von Brigitta Hochuli, 11.05.2014
Thurgauer Frühling in Olten

Dorothee Messmer, ehemalige Dietrich- und Krüsispezialistin des Kunstmuseums Thurgau, ist als Direktorin des Kunstmuseums Olten in Nöten. Ihr früherer Chef Markus Landert hat ihr nun Werke aus der Sammlung geschickt.
Interview: Brigitta Hochuli
Frau Messmer, seit Ende März beherbergen Sie im Kunstmuseum Olten Gäste aus dem Kunstmuseum Thurgau. Wie geht es Muda Mathis‘ "Erstkommunikanten", dem Frühlingspanorama von Hans Krüsi und dem Gartenbild von Helen Dahm?
Es geht ihnen sehr gut, denn sie haben alle einen wunderbaren Platz erhalten. Die Erstkommunikanten hängen neben Amiets und Le Plateniers Mädchenbildnissen und führen einen quasi zeitübergreifenden Dialog. Krüsis grosses Frühlingspanorama korrespondiert wunderbar mit Albert Steiners Gebirgsfotografien aus dem Kunstmuseum Chur und einem Appenzeller Alpaufzug aus dem Museum im Lagerhaus. Und Helen Dahms Bild hängt in einem Saal, der ganz den Paradiesgärten gewidmet ist, neben Amiets aus St. Gallen, Solothurn und Olten, einer Sturzenegger-Landschaft aus Schaffhausen, Frühlingsgärten von Morgenthaler und Berger aus unserer eigenen Sammlung und - der Zigarrendose von Josef Hoffmann. Helen Dahms Bild entfaltet in dieser Nachbarschaft seine ganze Stärke und braucht den Vergleich mit Amiet und Berger nicht zu scheuen.
Wie kommen diese Bilder beim Oltener Publikum an?
Wir haben sehr viel Publikum, vor allem auch, wenn das Wetter nicht gerade frühlingshaft ist. Und die Nachfrage nach Postkarten von Dahm und Krüsi, die bei uns zum Verkauf aufliegen, zeigt, dass die Thurgauer Werke Beachtung finden.
Zu Hans Krüsi haben Sie ja eine besonders intensive Beziehung. 1998 hatten Sie im Kunstmuseum Thurgau als junge Kunsthistorikerin begonnen, seinen Nachlass zu bearbeiten. Sie nannten den Nachlass ihren „Berg“. Wie erinnern Sie sich heute an die damalige Arbeit?
Krüsi schaut mir ja auch hier in Olten über die Schulter, wenn ich arbeite. Zwei seiner Postkarten - ein Geschenk meiner Mutter - hängen über meinem Arbeitsplatz. Adolf Dietrich und Hans Krüsi sind bis heute diejenigen Künstler, die ich am besten kenne, da ich Jahre mit Ihrem Werk verbracht habe und beide Nachlässe akribisch aufgearbeitet habe. Diese Zeit fehlt mir jetzt leider, und gerade habe ich während der Besichtigung eines Nachlasses, der vielleicht später als Schenkung in unser Haus wechselt, gedacht, wie schön es doch wäre, wieder einmal so viel Zeit und Energie in Forschungsarbeit stecken zu dürfen. Dies war mir im Kunstmuseum Thurgau vergönnt, und ich habe dabei einen grossen Teil meines Rüstzeugs für die heutige Arbeit sammeln dürfen. Die beiden Nachlässe sind denn auch bis jetzt hohe Messlatten für meinen professionellen Umgang mit Werkgruppen.
Ihre aktuelle Ausstellung in Olten ist von der Frühlings-Thematik her eine Art Gegenmassnahme zur allfällig drohenden Schliessung des Museums und zum vorgeschlagenen Verkauf der Sammlung. Glauben Sie, damit in den Köpfen der Oltner Sparpolitiker etwas bewirken zu können? Oder ist das inzwischen schon geschehen?
