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von Judith Schuck, 31.03.2026

Die Rückeroberung verloren geglaubter Räume

Die Rückeroberung verloren geglaubter Räume
Künstlerin Annina Arter mit der Parabel The Salamnder Room inmitten ihrer Stoffbahnen. | © Judith Schuck

An der Grenze von Design und Kunst erforscht Annina Arter in der Kunsthalle Arbon die Übergänge von Innen und Aussen. Die Zürcher Künstlerin liess sich für «The Salamander Room» von einem Kinderbuch inspirieren. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Eigentlich wäre das Wetter ideal gewesen für eine Vernissage – bedeckter Himmel, zu kalt, um sich draussen aufzuhalten, und doch weder Regen noch Sturm noch Eis. Perfekt für einen Ausstellungsbesuch. Es kamen am Samstagnachmittag auch viele Menschen in die Kunsthalle Arbon. Annina Arter, die hier ausstellende Künstlerin, hätte sich dennoch Sonnenschein gewünscht. Das Licht, das dann durch das Glasdach in die Fabrikhalle gedrungen wäre, hätte ihre Kunstwerke nochmals anders belebt und bespielt, sagt sie im Gespräch vor dem offiziellen Start.

Wo früher der Metallwarenfabrikant Schädler wirkte und schwere Stahlsäulen den Industriebau stützen, mischen sich zwischen die massiven Stahlstrukturen feine, leichte Gewebe. Annina Arter, 1987 in Kathmandu geboren, wuchs in St. Gallen auf. Ab 2011 studierte sie Textil-Design an der Hochschule Luzern. Sie lebt heute in Zürich. Seit 2017 ist sie freischaffend und arbeitet als Designerin und Künstlerin. Sie entwarf Kollektionen für den St. Galler Textil-Designer Jakob Schlaepfer, wo sie sich intensiv mit dem Floralen auseinandersetzte.

Für die Kunsthalle Arbon holt sie ebenfalls die Natur ins Innere. Inspiriert sowohl von der Parabel «The Salamander Room» der amerikanischen Autorin Anne Mazer, als auch vom Ort, dem Raum mit seiner klaren, rohen Architektur. In einer etwas in die Jahre gekommenen Halle, sicher an der ein oder anderen Stelle durchlässig zum Aussen, liess Arter eine mystische, bunte Welt entstehen, die sich mit den Übergängen von Innen und Aussen beschäftigt.

 

Die ganze Kunsthalle ein Naturereignis aus Traumwelten und Nachttieraugen. Bild: Judith Schuck

Lichteffekte durch Sonneneinstrahlung

Was die Besucher:innen auf den ersten Blick sehen, ist dies:15 Bahnen bedruckten Tapetenvlieses, jeweils doppelt gehängt, sodass 30 Illustrationen die karge, grobe Halle farbig und schwebend durchziehen. Die Doppellagigkeit schafft Mehrdimensionalität: Installationen aus durchscheinendem Stoffgewebe, die von mehreren Seiten betrachtet werden können und die durch Luftzug auch leicht in Bewegung versetzt werden können. Wenn die Sonne durch das Glasdach dringt, würden die Lichtstrahlen die Illustrationen noch einmal ganz anders beleben, sagt Annina Arter, die bedauert, dass die Besucher:innen diesen Effekt heute nicht miterleben können.

Die Parabel «The Salamander Room» aus dem Jahr 1991 handelt von einem Jungen, der einen Salamander findet und mit nach Hause nimmt. Als er merkt, dass sein Kinderzimmer nicht die richtige Umgebung für die Amphibie ist, beginnt der Junge nach und nach, die Natur hineinzuholen, damit sich sein «Haustier» wohlfühlt.

Video: Dieses Kinderbuch diente als Vorlage

So machen wir es ja heute fast alle: Im Grunde versuchen wir ständig, ein Stück Natur ins Haus zu holen, ob mit Zimmerpflanzen, Blumensträussen, geblümter Bettwäsche oder Tischdecken mit Pflanzenelementen. Ganz zu schweigen von Haustieren, denen wir – wie der Junge in der Parabel – versuchen, eine möglichst natürliche Umgebung nachzubauen.

Zum einen grenzen wir uns mit dem schützenden Haus vom Aussen ab, wollen keine unerwünschten Viecher oder Pflanzen ins Innere eindringen lassen. Zum anderen fühlen wir uns mit einer nachgebildeten Natur im Haus wohl, soweit wir hier die Übergänge selbst kontrollieren.

Mäuschen und mehr erobern nachts die Kunsthalle

Die Idee für die Ausstellung kam Annina Arter vor Ort. «Die Stimmung in der Kunsthalle führte mich zur Salamander-Story.» Man könne regelrecht spüren, dass in der Nacht mindestens ein Mäuschen in die Halle kommt, «die Natur dringt spürbar ein». Das habe sie erst im Schaffensprozess gemerkt.

