von Brigitta Hochuli, 24.08.2013
Vernissage in der Nervenklinik

Brigitta Hochuli
Es mutet seltsam an, dem rebellischen Jürg Schoop (*1934) und seinen Bildern in einer gutbürgerlich spannteppichgedämpften (hellblau) Atmosphäre zu begegnen, wie sie die Kreuzlinger Venenklinik im Bellevue-Areal heute ausstrahlt. Drückend war‘s im kleinen Vortragssaal unter dem Dach. Zu viele alte Bekannte und Freunde waren am 23. August gekommen, um Schoops letzte (?) Ausstellung mit über 100 Werken seit 1951 zu sehen. Auch die wunderbare Sängerin Saadet Türköz passte nicht richtig hinein in diesen Rahmen.
Doch die Venenklinik war zu Bingswangers Sanatoriums-Zeiten das Haus für schwierige Männer. „Das passt gut zu mir“, sagte der Künstler (Maler, Musiker, Literat, Filmer, Fotograf und Vermittler). Und der Schriftsteller, Filmemacher und ehemalige Kulturredaktor des Schweizer Fernsehens Peter K. Wehrli (ein 1939 geborener Thurgauer übrigens) schickte spät nachts das Manuskript seiner Rede in Erinnerung an den Abend in der “Nervenklinik”. Für diese Nervenklinik hatte Schoop 1984 den Katalog der Abschieds-Inszenierung gestaltet.
Peter K. Wehrli, Autor des Werks „Katalog von Allem“ hat für seinen Freund Schoop einen Sonderdruck improvisiert. „Der schoopsche Katalog“ enthält 32 von über 3000 Eintragungen, zum Beispiel zum THEMA: „das Thema ,Schichten‘, das in Jürgs Bildern abgehandelt wird, vom abblätternden Rost an den Eisenbahngüterwagen über die Plakatwandfetzen bis zu den Farbschichten, die sich von einer Geländerstange schälen, dieses Bildthema das nun über die Bilder hinaus zum Thema wird, wo ich feststellen muss, dass die Fotografie jeweils die letzte Schicht ist in diesem jahrzehntelangen Häutungsprozess: Schicht ist sie.“
Ganz einverstanden bin ich mit Peter K. Wehrli nicht. Denn ich hoffe, die letzte Schicht möge nur die vorletzte sein. In seiner (unten angefügten) Vernissagerede jedenfalls sprach auch Wehrli von einem Capriccio – einer Laune oder auch einer Trotzreaktion…
*****
Peter K. Wehrli
Die fünf Konstanten in Jürg Schoops bildnerischen Jahrzehnten
Ein Kreuzlinger Capriccio
der Satz
„die Frage, warum mir wohl dieser Satz immer nur auf Englisch einfallen will, obschon er doch Schweizerdeutsch gedacht worden war, und der mir nach langem ausgerechnet jetzt wieder einfällt, wo mich Jürg Schoops „Founded Pictures“ zur Feststellung veranlassen: „Je mehr man schaut, umso mehr sieht man“. („Katalog von Allem“)
Ich bin erschrocken als ich den Satz hinschrieb, mit dem ich diese Kleine Ansprache beginnen wollte. Der Satz lautet: Jürg Schoop habe ich im Jahr 1959 kennengelernt. Diese Jahreszahl, die nun mehr als ein halbes Jahrhundert (eines das vergangen ist!) markiert, weckt den Gedanken an Gewöhnung und Gewohnheit, an das Normale und an das Einerlei, in das sich Beziehungen, Freundesbeziehungen, zu verwandeln drohen. Doch diesmal ist alles anders, alles immer wieder frisch! Bei jeder Begegnung erschien mir Jürg als eine „aufgefrischte“ Persönlichkeit, als ein „Neuer“, weil er sich inzwischen in künstlerisches Neuland vorgewagt hat. Und jedesmal gab es folglich auch neue Gedanken, neue Themen, neue Formen, neues Material. Es klingt verwegen: Ich habe nie zweimal den selben (oder soll ich sagen: den gleichen ?) Jürg Schoop getroffen. Und wenn sie mich fragen würden, weshalb es so sei, so müsste ich schlicht antworten: Weil Jürg ein Künstler ist. Seine künstlerische Neugier, seine Formfreude, treibt ihn dazu in neue Räume vorzustossen, neue Formen zu erobern, das „Einmal Erreichte“ in neuem Material weiterzutreiben. Und dadurch wird auch dieses Erreichte unweigerlich: neu. Es ist eine Experimentierlust zu spüren in allem was Jürg Schoop tut. Da ist es nichts als normal, dass er sich selber dabei verwandelt: eben – weil er Ideen abwandelt und sie in neuer Form vor uns vertritt.
