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von Brigitta Hochuli, 25.09.2013

Schönheitskur für Zürileu

Schönheitskur für Zürileu
Der Weinfelder KonservatorTobias Hotz restauriert zurzeit den Zürileu. | © zVg

Der Weinfelder Steinkonservator und -restaurator Tobias Hotz arbeitet zurzeit am Zürileu. Eine Aufgabe, für die er eine grosse Portion Respekt hat. Weitere Objekte sind und waren das Bundeshaus, das Landesmuseum oder zwei Marmorsessel von Ai WeiWei.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Hotz, sie beenden in Zürich gerade die Restaurierung des Zürileu aus dem Jahr 1894. Was ist das für ein Gefühl, auf einem so hohen Sockel mitsamt Löwenhaupt in fast 8 Metern Höhe an so prominenter Stelle wie der Mole bei der Hafeneinfahrt Enge im Zürcher Seebecken an einem so extravaganten Tier zu arbeiten?

Tobias Hotz: Das ist grundsätzlich ein sehr schönes Gefühl mit einer grossen Portion Respekt dabei. Wir haben lange und intensiv zu diesem speziellen Kunstobjekt recherchiert, über den damaligen Künstler Urs Eggenschwiler, darüber wie und in welchem Zusammenhang der Löwe dorthin kam und über die früheren Restaurierungsmassnahmen. Wenn man professionell restauriert, sollte man diese Kenntnisse über das Objekt haben, da es ja ein Unikat ist. Nur so kann man mit den Restaurierungsmassnahmen dem Kunstwerk gerecht werden, da die notwendigen Eingriffe im Fall des Zürileu sehr massiv sind.

 

Was war bei Eingriffen an diesem Betonmonument denn die grösste Herausforderung?

Tobias Hotz: Die oberflächlichen Schäden waren bei der Voruntersuchung 2011 schon klar ersichtlich. Die unter der Oberfläche liegenden Schäden kann man dabei nur erahnen. Da ist die entsprechende Erfahrung, nicht zuletzt für die Budgetierung der Kosten, sehr wichtig. Nach der Reinigung haben die Freilegungsarbeiten tiefgreifende Feuchteschäden und eine daraus folgende Salzproblematik aufgezeigt. Zudem haben Messungen unerwartet ergeben, dass der Löwe keine Armierungen hat, also kein inneres, stabilisierendes Skelett. Dies hat mich zu einer Strategieänderung gezwungen, was das Injektionsmedium anbetrifft, womit ich die Risse verfüllen würde. Kommt der Standort in unmittelbarer Nähe zu See hinzu: der Löwe ist zu Dreivierteln von Wasser umgeben, das ist eine weitere Herausforderung. Wir durften unter Bussandrohung der Seepolizei keine Wassertrübung verursachen.

 

Neben dem Zürileu restaurieren Sie bis Ende 2014 auch die Wandelhalle im Bundeshaus. Sie frischen während der Sessionspausen die Marmor- und Kalksteine auf. Bemerken die Parlamentarier jeweils den Unterschied?

Tobias Hotz: Nein, zurzeit nicht, denn bei unseren Marmor- und Kalksteinarbeiten ist der Unterschied vom Vorzustand zum Schlusszustand nicht sehr gross. Wir frischen sie hauptsächlich auf, das heisst wir reduzieren die 110 Jahre alte Schmutzschicht aus Staub- und Russablagerungen. Bis vor wenigen Jahren wurde dort ja noch Pfeife geraucht und anscheinend auch schon gegrillt. Danach frotieren wir die Politur wieder mit mikrokristallinem Wachs auf. Teilweise müssen wir noch frühere, spröde und vergilbte Schmelzkittungen ersetzen. Diese sind relativ klein, fallen somit über das Ganze gesehen nicht sonderlich auf.

 

Die Arbeiten sind aber noch nicht beendet. Was ist vom Schlussresultat Sichtbares zu erwarten?

Tobias Hotz: Meine Restauratorenkollegen, die übrigens zusammen mit mir an der Fachhochschule studiert haben und die die Decken- und Wandmalerei restaurieren, haben unter Farbschichten aus den 30er und 60er Jahren die originale Farbigkeit aus dem Jahr 1900 wiederentdeckt. Diese wird nun rekonstruiert und was bisher in gebrochenem Weiss zu sehen war wird nun teilweise in einem wunderschönen Ultramarinblau mit teilweise Blattvergoldeten Partien erscheinen. Diese erhöhte Farbigkeit wird bei den Parlamentariern bestimmt ein gewisses Erstaunen verursachen, da es ja in Etappen und segmentweise vor sich geht und der Vorzustand direkt mit dem neuen Zustand verglichen werden kann.

 

Weitere Restaurierungsarbeiten tätigen Sie für das Landesmuseum oder das Klosterviertel St. Gallen. Zudem erstellen Sie nebst vielem anderem ein Gutachten zur antiken Marmorskulptur des griechischen Komödiendichters Menander. Wie kommt man als Inhaber eines Kleinbetriebs mit einem festen Angestellten und einer Praktikantin in Weinfelden an so interessante Aufträge?

