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Der Beobachter

Der Beobachter
Roland Iselin. Selbstporträt | © Roland Iselin

Roland Iselin porträtierte die Zürcher Technoszene, hatte ein Faible für Landschaften und er ging politischen Konflikten fotografisch auf den Grund. Vor wenigen Tagen ist der im Thurgau aufgewachsene Fotograf nach langjähriger Krankheit verstorben. Ein Nachruf. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Wir trafen uns nicht oft, aber wenn wir uns in den vergangenen Jahren sahen, dann begegnete ich mit Roland Iselin einem stets freundlichen, aber auch sehr zurückhaltenden Menschen. Er wusste, was er konnte, hat es aber nie laut herausposaunt. Vielleicht lag das auch an seiner Herkunft. Schliesslich war ihm eine künstlerische Karriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt.

«Da, wo ich herkomme, hat man nicht studiert, da machte man eine Lehre und arbeitete», erzählte mir Iselin bei einem unserer Treffen. So etwas wie Kunst spielte in seiner Familie keine Rolle. «Ich habe das alles erst später kennengelernt und für mich entdeckt», sagte er damals. Da, wo er herkam, das war Sulgen. Dort startete er zunächst in ein gänzlich unkünstlerisches Leben. Im August 1974 mit einer Ausbildung zum „uniformierten Postbeamten“.

 

Roland Iselin, Jackie60@Mother‘s, New York, 1998 Aus der Werkgruppe „Human Resources" Bild: Roland Iselin-Archiv / Fotostiftung Schweiz

Was ihn als Fotografen besonders interessierte

Dass er danach noch einer der interessantesten Fotografen der Schweiz wurde, konnte man immer wieder auch im Thurgau beobachten. Zum Beispiel 2019 in seiner Kreuzlinger Ausstellung «Revisited - Twentysix Gasoline Stations & Troubled Land». Seine Aufnahmen aus Nordirland und den USA zeigten sehr eindrücklich, welch genaues Auge er für Bildkompositionen hat und wie geschickt er es versteht, die Fotos in Geschichten zu verwandeln, die sich im Kopf des Betrachters auserzählen. Auch eine seiner letzten Arbeiten entstand im Thurgau.  «Verurtheilt zur Strafe des Schwerts. Todesurteile und Hinrichtungen im Kanton Thurgau 1803–1874» lautet der Titel des Buches der Germanistin Romy Günthart. Roland Iselin steuerte die Fotos bei. Das Buch erschien vor zwei Jahren in der Reihe «Thurgauer Beiträge zur Geschichte» als Band 162. 

Für dieses Buch hat Iselin gemeinsam mit der Autorin die Tatorte, den Weg zum Schafott und die Richtstätte aufgesucht und dort Bilder gemacht. Die Murg, Rebberge, ein Wald, ein Riegelhaus oder Streuobstwiesen zeigen eine thurgauische Idylle. «Man schaut das Bild an und findet es schön», meinte der Fotograf damals gegenüber thurgaukultur.ch. «Und dann liest man, was dort Grausames passiert ist. Dieses Zusammenspiel zwischen Text und Bild hat mich interessiert.» 

So unterschiedlich die verschiedenen Serien sind, die Roland Iselin (1958–2026) in den vergangenen Jahren aufgenommen hat, so vereinten sie doch ein Grundinteresse, das den Fotografen schon lange antrieb: «Mich interessieren Strukturen und wie sich Gesellschaften oder Gemeinschaften organisieren», sagte Iselin manchmal. Ein Faible, das er offenbar aus einem früheren Job behalten hatte. Noch bevor er an der Zürcher Hochschule der Künste Fotografie studierte, belegte er das Fach Soziokulturelle Animation am Institut für angewandte Psychologie und arbeitete später in benachteiligten Quartieren. Dort beschäftigte er sich mit Jugendlichen und leistete kulturelle Sozialarbeit.

 

Roland Iselin: The Naked Portrait. Das Werk war unter anderem in der Ausstellung "Konstellation 10  - Nackte Tatsachen" im Kunstmuseum Thurgau zu sehen

Menschen finden sich in seinem Spätwerk kaum noch

Als Fotograf war er allerdings auch zu der Zeit schon unterwegs: Anfang der 1990er-Jahre fotografierte Iselin immer wieder die Zürcher Technoszene, die sich jeden Samstag im Kaufleuten traf. Als er 1999 nach New York ging, um seinen Master of Fine Arts an der School of Visual Arts zu machen, war der Sozialarbeitsjob Geschichte, aber das soziokulturelle Interesse blieb dem Fotografen.