1959, damals war Jürg Schoop Redaktor der Zeitschrift „Clou“, die er mit dem Drucker Noldi Schwitter in Egnach gegründet hatte. „Eine Kulturzeitschrift für die Jugend“. Heutzutage will sowas fast schon als Anachronismus erscheinen. Und diese Zeitschrift prägte Jürg Schoop. Eigenartig, auch so stimmt der Satz, der eigentlich heissen müsste: Jürg Schoop prägte diese Zeitschrift, auch später noch als er nicht mehr der Redaktor war. Aber das Widerspiel funktionierte, so wie sich im kreativen Bereich Entwicklung (oder Fortschritt) immer in solchem Antagonismus vollzieht. Der Künstler wird von seinem Stoff beherrscht, vom Stoff, den er gestaltend zu beherrschen versucht. Und damit ist der Vorgang umrissen, den Jürg Schoop mit dem „Clou“ auch in seinen LeserInnen loseisen wollte.
das Ungewöhnliche
„mein ebenso aufgeregtes wie neugieriges Blättern in den „Clou“-Nummern von 1959 auf der Suche nach Malereien und Zeichnungen von Jürg Schoop, die sich mit den Bildern dieser Ausstellung vergleichen liessen, damit deutlich werden könne, wie weit die Zeit an diesen Bildern mitarbeite, und mein Verzicht aufs Weiterblättern, als mir klar wurde, dass die Fünfzigerjahre jene Epoche waren, in der das Ungewöhnliche noch nicht etwas unter Vielem waren“. (www.katalogvonallem.eu)
Dort, im „Clou“ sah ich zum erstenmal Bilder von Jürg Schoop. Das Zeichnen und das Prinzip Collage vertrat er da. Und er tat es auch in bekennenden Texten. Ich erwähne das mit Nachdruck, weil ich auf diese Weise andeuten – (nein sogar: zeigen) – möchte, dass Jürg Schoop seinen Ideen treu geblieben ist. Ich muss es so sagen: Er ist dem Wertsystem der Kunst treu geblieben. Und diese Treue bewahrt er fünf Jahrzehnte hindurch, durch allen Wandel der Stile, der Materialien, der Medien hindurch. Und damit ist auch gesagt, aus welchem Stamm alle die neuen Zweige spriessen: Schoop als Dichter, Schoop als Bildkünstler, Schoop Musiker, Schoop als Fotograph, immer ist es dieser eine Stamm, der allen Zweigen den Lebenssaft zuführt. Da wird uns etwa auch jener Satz verständlich, in dem er schildert, wie es ihm nach der schweren Schaffenskrise von 1970 gelungen ist, den Anschluss an die Bilderwelt wieder zu finden: „Der Wiedereinstieg in die Malerei ging via Schrift!“ Die geschriebene Sprache jetzt als Bindeglied zur Bildwelt: die Bilder der Sprache, die nun die Sprache der Bilder in Gang setzen. Dieses Gegenspiel setzt sich durch als ein Prinzip.
Und innerhalb jeder dieser künstlerischen Gattungen ist Jürg Schoop in Bewegung, in jeder dieser Sparten wäre seine innere Entwicklung nachzuzeichnen. Eine solche Dissertation wollen wir getrost den regeltreuen Kunsttheoretikern überlassen. Für uns soll es – in diesem Rahmen – etwa genügen, zu erkennen, wie weit sich das allgemeingültige Prinzip der Collage durch alle Stufen hindurchzieht, genauer gesagt: sich durch alle Stufen hindurch mitentwickelt. Da war am Anfang ebenso die Collage in Gestalt des Plakatabrisses oder des Herausreissens von Papierfetzen aus mehrfach geschichteten Zeitungsseiten oder Illustriertenbildern. Und die Collage behauptet sich weiter auch dort wo sie Montage wird, wo ein Gegenstand ins Bild hineindrängt, der Teil sein will des behandelten Themas.
