von Manuela Ziegler, 06.04.2026
Wo Kunst Begegnung schafft

2016 eröffnete die Künstlerin Judit Villiger das sanft renovierte Gebäude «Haus zur Glocke» in Steckborn. Zum Zehnjährigen kann sie «Aus dem Vollen schöpfen», so der Titel der Jubiläumsausstellung. Aus einem persönlichen Wagnis in der Provinz ist ein Kunstort mit nationaler Ausstrahlung entstanden. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Man kann kaum umhin, dies auch als Zeichen eines Neuanfangs zu sehen: Das viele Jahre hoch über der Strasse hängende Kunstwerk aus Schnüren, das das «Haus zur Glocke» mit dem gegenüberliegenden Gebäude in Steckborn verband, ist Geschichte. Ende März wurde das Kunstwerk «Luftraumbrücke» des Architektenpaars Miriam Weyell und Florian Berner abgebaut, die Verbindung ist gekappt. Die Arbeit war zur Eröffnung des «Haus zur Glocke» entstanden und zu einem Erkennungszeichen von Judith Villigers Kunstort geworden. Dass sie ausgerechnet zum zehnten Geburtstag des Hauses deinstalliert wurde, markiert einen weiteren Entwicklungsschritt in der Geschichte des Hauses.
Villiger wohnt gegenüber der «Glocke» und erinnert sich noch, als das schmale, denkmalgeschützte Riegelhaus an der Seestrasse zum Verkauf stand. Bei jedem Blick nach drüben hoffte sie, dass dort wieder etwas Gutes entstehen würde, wie zuvor der genossenschaftliche «Gloggelade». «Plötzlich traf es mich wie ein Blitz», meint die bildende Künstlerin. «Ich könnte das selbst kaufen, sanieren und einen Ort für zeitgenössische Kunst schaffen.»
Der lange Weg zur Etablierung im Kunstbetrieb
«Das habe ich immer schon gedacht», entgegnete ihr Mann Christoph Ullmann, erfahren in der Sanierung von Altbauten. Die Kunst hatte Villiger seit ihrem Zuzug aus Zürich in die Unterseegemeinde gefehlt. Von Anbeginn war ihr klar, dass sie mit dem künstlerischen Konzept gesellschaftlich relevante Fragen aufgreifen wollte. Und der Charakter des ehemaligen Weltladens als Begegnungsort sollte erhalten bleiben. Innert weniger Wochen konnte sie die Finanzierung mit einer privaten Hypothek klären. Das Projekt musste tragbar sein, ohne Ertrag. «Ich habe daran geglaubt, dass es aufgeht», sagt sie.
Rund zwei Jahre später, 2016, eröffnete das Haus und zeitgleich auch die «Wirtschaft zur Glocke». Fünf Jahre später, 2021, konnte sie den Verein gründen und sich damit als Person entlasten. Seit 2023 besteht eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton und eine Co-Leitung mit Andreas Schwarz.
Auch die Jubiläumsausstellung «Aus dem Vollen schöpfen» wirkt weniger als Rückblick denn als ein Schritt, an dem die Entwicklung weiter fliesst. Bereits früher eingeladene Künstler:nnen stellen aus und zeigen, wie viele Fäden hier inzwischen zusammenlaufen: Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Sarah Hugentobler, Claudia Schmid und Werner Widmer. Das Haus wird dabei als ein künstlerischer «Speicher» verstanden, der nach Weiterentwicklung, Materialfülle und neuen Experimenten im Werk der Beteiligten fragt.
So darf man gespannt sein, was sich allenfalls entwickelt hat aus den einst gezeigten Arbeiten: Das Künstlerduo Gerber & Bardill thematisierte den Export von Steckborner Kachelöfen in den Kanton Graubünden mit einer Installation aus Videos, welche die erzählerischen Fragmente von Ofenkacheln weiterspinnen. Sarah Hugentobler gewährte Einblick in ihr Forschungslabor, in dem sie ihre Videofiguren mit Archivmaterial sprechen liess. «Aufspürer des Schattens» nannte Claudia Schmid ihre gläserne Installation in der Auftaktausstellung. Werner Widmers begehbarer Fototeppich zeigte unterschiedliche Ansichten menschlicher Haut.
