von Brigitta Hochuli, 30.11.2011
Weinfelden: Run auf Bahn-Film

Das "Liberty" erlebt einen Ansturm. Grund: Die Bahn im mittleren Thurgau! Daniel Felix sagt, warum die Eisenbahn Kultur ist und was das mit seinem Vater zu tun hat.
Interview: Brigitta Hochuli
Herr Felix, auf Ihren Bahn-Film gibt es einen richtigen Run. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet?
Daniel Felix: Nein, damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Als wir die Kino-Vorstellung aufgleisten, machten wir uns grosse Sorgen, ob wir überhaupt Zuschauer finden würden. Nun wurde unser Engagement mehr als belohnt. Die Leute aus der Region schätzen Kino-Vorstellungen von lokalen Filmemachern.
Es wird auch der Film Ihres Vaters Kurt Felix gezeigt, den er vor 45 Jahren gedreht hat. Wieviel trägt der prominente Name zum Erfolg bei?
Daniel Felix: Der Name ist natürlich «Marke» und ich bin stolz, als Filmemacher in die Fussstapfen meines Vaters treten zu können. Die Qualität ist aber entscheidend. Nur auf die Marke zu setzten wäre falsch. Und die «Messlatte», die mein Vater bei seinen Filmen gelegt hat, ist sehr hoch. Der prominente Name ist also vor allem eine grosse Herausforderung für uns.
Wurde Ihnen das Interesse an der Bahn quasi in die Wiege gelegt?
Daniel Felix: Ja. Mein Vater und ich standen früher stundenlang an den Bahnhöfen und schauten den Zügen zu. Das ist auch heute noch so. Die Eisenbahn ist immer noch grosses Thema bei uns.
Sie sind 45 Jahre alt. Welche Erinnerungen an die MThB haben Sie persönlich?
Daniel Felix: Es war die Eisenbahnlinie vor unserer Haustür. Der Sonntagsspaziergang endete meistens an einem MThB-Bahnhof und ich durfte dann in die schönen Wagen einsteigen. Einmal durfte ich sogar im Führerstand der Lokomotive Re 4/4 mitfahren. Als Thurgauer war ich natürlich immer interessiert, was mit der Bahn passierte.
Sie haben ursprünglich Elektromechaniker gelernt, erklärt sich dadurch Ihre Liebe zur Bahn oder ist sie als filmisches Sujet wichtiger?
Daniel Felix: Die Technik interessiert mich seit meiner Kindheit. In unseren Bahnfilmen achten wir allerdings darauf, dass wir nicht zu technisch werden. Lokbezeichnungen im Kommentar sind fast tabu.
Welches sind die ästhetischen Kriterien, die Sie dem Film unterlegt haben? Was hatte Priorität: Die Einbettung der Bahn in die schöne Landschaft oder die Faszination durch die Technik?
Daniel Felix: Wir zeigen die Bahn in der Landschaft. Diese Aufnahmen sind besonders aufwendig zu drehen, denn das Wetter muss stimmen und viele Drehorte sind nur zu Fuss erreichbar. Die Bilder sollen sich Zeit nehmen, um wirken zu können. Wir arbeiten meist ohne Schwenks und Zoom. Die Bahn fährt ja schon. Und das ist gut so.
Sie haben auch einen Film über die Bernina-Bahn gedreht und bezeichnen sie in einem Interview als ein Stück Kulturgeschichte. Inwiefern?
Daniel Felix: Die Eisenbahn ist Kultur. Sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens und unserer Geschichte. Viele erleben die Bahn tagtäglich und es ist ein Gesprächsthema. Tausende von Menschen befassen sich in unzähligen Eisenbahnclubs mit diesem Thema. Es ist eine volkstümliche Kultur, die ausserhalb des Theaters und der Museen stattfindet.
Gilt das auch für die MThB?
Daniel Felix: Ja, die MThB hat ein bewegte Geschichte hinter sich. Auch 10 Jahre nach der Liquidation kommen bei der Bevölkerung Emotionen hoch. Es ist unsere Bahn.
Die Eisenbahnlinie von Kreuzlingen nach Wil feiert ja ihr 100 Jahr-Jubiläum. Das ist ein langer Zeitraum. Wieviel davon haben Sie in Ihrem Film berücksichtigen können?
Daniel Felix: Etwa die Hälfte des Films über die Bahn im mittleren Thurgau beschäftigt sich mit der Geschichte. Natürlich gehören da auch zehn Jahre Thurbo dazu.
Was sind für Sie persönlich historisch gesehen die spannendsten Elemente?
Daniel Felix: Spannend für mich war der Betrieb mit Dieseltriebwagen. Andere Bahnstrecken in der Schweiz waren schon lange elektrifiziert. Nur im Thurgau gab es dieses Betriebskonzept. Erst 1965 wurde die Strecke mit einem Fahrdraht überspannt.
Am 10. und 11. Dezember wird in Weinfelden auch eine Jubiläumsausstellung gezeigt, dort ist Ihr Film nochmals zu sehen. Gab es eine Zusammenarbeit mit den Ausstellungsmachern?
Daniel Felix: Ja. Wir gehören zu den Ausstellungsmachern. Das Konzept haben Valentin Hasler, Max Iseli, Milan Krebs und ich erfunden.
Wie lange haben Sie eigentlich an diesem Projekt gearbeitet?
Daniel Felix: Der Film ist in sehr kurzer Zeit entstanden. Der Startschuss fiel spontan im März dieses Jahres. Es blieben uns also nur knapp sieben Monate, um den Film zu produzieren. In dieser Zeit gab es dann auch nur ein Thema bei uns: Die Bahn im mittleren Thurgau. Zum Glück gibt es nebst dem Tag auch noch die Nacht um arbeiten zu können. Das war ein «Hosenlupf».
Nochmals zurück zu Ihrem berühmten Vater. Sie selber arbeiten seit 23 Jahren beim Schweizer Fernsehen als Sendeleiter. Werden Sie eines Tages in die Fussstapfen von Kurt Felix treten?
Daniel Felix: Als Filmemacher bin ich schon in seine Fussstapfen getreten. Vor der Kamera wird man mich aber eher selten sehen. Ich bin lieber der stille Macher im Hintergrund. An einer Filmpremiere stehe ich aber gerne auch einmal vorne hin.
Ihre Bahnfilme drehen Sie in der Freizeit. Warum machen Sie das Dokumnetarfilmen eigentlich nicht zum Hauptberuf?
Daniel Felix: Das habe ich mich auch schon gefragt. Momentan arbeite ich nicht nur beim Fernsehen, sondern auch als Sendeleiter beim Schweizer Radio und in meiner eigenen Firma. Diese Arbeit gefällt mir sehr gut und die Bahnfilme sollen einen Ausgleich zum Berufsleben sein. Ein Hobby einfach ohne Budget und Kostendruck.
*****
Jubiläumsausstellung in Weinfelden «Unsere Bahn wird 100!»: Samstag/Sonntag, 10./11. Dezember, Rathaus Weinfelden

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