von Brigitta Hochuli, 24.11.2010
Auch Künstler brauchen soziale Sicherheit

Alex Meszmer ist nicht nur "zeitgarten.ch"-Pfleger und Museumsverwalter in Pfyn. Er kümmert sich als Vorstandsmitglied des Berufsverbandes für visuelle Kunst, visarte.schweiz, auch um die internationalen Beziehungen und die europäische Zusammenarbeit. Die Soziale Sicherheit der bildenden Künstler ist da ein Dauerthema, für das eine Task Force Social Security gegründet wird. Neu gibt es in der Schweiz sogar spezielle Pensionskassenverträge.
Interview: Brigitta Hochuli
Herr Meszmer, Ihnen ist die soziale Absicherung von bildenden Künstlern ein grosses Anliegen. Über Facebook suchten Sie Anfang November Kollegen mit Erfahrungen in unterschiedlichen Sozialversicherungssystemen in Europa - wie war das Echo?
Alex Meszmer: Da muss ich etwas ausholen. Schon im vergangenen Jahr war ich an einem Experten-Workshop der Internationalen Gesellschaft für bildende Künste in Linz. Thema war „artists mobility in Europe“. Es ging dabei um Fragen wie Zoll, Visum, Artists in Residence oder Informationspolitik. Darauf konnten wir aufbauen. Aber auf meine Facebook-Umfrage gab es wenig Rückmeldungen.
Gleichzeitig mit Ihrer Umfrage scheiterte die „Künstlerpartei der Schweiz“ mit einer „Volksinitiative 68 Milliarden für die soziale Sicherheit“ bereits an den Unterschriften. In Ihrer TZ-Kolumne beklagten Sie, dass das Interesse an solchen Fragen bei Künstlern in der Schweiz gering sei. Warum ist das so? Hängt es mit ihrem Selbstverständnis zusammen?
Meszmer: Künstler schauen zum Beispiel bei der Sozialversicherung immer, das absolute Minimum zu machen. Sie meinen, es gehe dann im Alter schon irgendwie. Der Tenor bei meiner Umfrage war: Das Thema sei wichtig, aber man habe sich noch nie darüber Gedanken gemacht. Ob das mit dem Selbstverständnis der Künstler zusammenhängt, weiss ich nicht. 50 bis 80 Prozent der bildenden Künstler sind nur im Nebenberuf Künstler. Oder sie sind im Regionalen so sehr verwurzelt, dass ihnen das Bewusstsein fehlt für die grösseren Zusammenhänge. Aber so viel ist immerhin erreicht: Im schweizerischen Kulturförderungsgesetz ist die Soziale Sicherheit nun in Grundzügen enthalten.
Was bringt das dem Künstler konkret?
Meszmer: Es bringt viel. Zum Beispiel, dass unser Berufsverband, visarte.schweiz, auf Grund des Kulturförderungsgesetzes jetzt mit zwei Pensionskassen spezielle Verträge für bildende Künstler abschliessen konnte. Immerhin etwa 50 Personen traten letztes Jahr deshalb unserem Verband bei. Wir organisieren von visarte.schweiz aus jetzt Workshops und Informationsveranstaltungen. Künstler können alle ihre Einkünfte in die Pensionskasse einbringen und bei einem Verdienst von über 20 000 Franken pro Jahr sind auch verschiedene Arbeitgeber zu einem Beitrag verpflichtet.
Die von Ihnen angesprochenen grösseren Zusammenhänge haben Sie Mitte November in Berlin an einer internationalen Expertentagung zu Fragen der Harmonisierung der Sozialversicherungen in Europa erlebt. Eigentlich erfreulich, dass sich ein so hohes Gremium um die bildenden Künstler kümmert.
Meszmer: Ja, aber auch nötig. Zum Beispiel gibt es in der EU bereits gute Regelungen, aber sie sind nicht bekannt. Zum Teil wissen nicht einmal die Sozialminister der Mitgliedsländer davon. Und in der Schweiz sind solche Regelungen erst recht kein Thema. Das hängt hier mit dem Föderalismus zusammen. Vieles ist regional geregelt, aber auf nationaler Ebene hat Kultur es schwer.
Meinen Sie denn, eine nationale Kultur wäre wünschenswert?
Meszmer: Ja und nein. Einerseits ermöglicht die föderalistische Struktur grosse Offenheit, andererseits ist sie der Interessenvertretung im Ausland hinderlich.
Das hat viel mit Politik zu tun. Wo sehen Sie Unterschiede?
Meszmer: In Frankreich ist die Kultur in Paris. In Deutschland wird sie seit der Wende mit einer starken Stimme von einem Ministerium vertreten. In der Schweiz haben wir mit dem Bundesamt für Kultur lediglich eine Verwaltung. Wir haben zwar mit der Initiative ebenfalls eine starke politische Stimme. Aber je mehr wir uns der EU annähern, desto stärker kommt sie unter Druck.
Zurück zu Ihrer Tagung in Berlin. Mit welchen Aufgaben sind Sie nach Pfyn heimgekehrt?