Sein Werk ist geprägt von unterschiedlichen Stilen. Zu Beginn dominierten dokumentarische Porträts, später wurde inszenierte Landschaftsfotografie wichtiger. In jüngeren Arbeiten wie der Nordirland-Serie «Troubled Land» neigt er wieder mehr zum dokumentarischen Stil. Menschen finden sich kaum noch in den Aufnahmen oder, wenn dann, nur als Randfiguren.

Fotos als Ausschnitte von Realität

Die Landschaften stehen im Vordergrund. «Sie lassen letztlich aber auch einen Schluss zu über die Menschen, die in diesen Landschaften leben», befand Roland Iselin. Freilich gilt für seine Porträts wie für seine Landschaftsaufnahmen etwas, das Oliver Kielmayer in einem Aufsatz über Iselins Werk an den amerikanischen Fotografen Larry Fink denken liess: «Dessen fotografische Darstellung spezifischer Formen menschlicher Gesellungen vermittelte gleichfalls ein Menschenbild, in dem sich die Brüchigkeit der eigenen Existenz reflektierte.» Das lässt sich auch für Iselins Arbeiten sagen.

Abstrakte Fotografien waren nicht sein Ding. Es ging ihm schon darum, Geschichten zu erzählen. Seine Fotos verstand er stets als Ausschnitte von Realität: «Meine Auswahl des Motivs, meine Auswahl der Perspektive und meines Standpunktes führen dazu, dass ich mit Bildern aus der Realität eine eigene Geschichte erzählen kann. Das sind oft sehr persönliche Sichten auf die abgebildeten Themen», erklärte Iselin.

 

Eindrucksvoll: Die Fotos von Roland Iselin offenbaren den noch immer schwelenden Konflikt in der nordirischen Gesellschaft. «Paramilitaries», Ballymacarett, Belfast, 2019 Bild: Roland Iselin

Sensibilität für die Möglichkeiten des Mediums

Wichtig war ihm dabei aber, dass er niemandem seine Sichtweise aufdrängt. Wohl auch deshalb hielt er sich bildästhetisch oft zurück: Die Bildausschnitte sind meistens weit gewählt, Menschen sind selten zu sehen. Und wenn, dann nur in einiger Entfernung. «Der Film», sagt Roland Iselin, «muss immer im Kopf des Betrachters ablaufen.»

Vor wenigen Tagen nun ist Roland Iselin nach langjähriger Krankheit verstorben, wie die Fotostiftung Schweiz in einer Medienmitteilung am 11. Mai erklärte. «Mit einer sich stets weiterentwickelnden Bildsprache und grosser Sensibilität für die Möglichkeiten des fotografischen Mediums setzte er sich mit Eigenheiten des menschlichen Daseins auseinander», schreibt die Fotostiftung.

Zeitgleich mit der Corona-Epidemie hatte Iselin die Diagnose seiner Krebserkrankung erhalten. Durch sein Werk bleibt er unvergessen in der Schweizer Fotografiegeschichte. Die Fotostiftung Schweiz wird das fotografische Archiv, das zum Grossteil bereits übergeben wurde, pflegen und dafür sorgen, dass es sichtbar bleibt.

Im Herbst 2027 planen Kunstmuseum Thurgau und Fotostiftung eine gemeinsame Ausstellung

Für Herbst 2027 plant das Kunstmuseum Thurgau, das ebenfalls Werkgruppen von Iselin in der Sammlung bewahrt und seine Arbeit verfolgt hat, zusammen mit der Fotostiftung Schweiz eine retrospektive Ausstellung in der Kartause Ittingen.

Begleitend soll eine Publikation erscheinen, die das vielseitige Schaffen von Roland Iselin würdigt. In der Medienmitteilung bedauern beide Institutionen sehr, dass Roland Iselin am 4. Mai gestorben ist. Kurz vor seinem Tod habe er über sein Werk und sein Leben noch gesagt: «Ich habe immer mit der Freude der Menschen gearbeitet».

 

«Winslow Funeral Home», Winslow, Arizona, 2017 Bild: Roland Iselin

 

 

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