Kooperationen geschaffen
Doch von Höhepunkten der vergangenen zehn Jahre will die künstlerische Leiterin nicht sprechen. Vielmehr liegt ihr die konzeptionelle Entwicklung als ein Prozess am Herzen. Als Künstlerin gab sie selbst ihr erstes Thema «Transfer» bei der Kulturstiftung ein und reagierte auf die Resonanz. Es folgten Kooperationen mit anderen Museen, zum Beispiel über den See und über die Landesgrenze hinweg mit Ute Hübner, damals Leiterin des Hesse-Museums Gaienhofen.
Aus einer Performance auf dem See habe sich das internationale Projekt «hänne und dänne» entwickelt, bei dem ab dem ersten Mai Orte am Untersee als Kunstraum bespielt werden. Auch lokale Zusammenarbeiten mit dem hiesigen Phönix Theater beim Performance Festival 2023 haben experimentelle Kunstpositionen ausgelotet.
Und mit dem Strohmuseum Wohlen fand eine Doppelausstellung statt, welche Gegenwartskunst in einen Dialog mit dem Handwerk des Spitzenklöppelns brachte, das in Steckborn eine lange Tradition hat.
Video: arttv.ch über die Ausstellung «Können wir verzeihen?» (2025)
Kuratieren als ein Prozess
Sukzessive habe sich ein roter Faden des Kuratierens entwickelt, meint Villiger. Das «Haus zur Glocke» habe weniger über einzelne Ereignisse, sondern vielmehr über Zusammenhänge funktioniert. Die Jahresprogramme der vergangenen Dekade bilden thematische Felder, jeweils vier Gruppenausstellungen greifen dabei inhaltlich ineinander.
Fragen nach Koexistenz, Gemeinsinn und Ressourcen verdichteten sich in «Über die Verhältnisse». Fotografische und videobasierte Arbeiten, keramische Objekte sowie Texte transportierten künstlerische Positionen. Keine Arbeit steht für sich, sondern scheint Teil eines grösseren Dialogs zu sein, der auch das Publikum miteinbezieht.
Wichtige Fragen wurden hier früh aufgeworfen
Kontinuität bedeutet hier nicht das Festhalten an einem bestimmten Stil, sondern das dauernde Fragen und dessen künstlerische Umsetzung. Sehr früh hatte man aktuell brennende Themen diskutiert. «Fragen zu künstlicher und künstlerischer Intelligenz wurden in der gleichnamigen Ausstellung 2018 schon aufgeworfen, lange bevor Sotheby’s 2024 das erste von einem KI-Roboter geschaffene Kunstwerk versteigerte», erzählt Villiger.
Eingebettet ins Rahmenprogramm jeder Ausstellung sind neben Führungen die Klangereignisse, eine experimentelle Musikreihe, die inzwischen im dritten Jahr stattfindet. Und es gibt anschliessend Suppe für alle, von den Künstler:innen gekocht.
Video: arttv.ch über die Ausstellung «Wahrnehmung und Irritation» (2024)
Mehr Diversität durch das Dreier-Team
Seit 2023 hat Villiger (59) auch Verstärkung durch die Co-Leitung mit dem Kunsthistoriker Andreas Schwarz (42). Ideen entstünden ausgehend von gesellschaftlichen Fragestellungen oder formten sich umgekehrt aus Werken von Künstler:innen, erklären beide den prozessualen Charakter. Dabei soll nicht nur Bestehendes gezeigt, sondern auch Neues entwickelt werden, auch in Auseinandersetzung mit dem Ort selbst.
