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von Inka Grabowsky, 26.03.2026

Veränderte Landschaften

Veränderte Landschaften
Blick von Süden auf das Palais. Atelier Wucherer, um 1855. Die Aufnahme zeigt das sogenannte Palais bzw. das Haupthaus der Schlossanlage von Arenenberg, welches heute fälschlich als Schloss bezeichnet wird. | © Fotosammlung Napoleonmuseum Arenenberg/Atelier Wucherer

Wie sah die Bodenseeregion aus, als Napoleon III. 1865 seine Jugendheimat besuchte? Historische Fotografien geben in einer neuen Ausstellung im Napoleonmuseum Arenenberg überraschende Antworten. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Es war eine entzückende Reise, während welcher sich der Kaiser ungewöhnlich heiter und befriedigt zeigte», notiert eine Hofdame der Kaiserin Eugenie. «Er durcheilte diesen schönen Fleck Erde, wo er seine Jugend verlebte und es für ihn so viele der schönen und frohen Erinnerungen gab.» 

Doch vieles, was Napoleon III. aus seiner Kindheit kannte, war 1865 verändert. Das zeigen historische Fotografien, die im «Cinemá» des Museums (hinter dem Shop) wahlweise an den Wänden hängen oder auf digitalen Displays zu sehen sind. 

 

Jürgen Klöckler vom Stadtarchiv und Dominik Gügel vom Napoleonmuseum arbeiten gerne zusammen. Bild: Inka Grabowsky

Fotopioniere in der Region

1826 gab es das erste fixierte Foto der Welt – eine mit Asphalt beschichtete Zinnplatte, die acht Stunden lang belichtet werden musste. 1860 war die Technologie schon ein bisschen weiter. Belichtet wurden – innerhalb von 20 Sekunden – beschichtete Glasplatten. Und einen ganzen Schatz davon hat das Stadtarchiv in Konstanz gehoben. 

Seit 1938 ist es im Besitz des Nachlasses der Fotografenfamilie Wolf. Er besteht aus 7500 Plattennegativen. «Einige sind 5 x 7 Zentimeter klein, andere 50 x 70 Zentimeter gross», erklärt Jürgen Klöckler, der Leiter des Stadtarchivs.  «In den vergangenen 15 Jahren haben wir sie digitalisiert und mit Stichworten versehen, so dass man nun leichter ein Motiv findet.» 

 

Gottlieben: Blick von Norden auf Schloss, Dorf und die Schifflände. Atelier Wolf, um 1870. Neben Arenenberg und Konstanz ist Gottlieben der wichtigste Anlaufpunkt der kaiserlichen Familie am See. Königin Hortense übernimmt das Schloss 1836 von ihrem Schwager und treibt den Umbau zu einem Palazzo nach venezianischem Vorbild voran. Nach ihrem Tod ein Jahr später setzt Louis Napoléon die Arbeiten fort und setzt einen zusätzlichen Schwerpunkt auf den Garten. 1842 muss der spätere Kaiser die Anlage aus Finanznot verkaufen. Bild: Atelier Wolf/Stadtarchiv Konstanz

Dokumente der Veränderung

German Wolf, Hoffotograf des Grossherzogs von Baden, lichtete unter anderem ab, was Kaiser Napoleon III. bei seinem Heimweh-Besuch 1865 noch sah. «Interessant ist auch, was er nicht mehr sah», sagt Dominik Gügel. «1850 hat man zum Beispiel die beiden Turmhauben am Münster ersetzt. Den neuen Turm kannte Napoleon III. noch gar nicht.» 

Die Einwohnerzahl von Konstanz hatte sich in den 27 Jahren der kaiserlichen Abwesenheit mehr als verdoppelt. «Die ganze Region war seit den Kinder- und Jugendtagen stark verändert – unter anderem auch, weil der Kaiser noch als Louis Napoleon Bonaparte die Industrialisierung mit angestossen hatte.» Er gilt unter anderem als Initiator des Damms auf die Reichenau, der 1838 aufgeschüttet wurde. 

 

Portrait des Kaisers Napoleon III. Wohl von Olympe Aguado, um 1865. Das Bild zeigt Napoleon III. in einem Schloss oder Atelier, vermutlich in den Tuilerien. Bild: Fotosammlung Napoleonmuseum Arenenberg

Mit dem Sonderzug nach Konstanz

Seine Mutter Hortense finanzierte den Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee. Napoleon III.  war fortschrittsgläubig und technikfreundlich. «Natürlich nutzte er für seine Reise das modernste Verkehrsmittel seiner Zeit: die Eisenbahn», sagt Gügel. Der Bahnhof in Konstanz war rechtzeitig am 15. Juni 1863 eröffnet worden. Ein Sonderzug brachte den Kaiser mit seinem kleinen Hofstaat von Strassburg über die gerade eingeweihte Rheinbrücke in die Stadt. Die mittelalterliche Holzbrücke zum Rheintor war 1856 einem Feuer zum Opfer gefallen.

