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von Inka Grabowsky, 11.05.2026

Dem Dasein ausgesetzt

Dem Dasein ausgesetzt
Ein Empfangskommitee begrüsst jeden Besuchenden quasi persönlich - automatisiert und ohne Augenkontakt | © Inka Grabowsky

Nach «Mensch. Sein» und dem Filmprojekt «Tot. Sein» schafft Performerin Micha Stuhlmann einen weiteren Teil ihrer Reihe zu existenziellen Lebensfragen. In «Da. Sein» geht es um den Menschen als soziales Wesen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Heute ist der Auftakt», betont Micha Stuhlmann von «Laboratorium für Artenschutz» vor dem Kult-X in Kreuzlingen. «Wir treten zum ersten Mal nach aussen, aber es ist immer noch eine Art Probe.» Und noch eine Warnung spricht die künstlerische Leiterin des Amateur-Ensembles aus: «Das Publikum ist Bestandteil des kreativen Prozesses.» 

Das merkt man schon beim Betreten des Saals. Immer zehn Personen werden eingelassen. Auf sie warten im Vorraum zehn schwarzgekleidete Performer und Performerinnen mit verbundenen Augen. Hat man seine Füsse auf die markierte Fläche gestellt, beginnt ein Begrüssungsprozess. Eine Hand auf der linken Schulter, eine Hand auf der rechten Schulter und dann die Stimme vom Band: «Willkommen im Dasein. Treten Sie ein: Hier werden Sie zum Du transformiert.» Achtmal wird der Spruch abgespult. Die Performance ist gut besucht.

 

Gefesselt und später befreit? Oder in eine Schutzschicht eingehüllt? Es muss kein Widerspruch sein. Bilder: Inka Grabowsky

Wilder Ritt durch alle Sinne

Im Saal wird Benjamin Arntzen von seinen Kollegen langsam in einen Kokon aus Jacken und Mänteln gehüllt. Er wird als befremdliches Element umtanzt und umkrochen. Als er sich etwas bewegt, erstarren alle vor Angst. Dann balgen sich 14 Performer und Performerinnen um das Mantelwesen. Sie befreien ihn aus seinen Fesseln, sodass er mittanzen kann. Das ist das erste Kapitel der Gesellschafts-Geschichte. Es folgen noch viele weitere, immer eingeläutet von einer schrillen Pausenklingel. 

Textpassagen stimmen auf die nächste Situation ein. Mal geht es um Nähe und Abstand, mal um den Wunsch nach Zugehörigkeit. Das Thema Berühren und Berührt-werden ist komplex. «Ich berühre dich, damit es dir besser geht» gilt ebenso wie «Don’t touch me.» Das eine wird als urmenschliches Bedürfnis in einem Kuschelhaufen zelebriert, das andere durch das Anziehen der dicken Wintermäntel, die zur Schutzschicht werden. 

Eindrücke von der ersten öffentlichen Präsentation

Die soziale Interaktion über Sprache nimmt eine gewichtige Rolle ein. Im vorgetragenen Text hört das Publikum den Satz «Ein Hauch von einem Wort geht viel tiefer, als wenn wir uns laut etwas zurufen.» 

Das Pathos wird im «Stille-Post»-Spiel mit dem Publikum gebrochen. Einer der Performer flüstert einem Zuschauer einen Satz ins Ohr, etwa: «Spürst du meinen Atem». Als am anderen Ende der Reihe aber «Spürst du meinen Arschtritt» ankommt, ist es mit der weihevollen Stille vorbei. 

 

Flüsterpost: Ein Hauch geht tiefer als ein Zuruf. Bild: Inka Grabowsky

Raus aus der Komfortzone

Nächste Lektion: der Geruchssinn. Eine Performerin tritt ans Mikrophon und fragt: «Wie geht es dir mit dem Riechen? Es gibt da eine Stelle hinter dem Ohr, an die nicht jeder herankommt, aber da riechen alle Leute besonders gut.» Der Sehsinn wird in einer interaktiven Übung adressiert. Von Band läuft die Aufforderung «Schau doch mal richtig her! Gefalle ich dir?» 

Das Publikum wird nach und nach auf das Parkett geholt. Alle müssen allen die Hand geben. Damit ist es endgültig vorbei mit dem bequemen Konsumieren von Kunst. Man steht schliesslich einem Menschen gegenüber und muss es aushalten, ihm minutenlang die Hand zu geben und darüber nachzudenken, was man dabei empfindet. Danach erörtert man mit dem nächsten Partner binnen zwei Minuten eine Frage wie: «Wen streichelst du lieber, ein Haustier oder einen Menschen?» Niemand geht unberührt aus dem Da. Sein-Gesellschaftsspiel.

 

Micha Stuhlmann ist nicht nur künstlerische Leiterin, sondern auch Menschenmagnet. Bild: Inka Grabowsky

Im Begriff zu Entstehen

Die Künstlerin ist hoch zufrieden mit dem ersten öffentlichen Experiment. «Wir mussten spüren, was funktioniert, und was wir noch erweitern müssen», so Micha Stuhlmann nach der Performance. Ziel sei immer die Partizipation des Publikums. «Und das kann man nicht proben. Nicht jeder im Ensemble weiss aus Erfahrung, dass das funktioniert. Sie mussten es erleben.» 

Ausserdem ist «Da. Sein» noch nicht in Stein gemeisselt. Die Performance verändert sich noch. «Ich habe Fragen gestellt bekommen, die nun in mir arbeiten. Und das geht dem ganzen Team so.» Bei der nächsten Version als Workshop im «Pool» in St. Gallen wird es wieder andere Aspekte und eine Vertiefung geben. Die wirkliche Premiere findet dann am 26. Juni im Kreuzlinger Apollo statt. 

 

Motto der Performance. Bild: Inka Grabowsky

 

Weitere Aufführungen

«Da.Sein ein Gesellschaftsspiel» von Micha Stuhlmanns «Laboratorium für Artenschutz» verläuft noch über folgende Stationen:

 

Workshop-Probe

So 7. Juni
11:00 Uhr
Pool – Raum für Kultur
freier Zugang 
Anmeldung hier

 

Finale

Fr 26. Juni
20:00 Uhr
Kulturhaus Apollo, Kreuzlingen
Tickets an der Abendkasse

 

Workshop & Mini-Performance
 

Sa 27. Juni
14:30 Uhr
Theater Konstanz – Let's Ally Festival Spiegelhalle
freier Zugang

 

 

 

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