Während die Künstlerin gern Konzept mit Praxis verbindet, bringt Schwarz einen technischen Hintergrund mit und nähert sich oft theoretisch an. Beide ergänzen sich also. Kuratieren versteht er als unabgeschlossenen Prozess, der die Entstehung der Kunst wie auch deren Rezeption mitberücksichtigt. Vielleicht ist das ein entscheidendes Merkmal? Die «Glocke» ist nie fertig.
Neu im Team wird bald auch Lisa-Maria Kleiner als Praktikantin sein, die derzeit ihren Master im Fach Literatur-Kunst-Medienwissenschaft an der Universität Konstanz absolviert. Dies sei ein wichtiger Schritt hin zur Generationendiversität und einer angestrebten Verjüngung des Publikums, so Villiger. «Auch mit der Kulturvermittlung an Schulen wollen wir weiterhin neue Besuchergruppen gewinnen.»
Warum Kunst in der Provinz auch eine Chance ist
Der Kunstraum sei in der Gemeinde akzeptiert, so Villiger. Aber ein Selbstläufer sei er bei weitem nicht. Möglicherweise ist das der Grund, weshalb er so viel Resonanz erfährt. Es braucht Menschen zum Betrieb. Denn die ortsansässigen Vorstandsmitglieder des Vereins wirken auch als Multiplikatoren des Projekts in den öffentlichen Raum; sei es die Information über neue Ausstellungen, das Anwerben von ehrenamtlichen Helfer:innen oder Sachspenden.
Knapp 100 Personen sind inzwischen «Freunde der Glocke». «Sie bilden einen zentralen Baustein bei der Einbindung des Hauses zur Glocke in die umliegende Bevölkerung», meint die künstlerische Leiterin. Für viele ist der Ort zu einem Treffpunkt geworden. Die Gemeinschaft der Kunstinteressierten sei gesellschaftlich durchmischter, als es in einer Metropole wie Zürich der Fall wäre. Sie sieht es als Chance der ländlichen Struktur.
Video: arttv.ch über die Ausstellung «Die Dinge des Alltags und die Kunst» (2020)
Unterstützung von der Gemeinde und der Kulturstiftung
Auch die Stadt Steckborn habe sie dankenswerterweise immer unterstützt, meint Villiger rückblickend. «Das Haus zur Glocke ist ein kultureller Leuchtturm für Steckborn und wird oft in einem Zug mit dem weitum bekannten Phönix Theater genannt», so der Stadtpräsident Moritz Eggenberger auf Nachfrage. Den engen Austausch, finanzielle Unterstützung und helfende Hand für neue Projekte sagt er weiterhin zu. Die Entwicklung zum Kulturzentrum sei bereits vor zwei Jahrzehnten im Leitbild der Stadt verankert worden.
Auch Stefan Wagner, Geschäftsführer der Kulturstiftung Thurgau, unterstreicht die kulturelle Bedeutung des Hauses für die Stadt. «Es zählt zur Strategie der Kulturstiftung, an einem Ort wie Steckborn einen Raum für bildende Kunst entstehen zu lassen.» Auch die Förderung der experimentellen Musikreihe «Klangerlebnisse» ist ein Anliegen der Kulturstiftung.
Von Beginn an habe man Villiger bei der Verbreitung ihres Angebots unterstützt und sie bestärkt, auch Kulturvermittlung und eine kuratorische Assistenz zu etablieren, um eine Stabilität des selbstorganisierten Projekts zu erreichen. «Sonst droht irgendwann die Selbstausbeutung», so Wagner. Auch dank ihres regelmässigen Programms werde der Ort inzwischen regional, kantonal und national als Ausstellungsort wahrgenommen.
Raum des Miteinanders
Was bedeutet es also, einen Ort für zeitgenössische Kunst in der Provinz zu betreiben? Nicht Grösse scheint entscheidend, sondern der persönliche Einsatz von Menschen, die nicht nur Kunst zeigen, sondern dazu in Beziehung treten.