Die Ausstellung folgt in ihrer Dramaturgie den Spuren der Kaiserreise. Man sieht zum Beispiel den Bahnhof von Radolfzell, den noch unbefestigten Bahnhofplatz in Konstanz oder die Weinreben rund um die Kreuzlinger Basilika Sankt Ulrich und Afra. Schon im Foto aus der Zeit um 1880 sieht man, wie Neubauten den Weinbau verdrängen. Anderenorts sind Rebzeilen aus Louis Napoleons Kindheit längst durch Streuobstwiesen ersetzt. 

 

Die Bahnhofstrasse in Konstanz von Norden. Atelier Wolf oder Wucherer, um 1865. Napoleon III. fährt nach seiner Ankunft in Konstanz 1865 von hier mit seiner Begleitung Richtung Norden und biegt anschliessend auf die Untere Marktstätte ein. Seine einstige Kaserne existiert bereits nicht mehr. Nach dem Vorbild von Paris präsentiert sich auf der entstandenen Brache ein Square. Bild: Stadtarchiv Konstanz 

Suchbilder für aufmerksame Betrachter

Für die heutigen Betrachter sind nun diese Streuobstwiesen Bilder aus einer fernen Vergangenheit. Der Vergleich der Ansichten von Stadt und Land damals und heute ist für Einheimische attraktiv. «Den Pulverturm am Konstanzer Rheinufer gibt es noch», so Gügel. «Aber anders als im Foto von 1865 sehen wir daneben den modernen Anbau des Humboldt-Gymnasiums.» 

Die Kornschütte der Augustinerchorherren in Kreuzlingen sieht auf der Stereofoto von 1870 erheblich erbärmlicher aus als derzeit in ihrer Funktion als Seemuseum

Jenseits diese «Suchbild-Charmes» haben die Ausstellungsmacher einen spielerischen Zugang ermöglicht. Man kann versuchen zu erraten, was auf einem Foto zu sehen ist, und bekommt beim Umklappen die Auflösung des Rätsels.   

 

Doppelfoto: Wo könnte das sein? Im Handumdrehen liest man die Antwort. Bild: Inka Grabowsky

 

Umgekehrt wollen die Historiker das Wissen der Betrachter nutzen, um Angaben zu noch undatierten Fotos zu bekommen. «Als wir unserem Maler den Auftrag gaben, das Cinemá für die Ausstellung neu zu streichen, erzählte er, dass er selbst 250 Foto-Glasplatten aus der Zeit von seinem Grossvater geerbt habe», berichtet Dominik Gügel. «Die hat er uns spontan geschenkt.» 

Bei vielen fehlt noch eine Beschreibung. Man weiss aber, dass sie Motive aus der Umgebung des Arenenbergs zeigen. Die Ausstellungsbesucher werden deshalb gebeten, sich am Computer durch die Sammlung von Martin Friedrich zu klicken und zu überlegen, wer oder was zu sehen sein könnte. 

Weiterlesen: Ein Interview mit Dominik Gügel

Zum Saisonstart auf dem Arenenberg haben wir im Februar 2026 ein ausführliches Interview mit Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseum Arenenberg, über die Zukunft seines Hauses geführt. 

 

„Mit KI könnten wir Geschichte lebendiger machen.“: Zum Saisonauftakt auf dem Arenenberg: Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseums über Fotoschätze, die Zukunft seines Museums, und warum Louis Napoleon sich eher mit Wladimir Putin als mit Donald Trump verstehen würde.

Blick auf den Theaterflügel von Westen, um 1920. Das Foto zeigt links den Eingang in das heute nicht mehr vorhandene Hoftheater. Der Bau wurde zugunsten eines modernen Gebäudes für die Landwirtschaftliche Schule abgerissen. Bild: Fotosammlung Napoleonmuseum Arenenberg

 

Die Daten zur Ausstellung am Arenenberg

«Was der Kaiser noch sah». Arenenberg, Konstanz, der Thurgau und der Bodensee in historischen Fotografien


20. März bis 20. September 2026 im Napoleonmuseum 

Bis Ende März noch montags geschlossen, ab April täglich 10 bis 17 Uhr geöffnet. Die Ausstellung wird ab November 2026 im Unternehmerforum Lilienberg zu sehen sein, weil das Arenenberger Cinemá dann umgebaut wird. 

 

Führungen am 22. April und 13. August

 

Vorträge: 

am 11.  Juni (17.30 Uhr) «Was der Kaiser noch sah» von Dominik Gügel

am 13. Juli (18.00 Uhr) «Eugénie, Kaiserin der Franzosen: Rebellisch und einflussreich» von Christina Egli

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