten beide Weltkriege. Musik überwindet jede Front. Der «Serenade», harmonisch überraschend progressiver als die Kompositionen des jüngeren John Rutter, liegen Texte aus «Der Kaufmann von Venedig» von Shakespeare zugrunde. 

Der deklamatorische Stil in den zum Teil recht streng geführten, archaisch wirkenden Tongebäuden war gerade für die Frauenstimmen eine Herausforderung. Hohe Lage, sauschwer zu singen und mutig gewagt – es war eine respektable Leistung. Tenor Felix Heller glänzte als Chorsolist, auch im Duett mit Bariton Vincent Gühlow. Die «Serenade» ist ein spannendes Stück Musik.

Als Zugabe wiederholten die Ausführenden Rutters «For the Beauty of the Earth», und wir, das Publikum, durften mitsingen. Ob Uwe Münch für den Konzertchor Ostschweiz da schon neue Stimmen rekrutieren wollte, sei dahingestellt – aber sie suchen immer neue Sängerinnen und Sänger, und es scheint Spass zu machen, dort mitzusingen.

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