Tobias Hotz: Dies ist ganz klar eine Folge meiner Aus- und Weiterbildung in Form eines vierjährigen Studiums zum Diplomkonservator/ -restaurator FH an der Fachhochschule Bern. Zusammen mit meiner früheren Erfahrungen und Fachausweisen weist mich diese zusätzliche Qualifikation als professionell, kompetent und à jour aus. Gerade Museen, städtische und private Kunstsammlungen und weitere öffentliche Institutionen achten immer mehr darauf, wem sie ihr Kunstobjekt und Unikat anvertrauen wollen. Meine Herausforderung ist, meine sehr guten Ausbildungen in der Praxis professionell zu bestätigen und keine Fehler zuzulassen.

 

So kamen Sie im Sommer 2012 auch zum Auftrag, zwei Marmorsessel des chinesischen Konzeptkünstlers Ai WeiWei zu reinigen, die während der Art and the City auf dem Paradeplatz in Zürich standen und verschmiert wurden. Was unterscheidet die Arbeit an einem so modernen Objekt von jener an Objekten aus der Antike?

Tobias Hotz: Im Vorgehen gibt es kaum einen Unterschied, ausser der spannenden Zeitreise, die ich natürlich jeweils mache. Beides sind Kunst- respektive Kulturobjekte, die einzigartig sind, entsprechend vorsichtig und überlegt muss das Vorgehen sein. Dazu ist aber natürlich die Kenntnis um die Kunsttechnologien der Entstehungszeiten wichtig. In der Antike wurden andere Werkzeuge, Bindemittel, Farbpigmente oder Schutzbehandlungen verwendet als dies in der Moderne der Fall ist. Darauf muss bei Restaurierungsmassnahmen unbedingt eingegangen werden, um die Kompatibilität zu gewährleisten. Die Verwendung falscher Materialien und Medien (auch Chemikalien) können auch Schäden verursachen.

 

Tobias Hotz hat zwei Marmorsessel von Ai WeiWei gereinigt. Bilder: zVg

 

Herr Hotz, in Ihrer Vita fällt nicht nur Ihre aktuelle Weiterbildung zum „Master of Arts in Conservations“ an der Hochschule der Künste Bern, sondern auch Ihr Diplomabschluss zum „Akademischen Bildhauer“ 1987 in der italienischen Marmorstadt Carrara auf. Ursprünglich haben Sie eine Lehre als Steinmetz absolviert. Ist ein solcher Weiterbildungsweg in Ihrer Branche üblich oder was treibt Sie sonst an?

Tobias Hotz: Nein, üblich ist dieser Werdegang nicht, aber er erscheint mir logisch und ist eine Folge aus zeitlichen Gegebenheiten. Nach meiner Ausbildung in klassischer Bildhauerei in Italien hat mir in den folgenden 15 Jahren die Realität aufgezeigt, dass ich als Bildhauer, übrigens grundsätzlich ein wunderschöner Beruf, im falschen Jahrhundert gestrandet bin. Eine grosse Enttäuschung. Seitdem die Bildhauerei in der Architektur nicht mehr eingebunden und verlangt wird, bleibt den Bildhauern noch das Kunstschaffen, was hartes Brot ist, oder Grabmale zu gestalten, was tendenziell ein rückläufiges Gewerbe ist. Dieser Schnitt vollzog sich so in der Zeit um den ersten Weltkrieg. Bis dahin waren Ornamentik, Reliefs und Skulpturen im Jugendstil noch gefragt. Danach kam die Moderne und somit das Aus für den Bildhauer in der Architektur.

 

Sie haben also Ihre Schwerpunkte der Moderne angepasst?

Tobias Hotz: Ja, die Restaurierung von Kunst- und Kulturgut hat aus meiner Sicht grosse Zukunft, erst recht wenn man die entsprechenden theoretischen Ausbildungen vorweisen kann und auch noch zwei praktisch veranlagte Hände hat. Als ausgebildeter Steinkonservator/-restaurator kommt mir das Wissen und Können der bildhauerischen Herstellung sehr zu Gute. Es ist für das primäre Ziel, nämlich der Erhalt des originalen Steinobjekts, nur dienlich. Man muss einzig die Kreativität zurückhalten.

 

Was raten Sie dem beruflichen Nachwuchs?

Tobias Hotz: Mein Weiterbildungsweg wurde in Fachkreisen beobachtet. Mittlerweile haben weitere junge Berufsleute den gleichen Weg eingeschlagen und das Bachelor/Materstudium ,Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut‘ an der Fachhochschule Bern aufgenommen. Das finde ich sachbezogen super, zeigt mir aber auch, dass das lebenslange Lernen und die Bemühungen, sich weiterzubilden gerade auch in dieser Branche sehr wichtig sind.

***

Tobias Hotz (50) ist dipl. Konservator/Restaurator FH, Bildhauermeister und Inhaber der TH-Conservations GmbH in Weinfelden, wo er aufgewachsen ist und mit seiner Familie lebt. - Hier geht‘s zu weiteren Infromationen über Tobias Hotz, seine Aufträge und im Besonderen über den Zürileu: www.th-conservations.ch

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