Auch der Ort selbst spielt dabei vermutlich eine wichtige Rolle. Denn das denkmalgeschützte Haus aus dem 17. Jahrhundert ist eben kein «White Cube», den man beliebig bespielen kann. Beim Betreten merkt man schnell, dass seine Geschichte, seine schrägen Böden, engen Treppen und verwinkelten Räume eine Auseinandersetzung verlangen. Vielleicht sind es diese Begrenzungen, die Kunstschaffende und das Publikum nach einer Performance wie selbstverständlich in einen Dialog treten lassen?
Hat sich der Aufwand gelohnt? Die Gründerin hat keine Zweifel
Alle rücken in der Wirtschaft zur Glocke am langen Tisch zusammen, die Künstler:innen haben Suppe gekocht – das gehört zum vielfältigen Programm, das die künstlerische Leiterin über die Jahre entwickelt hat.
«Ich würde das wieder tun, es lohnt sich», meint die gebürtige Luzernerin Villiger im Rückblick auf ihr Kunstprojekt «Glocke». Das, was die beiden Architekt:innen Miriam Weyell und Florian Berner mit ihrer symbolischen wie luftigen Brücke aus Schnüren verbanden, war dabei nicht selten Leitbild.
Zur Eröffnung schrieben sie vor zehn Jahren: «Das Luftraumprojekt verstehen wir als gezeichneten Raum: ein Gefüge aus parallel angeordneten Schnüren, die von einem Fenster des Kunsthauses zu drei Fenstern des Wohnhauses gespannt sind. Dabei fächert sich jeweils eine Seite eines Fensters zu zwei Seiten eines gegenüberliegenden Fensters auf. Aus der linearen Reihung der Schnüre entstehen so raumbildende Ecken – eine Art immaterielle Brücke.»
Video: arttv.ch über den Kulturpreis 2018 an Judit Villiger
Was die Zukunft bringt
Das Brückenbauen ist Judith Villiger und ihrem Team in den vergangenen Jahren gelungen. So soll es auch in Zukunft weitergehen.
Seit Sommer 2025 ist Judith Villiger auch wieder künstlerisch tätig. Nicht nur der Ort hat sie über die Jahre stark beschäftigt, auch ihre Promotion in Kunstpädagogik, die im letzten Jahr zum Abschluss gekommen ist. Bis heute pendelt sie zwischen Steckborn und Zürich, wo sie auch als Dozentin der Zürcher Hochschule der Künste tätig ist.
Eine Publikation zum Jubiläum
Zum zehnjährigen Jubiläum gibt es eine Publikation im schön gebundenen Leinenschuber mit Einzelbroschüren der Ausstellungen in den vergangenen fünf Jahren sowie einer Festschrift. Bereits zum Fünfjährigen wurde eine solche Publikation aufgelegt. Die Einzelbroschüren sind jeweils gleich aufgebaut: Neben einem einführenden Text, der einen Blick von aussen auf die Projekte zeigt, gibt es einen kuratierten Text über die Kunstwerke. Auch BesucherInnen haben so die Möglichkeit, etwas über die Kunst zu sagen – so der Ansatz. Im Anschluss dokumentieren Fotos die künstlerischen Arbeiten. Herausgeber ist der Saatgut Verlag Frauenfeld.
10 Jahre Haus zur Glocke. Festschrift mit fotografischen Einblicken sowie Beiträgen von Ute Hübner, Andreas Schwarz und Judit Villiger
ca. 252 Seiten
ca. 120 Abbildungen
15,3 x 21,5 cm
20 Broschüren im Schuber
ISBN 978-3-9526427-1-9
Buchvernissage:
Sonntag, 12. April 2026, 15 Uhr
Haus zur Glocke, Steckborn
Gespräch mit Miriam Waldvogel (Leitung Saatgut Verlag) und Valeria Bonin (Grafikerin Bonbon), Ute Hübner (Kunstvermittlerin) und dem Team der Glocke (Andreas Schwarz und Judit Villiger)

Von Manuela Ziegler
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