Das sich Schoops künstlerische Entwicklung eigentlich immer im Widerspiel der Dinge vollzogen hat, davon zeugt etwa das, was er als seine „Umbruchphase von 1990“ bezeichnet: die Phase, in der die Gegenstände, in der der Gegenstand aus seinen Bildern verschwindet. „Er wird von der Natur eingeholt“. Eine solche Feststellung hat bei Schoop immer mehrere Bedeutungen: So kann etwa ein Gegenstand Natur werden, alles „Handgemachte“, alles Künstliche verlieren, sich gewissermassen „der Natur anverwandeln“. Und Jürg hat dafür eine überzeugende Formel gefunden und sie auch in Bildern belegt: „Der Nebel etwa verdeckt die Dinge, die Gegenstände. Aber wenn ich Nebel male, sind die Gegenstände, die er verdeckt, immer noch darin vorhanden. Sie brauchen jetzt nicht mehr sichtbar zu sein“. Der Kampf des Gegenstandes gegen sein Verschwinden (denn er lässt ja nur eine abstrakte Struktur“ frei) dieser Kampf, den man eigentlich „Entgegenständlichung“ nennen müsste, ist eine weitere Konstante, die sich durch Jürg Schoops bildnerische Jahrzehnte zieht.
die Welt
„die Kratzer, Striche und Sprünge in den Negativen von 1958, die mich an die Kratzer, Striche, Risse und Sprünge an der Zellenwand erinnern, in denen der Gefangene den Flusslauf des Amazonas erkannte, die Schlingen der Seine und des Brahmaputra, und dazu erklärte, wenn die Welt die Ausmasse seiner Zelle hätte, würde er sich frei fühlen wie noch nie“
(www.katalogvonallem.eu)
Und damit sind wir bei einer weiteren Konstanten, die während der Neunzigerjahre in Kraft getreten ist, nämlich Schoops Drang nach Reduzierung. Er sucht die Vereinfachung der Form. Und je mehr Jürg fortschreitet in der Vereinfachung – so scheint es – als bäume sich die Farbe auf, als wehre sie sich gegen das, was der Form angetan worden ist. Unverhofft nimmt jetzt die Intensität der Farbe zu, sie will wichtiger genommen werden, sie steigert ihre Aussagekraft und setzt sich durch. Sie zwingt uns ihre Gesetzmässigkeit auf: Je schlichter die Formen, umso irisierender, umso bestimmender fordern die Farben unsere Aufmerksamkeit. Damit, sagt Jürg, „nähere er sich jener Art von Farbigkeit an, die von der Konkreten Kunst eingesetzt werde“. Und schmunzelnd relativiert Jürg seine Aussage, in dem er anfügt: „Da bin ich „konkret“ ohne „konstruktiv“ zu sein“. So kann die Farbe das Thema des Bildes werden, ohne sich in eine formale Konstruktion einzwängen lassen zu müssen. Ich wage es nun ganz keck so zu sagen: Auf diese Weise schüttelt Schoop aus der „Konkreten Malerei“ alle erz-schweizerische Strenge heraus.
Wir sprachen vorhin vom Verschwinden des Gegenstandes. Schoop ist da geradezu ein Zauberer: Er ist fähig Gegenstände verschwinden zu lassen, indem er sie abbildet. Dies tut Schoop als Fotograf. Im obersten Stockwerk sind Beispiele dafür zu sehen: Wir brauchen da überhaupt nicht zu fragen: „Was ist da abgebildet ?“ oder „Was stellt das dar ?“, denn eigentlich spielt es keine Rolle zu erfahren, dass da ein verbeulter elektrischer Schaltkasten in Marokko so ins Bild gesetzt ist, dass er uns als bestechende abstrakte Komposition erscheinen muss. So ist Jürg auch mit Türen, Mauerstücken, Abfall, ja sogar mit dem Herbstlaub vorgegangen.