Meszmer: Zuerst müssen wir Studien machen, um herauszufinden, wie viele Künstler von welchen sozialen Situationen betroffen sind, wenn sie etwa reisen oder im Ausland arbeiten. Zusätzlich müssen die Verbände auf europäischer Ebene schlagkräftiger werden. Wir werden mit anderen europäischen Verbänden Verträge abschliessen, die den Übertritt erleichtern. Wir werden eine Task Force Social Security gründen und die Sockelverträge anschauen. Im Frühling werden sich dazu auf europäischer Ebene die ersten drei oder vier Verbände wieder treffen.
Was ist letztlich das Ziel dieser Arbeit?
Meszmer: Eine starke Interessenvertretung der bildenden Künstler in Brüssel.
Nimmt die Politik solche Anstrengungen überhaupt wahr?
Meszmer: Die Politiker nehmen sie wohlwollend zur Kenntnis.
Sie leben und arbeiten mit Ihrem Partner Reto Müller zusammen in Pfyn. Kommen wir also noch auf den Thurgau zu sprechen. Wie schätzen Sie die Situation der Künstler im Thurgau ein? Jean Grädel zum Beispiel hat beklagt, dass Theaterschaffende in ihrem eigenen Kanton kaum ein ausreichendes Einkommen hätten.
Meszmer: Theaterschaffende und bildende Künstler sind durchaus vergleichbar. Bei den bildenden Künstlern ist es so, dass ihnen in der ganzen Ostschweiz eine im Kunstmarkt agierende Galerie fehlt. Dieser Rückhalt im Regionalen geht dann eben verloren und die Ressourcen fliessen ab.
Herr Meszmer, warum ist Ihr Interesse an sozialen Fragen eigentlich so gross?
Meszmer: Das hängt mit der Art zusammen, wie ich arbeite und vernetzt bin. Ich bin da einfach hineingeraten. 2007 wurde ich dann angefragt für den Vorstand von visarte. Und da habe ich mich natürlich zunächst gefragt, was ein Berufsverband für bildende Künstler eigentlich bedeutet und leisten sollte.
Was bedeutet er?
Meszmer: Meine Überzeugung ist, dass jeder Künstler für seine Karriere selber verantwortlich ist. Früher ging es den Mitgliedern von Verbänden oft einfach um Ausstellungsmöglichkeiten. Ich finde, dass ein Verband wie visarte die Rahmenbedingungen verbessern und in Situationen präsent sein muss, in denen Künstler Hilfe brauchen.
Ist das nicht Ausdruck eines Paradigmenwechsels im Kunstverständniss überhaupt?
Meszmer: Wenn Sie so wollen. Das Genie hat jedenfalls ausgedient. Heute sind die jungen Künstler pragmatisch. Sie sind nicht unbedingt auf eine lebenslange Karriere als Künstler fixiert. Meistens haben sie noch andere berufliche Optionen. Ausserdem geht es ihnen ums Netzwerken und nicht nur darum, an Ausstellungen mitzumachen.
Und Sie, Herr Meszmer? Wir haben jetzt viel von finanzieller Absicherung der Künstler gesprochen. Wovon leben eigentlich Sie? Nehmen wir als Beispiel Ihren jüngsten Auftrag. Für den „Zeitgarten“ in Kreuzlingen haben Kanton und Stadt 50 000 Franken gesprochen. Sie und Reto Müller werden ein Jahr lang mit dem Projekt beschäftigt sein. Was bleibt da unter dem Strich?
Meszmer: Netto vielleicht 3000 Franken pro Person. Man ist sich eben nicht bewusst, dass bei solchen Geldern immer Materialkosten und Spesen anfallen und dass davon auch Steuern und Beiträge zu Sozialversicherungen abgehen. Am Ende bleibt meistens wenig übrig.
Muss sich da bei der öffentlichen Hand etwas tun? Soll sie mehr bezahlen?
Meszmer: Da wären wir schnell bei der Leuchtturmpolitik. Und vielleicht wäre das ja gut. Aber gleichzeitig gewährleisten kleinere flexible Beiträge eben auch, dass der Samen im Boden keimt. Von da her gesehen ist die Förderungspolitik im Thurgau vorbildlich.
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Fragen zum Thema Pensionskasse für bildende Künstler kann man direkt an office@visarte.ch richten.
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Seit Juni Vize der AIAP
Alex Meszmer ist Vorstandsmitglied des Berufsverbandes visuelle kunst, visarte.schweiz, der mit 2500 Mitgliedern der grösste Schweizer Kulturverband unter dem Dach von Suisse Culture ist. Seit Juni ist er zudem Vizepräsident der Association Internationale des Arts plastiques (AIAP) mit Sitz in Paris. Seit 2001 lebt der 42jährige Deutsche in der Schweiz, zuerst in St. Gallen, seit 2005 zusammen mit seinem Lebenspartner und Künstler Reto Müller in Pfyn. (ho)

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