von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 26.03.2018
Nicht ohne mein Smartphone?

Eine Schule führt eine Handypflicht ein, ein Rockstar ein Handyverbot: Zwei Meldungen, die zeigen, dass das Smartphone unsere Welt ganz schön auf den Kopf gestellt hat. Die Frage ist: Kann es so etwas wie einen vernünftigen Umgang mit der Technik geben?
Zwei Dinge hielt ich bislang für gewiss. Erstens: Handys haben im Schulunterricht nichts verloren. Zweitens: Rockstars lieben Smartphones. Nun, die Kantonsschule Romanshorn und Jack White haben mich in den vergangenen Wochen eines Besseren belehrt. Klingt komisch, ist aber so.
Mitte März überraschte die Kantonsschule Romanshorn mit folgender Meldung: «Ab August müssen alle Erstklässler ein sogenanntes 2-in-1 Hybridgerät besitzen», erklärte der Rektor, Stefan Schneider, gegenüber der Thurgauer Zeitung. Das heisst, das Tablet wird zur Pflicht in der Schule. Bezahlen müssen das die Schülerinnen und Schüler selbst. Handy seien eben heutzutage auch Lerngeräte, argumentiert die Schule ihre neue Digitalpolitik. Wann und wie die Geräte benutzt werden, sollen die jeweiligen Lehrer bestimmen.
Käme diese Nachricht je bei Jack White, Gründer der famosen Rockband «The White Stripes», an, sie könnte für einen veritablen Tobsuchtsanfall sorgen. Der Mann hat nämlich ein grosses Problem mit Handys. Weil sie ihn bei Konzerten so nerven, hat er für die anstehende Tournee ein Handyverbot erlassen. Die Besucher müssen ihr Handy zwar nicht abgeben. Aber sie müssen es doch in einen speziellen Beutel stecken, den man während des Konzertes nicht öffnen kann. Der Grund für all das? «Seit alle nur noch ihre Handy hochhalten, ist es wahnsinnig frustrierend, Konzerte zu geben. Ich habe keine Setlist und warte darauf, dass mir das Publikum vermittelt, was ich als Nächstes tun soll. Aber die Leute sind so mit dem Handy beschäftigt, dass zwischen ihnen und mir keine Verbindung entsteht. Es gab viele Shows, bei denen ich mich, als ich von der Bühne kam, gefragt habe, ob das alles Zeitverschwendung war.» Das hat Jack White jetzt dem «Süddeutsche Zeitung Magazin» in einem auch sonst sehr lesenswerten Interview verraten.
Die Technik macht das Leben bequemer - und einen selbst auch
Tatsächlich stellte sich ja längst die Frage, da uns die Technik schon so dominiert - wie damit umgehen? Ich zum Beispiel mag mein Smartphone. Wirklich. Es hat mein Leben in vielen Bereichen bequemer gemacht: Wenn ich mich in einer fremden Stadt verlaufen habe, sagt es mir, wo ich bin. Ich kann immer meine Lieblingsmusik bei mir tragen, einkaufen geht so leicht wie nie und wenn ich mit Freunden in Kontakt treten will, sind sie immer nur einen Klick entfernt.
Zur Wahrheit gehört aber auch: mein Smartphone hat mich bequemer gemacht. Wenn ich mich in einer fremden Stadt verlaufen habe, frage ich nicht mehr Menschen auf der Strasse nach dem Weg, sondern glotze in mein Handy. Wenn Du Deine Lieblingsmusik immer bei Dir hast, vergisst du den Zauber, den sie am Anfang ausgelöst hat, einkaufen ist viel zu leicht für meinen Kontostand und manchmal fände ich es auch ganz schön, nicht immer in einem Klick erreichbar zu sein.
Das wohl verrückteste an dem Gerät ist: Es ermöglicht mindestens so viel Kommunikation wie es gleichzeitig wieder verunmöglicht: Ich bin zwar dank sozialer Medien in engerem Kontakt zu Menschen, die ich in den Prä-Facebook-Zeiten verloren glaubte, aber wenn man dann doch mal gemeinsam an einem Tisch sitzt und alle fingern im Minutenabstand an ihrem digitalen Avatar herum, hat das auch nichts mehr mit direkter Kommunikation zu tun.
Wie ein Selbsttest das eigene Abhängigkeitsverhältnis entlarvt
Wer sich nun fragt, wie abhängig er oder sie selbst vom eigenen Smartphone ist, dem sei ein aufschlussreicher Selbsttest der psychiatrischen Abteilung der Universität Connecticut empfohlen. Der Test besteht aus 15 Ja-Nein-Fragen. Zum Beispiel diesen hier: «Vergessen Sie manchmal die Zeit, wenn Sie Ihr Smarthone benutzen?», «Texten, twittern oder mailen Sie mehr mit Freunden als tatsächlich mit Ihnen zu sprechen?» Oder: «Haben Sie das Bedürfnis sofort ihr Smartphone zu checken, wenn es piept, brummt oder leuchtet?» Aber Vorsicht! Wer sein digitales Endgerät weiterhin unbeschwert nutzen will, sollte den Test vielleicht lieber nicht machen. Denn das Ergebnis dürfte für die allermeisten Menschen verstörend sein. Andererseits: Selbsterkenntnis soll ja der erste Weg zur Besserung sein. Davon sind Sie jetzt nur noch einen Klick entfernt. Trauen Sie sich?

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