der Film
„der Herbststurm, der Berge welken Laubs in eine Mauerecke des „Bellevue“ in Kreuzlingen peitschte, und der Fotograph Schoop, der sich 1983 – so stelle ich mir das vor – aus diesem Sturm nach Hause gerettet hatte und sich eingestehen musste, dass er ihn, diesen Herbstwind, erst erlebte, als er den Film entwickelt hatte“.(www.katalogvonallem.eu)
Auch da funktioniert wieder dieses durchgehende Widerspiel: ein Gegenstand „entgegenständlicht“ sich, er wird „abstrakt“. Dieser Mechanismus lässt sich in dieser Ausstellung hin und her, vorwärts und rückwärts verfolgen. Und am allerdeutlichsten wohl in der fotographischen Bilderfolge „Brunnenpoesie“. Herbstlaub und Blütenblätter, auch Abfall, werden da im Wasser von Thurgauer Brunnen zu bestechend poetischen Bildern „zusammengeschwemmt“. Erst unser eigenes Wissen holt die abstrakte Form in die Gegenständlichkeit zurück. Es zeigt allerdings, wie weit Schoop uns zu Mitspielern machen will, zu Mitwirkenden wenn es darum geht, ein normales Bild zum Kunstwerk werden zu lassen. Und dies auch dort, wo er Risse, Sprünge in der Struktur eines Bodens, als abstrakte Komposition „an die Wand“ kippt, aufhängt. Der Boden an der Wand – haben wir da vorhin nicht vom Widerspiel gesprochen…? Und dass erst dieses Widerspiel ein Werk zum Kunstwerk machen kann, das erklärt uns Jürg in seinem Text, der den schönen Titel trägt: „Die Geburt der Kunst, erklärt am Beispiel des vorzeitigen Zubettgehenmüssens“. Da wird Schoop als Dichter fassbar. Und den lässt auch in allem bildnerischen Gestalten erkennen.
Jetzt aber: eine Bemerkung ist mir im Gespräch mit Jürg im Hinterkopf stecken geblieben. Ich kann sie nicht loswerden, so wichtig ist sie mir: Er betrachte es, sagte Jürg, als seine Hauptaufgabe, das Unbewusste sichtbar zu machen, und er tue es „im Einklang mit Grenzen“. Da ist also nicht das übliche Geflunker vom Unendlichen, vom Grenzenlosen der Empfindung und des Wahrnehmens.
Nein, da sucht einer die Bestimmtheit, das Definierte. Und Schoop fügte an: „Grenze suchen, das heisst Form finden!“ Als sei er ein Geheimnis, hat mir dieser Satz Schoops ganzes Werk erschlossen.
Denn jede Form hat ihre Grenze. Sonst wäre sie keine Form.
P.S.: die Dinge
„die abstrakten Strukturen, die Jürg (in seinen vielen Medien) jahrelang aus allem Gegenständlichen herausgearbeitet hat, und die mich damals derart irritierten, dass ich alle Erkennbarkeit der Dinge korrigieren musste indem ich mir einredete: Wüsste man, was man sieht, so sähe man es- und nicht das Bild“. (“Katalog von Allem“)

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst
- Kolumne
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
Ähnliche Beiträge
Gibt es einen weiblichen Blick?
Die Fotostiftung Schweiz zeigt eine Ausstellung, die sieben Fotografinnen ins Zentrum rückt. Damit schafft sie Sichtbarkeit für weibliche Perspektiven und stellt Fragen, deren Antworten nicht leicht zu finden sind. mehr
Kunst im Dazwischen
Für Christoph Rütimann zählt der Prozess des Kunstschaffens mehr als das Produkt. Eine Retrospektive im Kunstverein Frauenfeld zeigt 30 Jahre Schaffen zwischen Zeichnung, Film, Objekt und Erfahrung. mehr
Die Rückeroberung verloren geglaubter Räume
An der Grenze von Design und Kunst erforscht Annina Arter in der Kunsthalle Arbon die Übergänge von Innen und Aussen. Die Künstlerin liess sich für «The Salamander Room» von einem Kinderbuch inspirieren. mehr

