von Inka Grabowsky, 19.02.2016
Beschwingte Stimmung im Weinkeller

Am Originalschauplatz, im ehemaligen Weinkeller der Kartause Ittingen, hatte die Revue zur Geschichte des Klosters Premiere. Die Uraufführung der Ittingen Saga war ein grosser Erfolg.
Wie ein Gemälde auf der Bühne
Die „Ittingen Saga“ ist eine Auftragsarbeit. Leopold Huber und Edith Gloor sollten die Geschichte der Kartause auf die Bühne bringen. Um möglichst viele historisch bedeutsame Ereignisse unterzubringen (und gleichzeitig Anspruch und Unterhaltung zu bieten), wählten die beiden die Form der Revue. So weit, so logisch. Die einzelnen Szenen werden durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten, in der zwei verfeindete Brüder mit einer Zeitmaschine durch die Epochen reisen.
Einzug der modernen Landwirtschaft: Der „Traktor“ erhielt Szenenapplaus. (Bilder: Inka Grabowsky)
Und hier wird die Geschichte selbstverständlich unlogisch – wie immer bei Zeitreisen. Der Autor und Regisseur Leopold Huber hatte zur Einführung noch gewarnt: „Unsere Rahmenhandlung spielt mit dem Fantastischen und dem Unbewussten. Nach einiger Zeit versteht man das schon. Aber man muss es auf sich wirken lassen wie ein Gemälde.“
Alles hat Ohrwurm-Qualität
Das Premierenpublikum hatte nicht das Bedürfnis, sich diese Zeit zu nehmen. Es liess sich einfach mitreissen von der Inszenierung. Die Songs, die der musikalische Leiter Volker Zöbelin ausgesucht und einstudiert hat, werden nicht nur von den Schauspielern perfekt präsentiert, sondern auch von den zwölf Statisten, die den Chor bilden. Alles hat Ohrwurm-Qualität: ob Kirchenlied, Gospel, Schlager oder Monty Pythons „Always look on the bright side of life“. Um die Stationen der Zeitreise erkennbar zu machen, sind die Kostüme essentiell, insbesondere wenn nur fünf Schauspieler in zwei Dutzend Rollen schlüpfen. Joachim Steiner war dafür verantwortlich, und er hat seine Sache gut gemacht. Wie die Darsteller spielt auch er mit Klischees, so dass sein „Journalist aus dem Jahr 1912“ ist ebenso eindeutig zuzuordnen wie der „Lehrer aus den siebziger Jahren“.
Ein „Gefangenenchor“ in der Gegenreformation.
Faszinierend auch die Wirkung der Bühne, die ebenfalls Leopold Huber gestaltet hat. Mit hübschen technischen Spielereien macht er aus Dielenplanken Gefängnisgitter und aus einem Schrankbett sowohl Zeitmaschine als auch Paradies. Das Licht von Marco Scandola bleibt ebenfalls im Gedächtnis. Dass jedesmal, wenn die Zeitmaschine in Aktion tritt, heftiges Stroboskop-Licht zum Einsatz kommt, ist allerdings im Auge manches Betrachters unangenehm.
So sehen „rasende Reporter“ aus.
Was bleibt...
Die Ittingen Saga bietet bestes Infotainment. Man frischt auf angenehmste Weise sein Wissen über diesen aussergewöhnlichen Ort auf. Gut: einige Witze sind platt, einige Nummern gefallen nicht so wie andere – aber dafür ist es eben eine Revue. Jeder Zuschauer dürfte seine Lieblingsszene finden. Schön, dass die Saga einen Anlass bietet, mal wieder in die Kartause zu fahren. Und schade, dass nach nur 16 Vorstellungen am 20. März schon wieder Schluss ist mit dem Stück. Der Aufwand bei der Produktion war gewaltig. Es lohnt sich, sich um die wenigen Restkarten zu bemühen, die noch zu haben sind.
Inka Grabowsky
*** In unserer neuen Reihe "Was bleibt..." sammeln wir alle Eindrücke, Lehren, Gedankenschätze und auch kritische Beobachtungen, die unsere KorrespontentInnen von den Veranstaltugnen zurück mit in die Redaktion bringen.
Sie waren auch bei der Vorstellung und hatten einen ganz anderen Eindruck? Lassen Sie es uns wissen! Hier in den Kommentaren oder per E-Mail oder Kommentar auf Facebook und Twitter. Wir freuen uns! ***
Lockere Revue in heiligen Hallen -thurgaukultur.ch vom 08.02.2016

Von Inka Grabowsky
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