Gewissheit haben wir erst im November, wenn das Parlament das Budget 2015 verabschiedet. Der Oltner Stadtrat hat sich jedoch in der Zwischenzeit beraten und einen Vorschlag erarbeitet für das zweite Entlastungspaket, das in den nächsten Tagen an runden Tischen mit verschiedenen Interessenvertretern beraten wird. Positiv daran ist, dass die Oltner Museen nicht geschlossen werden sollen. Jedoch schlägt der Stadtrat vor, dass die Budgets aller drei Museen nochmals auf je 500'000 Franken pro Jahr gekürzt werden sollen, was für uns eine Einsparung von 36,5 Prozent bedeuten würde. Da ist bis zum November noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.
Sie efahren aber viel Mitgefühl.
Ja, die grosse Solidarität hat gezeigt, dass das Haus schweizweit wahrgenommen wird und eine Schliessung des Hauses nicht so einfach zu bewerkstelligen ist. Die Krise hat zudem bewirkt, dass wir auch aus der Oltner Kultur viel Rückhalt erfahren haben und sich die Beziehungen mit unseren Partnerinstitutionen und den Kulturvereinigungen in den letzten Wochen sehr intensiviert haben. Dies wird das Haus längerfristig hoffentlich stärken und es auf solidere Beine stellen.
Bevor Sie im März 2012 den Direktorenposten in Olten antraten, waren Sie stellvertretende Direktorin im Kunstmuseum Thurgau. Bereuen Sie angesichts der jetzt schwierigen Situation diesen Wechsel?
Ich geniesse es in dieser Ausstellung sehr, lieb gewordene Werke aus dem Thurgau um mich haben zu dürfen, und da ist durchaus manchmal auch etwas Ostschweizer-Wehmut vorhanden. Den Wechsel aber bereue ich nicht. Was ich jetzt in Olten erlebe, ist eine Schnellbleiche im Erlernen von politischen Vorgängen, strategischen Prozessen und Krisen-Kommunikation - eine sehr spannende und intensive Zeit, die viel abverlangt, aber auch viel gibt. Und dann ist da natürlich auch noch die Oltner Sammlung, die ebenso viele Schätze birgt wie diejenige im Thurgau, und die das hiesige Kunstmuseum ebenso unverwechselbar und eigenständig macht wie jenes in der Kartause. Beide Institutionen leben von dieser Einzigartigkeit und auch von den Menschen, die sie pflegen und dem Publikum zugänglich machen. Darauf dürfen sowohl der Thurgau wie die Stadt Olten stolz sein.
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Ausstellung „Frühling lässt sein blaues Band...!“ bis 25. Mai
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Dorothee MessmerSeit März 2012 ist die ehemalige stellvertretende Direktorin des Kunstmuseums Thurgau, Dorothee Messmer (50), Direktorin des Kunstmuseums Olten. Dort hat sie mit Sparmassnahmen und gegen die drohenden Schliessung zu kämpfen. Unterstützung erhält sie vom Kunstverein Olten, der das Komitee «Pro-Kunstmuseum-Olten» gegründet hat. Unterstützt wird die Direktorin auch von 4000 Petitionären. Und für die aktuelle Ausstellung "Frühling, lass Dein blaues Band …! Die Kunstmuseen der Schweiz zu Gast in Olten" hat sie Leihgaben aus diversen Schweizer Museen, so auch aus dem Thurgau erhalten. Dorothee Messmer ist St. Gallerin und hat Kunstgeschichte studiert. Im Rahmen ihrer Lizentiatsarbeit hat sie im Kunstmuseum Thurgau bis 1998 den Nachlass von Adolf Dietrich inventarisiert. Danach begann sie, den Nachlass des Appenzeller Künstlers Hans Krüsi aufzuarbeiten, der 1995 in St. Gallen gestorben war und sein Werk dem Thurgau vermacht hatte. (ho) |

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