Im Keller der Halle fand sie Baumstämme vor, die als Gebäudestützen fungieren, das Hölzerne, Ursprüngliche im Keller analog zu den Stahlsäulen an der sichtbaren Oberfläche. Der Rost, die bröckelnden Mauern der in die Jahre gekommenen Architektur erinnern nun gemeinsam mit dem rankenden Efeu, den dornigen, sich windenden Rosen auf den Stoffbahnen an die Ruinenmalerei. Eine Malerei, die vor allem ab dem 17. Jahrhundert verfallene Bauwerke darstellte, die von der Natur zurückerobert wurden.

 

Stählerner Architektur durchdrungen von schleierhafter Natur. Bild: Judith Schuck

Kuratierte Kinderbuchausstellung integriert

Die Ausstellung «The Salamander Room» ist dabei keine begehbare Illustration des Kinderbuchs, sondern eine eigenständige Bild- und Formwelt, welche die Künstlerin zunächst mit Gouache im DIN-A4-Format kreierte, bevor sie ihre analoge Handarbeit ins Digitale übertrug. Bedruckt wurden die Tapetenvliese in Thal, St. Gallen.

Kinderbücher spielen aber für ihr Schaffen und in der Ausstellung eine besondere Rolle. An Bilderbüchern reizt sie die einfache, oft reduzierte Bildsprache, welche sie in ihren Designs und Kunstwerken beeinflusst. Künstlerfreunde aus Zürich teilen diese Leidenschaft mit ihr.

Zwischen Natur und Kultur

2014 begannen sie mit dem Sammeln von Kinderbüchern ab der Nachkriegszeit aus unterschiedlichen Kulturen. Diese kuratierte Kinderbuchsammlung von Luca Beeler, Cédric Eisenring und Carmen Tobler ist während der Ausstellungsöffnungszeiten zugänglich. Am 18. April wird als Rahmenprogramm eine Lesung daraus für Kinder und Erwachsene stattfinden.

«Landschaften, die sich mit Architektur vermischen», so beschreibt Annina Arter ihre aktuelle Beschäftigung, und das wird in der Ausstellung sichtbar. Teilweise wirken die Landschaften wie Dschungel, dann markiert ein Holzlattenzaun wieder den Übergang von Natur zu Kultur, die Aneignung der Natur durch den Menschen und seine Abgrenzung zu ihr; gleichzeitig wuchern die Kletterpflanzen viele Meter hoch auf dem Stoff empor in Richtung lichtdurchfluteter Decke gen Himmel.

 

Die Künstlerin Annina Arter lässt sich von Bilderbüchern inspirieren. Bild: Judith Schuck

Leuchtende Augen konfrontieren Betrachter

Oft düster, mystisch ist in den Bildwelten auch der Traum und das Magische in der kindlichen Wahrnehmung angedeutet, wo Innen und Aussen auf körperlicher respektive geistiger Ebene verschwimmen, die Zustände zwischen dem Wachsein und dem inneren Erleben ineinander übergehen. Dies symbolisieren die gelb leuchtenden Augen, die auf einigen Bildern die Betrachter:innen aus der Dunkelheit anstarren: Sie gehören zu Eulen und Nachtfaltern, den einzigen Tieren, die in der Ausstellung zu finden sind, Nachttiere.

Den Salamander sucht man vergeblich. «Ich habe mir bis zur letzten Minute überlegt, ob ich ihn zeigen soll, und ihn sogar auf einer Bahn aufgedruckt», verrät Annina Arter. Aber er solle ein kleines Mysterium bleiben. Immerhin befindet sich die Stoffbahn mit dem Feuersalamander zurückgelegt in einem Raum der Kunsthalle.

 

Teil der Kinderbuchsammlung von Luca Beeler, Cédric Eidenring und Carmen Tobler. Bild: Judith Schuck

 

Die Ausstellung und die Kinderbuchsammlung

Die Kinderbuchsammlung von Luca Beeler, Cédric Eisenring und Carmen Tobler ist im Raum integriert und kann gesichtet werden. Am 18. April gibt es hierzu um 15 Uhr eine Lesung. Am 11. April und 2. Mai ist jeweils um 16 Uhr eine öffentliche Führung. Die Finissage findet am 10. Mai um 15 Uhr statt.

 

Die Öffnungszeiten der Ausstellung «The Salamander Room» sind Freitag 17 bis 19 Uhr, Samstag/Sonntag 13 bis 17 Uhr sowie am Ostermontag und 1. Mai 13 bis 17 Uhr. Karfreitag ist die Kunsthalle Arbon geschlossen.

Kunsthalle Arbon, Grabenstrasse 6, 9320 Arbon

 

 

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