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von Brigitta Hochuli, 13.01.2014

Kultursport

Kultursport
Muskelmann mit Rauschmittel. | © Nicole2/pixelio.de

Brigitta Hochuli

Ich mach mal einen Versuch. TZ-Leuchtspur-Kolumnist Daniel Badraun schlägt nämlich vor, Kulturgelder wie im Sport nach Kategorien zu vergeben. Also für Documenta oder Biennale 10‘000 Franken, für systemtragende Mitarbeit an einem GROSSEN Theater 8000 Franken und für 5000 verkaufte Bücher 6000 Franken Fördergeld (mutmasslich aus dem Lotteriefonds). Das entspräche dann in etwa einer Weltmeisterschaft, einem Europacup und einem Grümpelturnier.


Mein Versuch besteht in der Frage an Sie, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie die Idee gut finden. Wenn ja, suchen Sie weitere Kultursport-Kategorien und denken Sie dabei an die Ausnahmeregelungen, geltend von der Baby-Lesestunde bis hin zu Black- oder White-Boxes in Form von Erweiterungsbauten. Muskelkater bekommen Sie bestimmt nicht davon, höchstens einen Kater.


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TZ-Leuchtspur vom 13. Januar 2014 (Daniel Badraun)

TZ-Leuchtspur vom 27. Januar 2014 (Alex Bänninger)

SAITEN: “Medaillen für Kulturstars?” (Peter Surber)

Thurgauer Kulturamtchefin Martha Monstein und Kulturstiftungspräsidentin Claudia Rüegg: “Kulturförderung: Türen sind offen!“

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11 Kommentare

Hans Jörg Höhener | 13.01.2014, 22.00 Uhr
Lieber Daniel Badraun
Es wird ja viel Unnötiges und Unsinniges über Kultur geschrieben, noch mehr über Kunst. Aber soviel Ignoranz auf so wenigen Zeilen wie in der “Leuchtspur” habe ich noch selten gelesen. Für mich ist das ein Blindgänger und keine Leuchtspur. Warum? Investitionen in Kultur und Kunst sind primär keine Ausgaben für bereits Anerkanntes, hier geht es um den Einsatz von Risikokapital. Das trägt nicht immer Früchte, ermöglicht aber immerhin, den Humus für das Wachstum ausserordentlicher Leistungen zu schaffen. Dabei ist es schon erfreulich, keine Weltmeister, Europameister zu züchten sondern sonderbares Thurgauer Gewächs wuchern zu lassen. Documenta in Kassel, Biennale in Venedig, Regie an einem grossen Theater (gross oder gut?), Buch in einem grösseren Verlag,… ja da können wir unter den ganz wenigen Kulturschaffenden mit Thurgauer Bezug, die es in diese Champions League schaffen, das Geld verteilen. Schreibt dann Peter Stamm ein weiteres überragendes Buch, inszeniert Jossie Wieler in Stuttgart brillant oder startet Muda Mathis noch ganz durch? Und das war es dann?
Gute Nacht und herzlicher Gruss von Hans Jörg Höhener, Präsident Kulturkommission des Kantons Thurgau


Daniel Badraun | 13.01.2014, 22.41 Uhr
Lieber Herr Höhner
Es erstaunt mich doch sehr, dass ich Sie sich als Präsident der Kulturkommission des Kantons Thurgau durch eine Kolumne in Form eines ‘Blindgängers’ so stark provozieren lassen. Schade, dass Sie (um bei der Sport-Terminologie zu bleiben) direkt auf den Mann spielen, statt sich die Frage zu stellen, warum Sie ein kleines Gedankenspiel so wütend macht. Sind es die bisher geltenden Kriterien, die (weil sie möglicherweise auf etwas wackligen Beinen stehen) mit aller Vehemenz verteidigt werden müssen? Oder ist es die Angst davor, Erfolg zu honorieren? Unsere Thurgauer Bevölkerung hätte sicher keine Mühe damit. Kulturschaffende dürfen durchaus Erfolg haben (und wollen das auch), wer behauptet, sie oder er betreibe die Kunst um der Kunst willen, ist eine Heuchlerin oder ein Heuchler. Unverständnis und fehlender Erfolg mit der mangelnden Bildung des Publikums zu erklären, ist wohl schlicht arrogant. Daher werde ich mir erlauben, auch weiterhin den einen oder anderen ‘Blindgänger’ abzufeuern.
Mit freundlichen Grüssen
Daniel Badraun


Jürg Hochuli | 16.01.2014, 21.29 Uhr
… dann gibt es zum Beispiel jeweils zu Auffahrt kleine Konzerte in einem Barockkirchlein unterhalb von Scherzingen am Bodensee, aber die kennt man weder in Diessenhofen noch in Frauenfeld noch in Arbon. Vielleicht, wer weiss, in Konstanz oder so… Nun ja, was kann man machen. Zum Trost: Das Bistro im Laviner Bahnhof kennt man ja in St. Moritz auch nicht.


Jürg Hochuli | 16.01.2014, 21.52 Uhr
http://www.staziun-lavin.ch/aktuell
Allerdings weiss in Konstanz wohl fast niemand, dass D. Badraun in seinem neuen Buch u.a. auch über das Bistro im Bahnhof Lavin schreibt. Überhaupt, dieses verschattete Lavin mit seinem Kirchlein und dem dreiköpfigen Jesus in der Decke und dem Hotel Piz Linard mit dem wunderschönen Speisesaal. Unbedingt…


Alex Bänninger | 17.01.2014, 09.59 Uhr
Daniel Badraun will die Kulturförderung aufbrechen, Hans Jörg Höhener sie zementieren. Für mich ist Aufbruch immer besser als Verharrung. Wenn ich die “Leuchtspur” – die Sehende voraussetzt und keine Blinden – richtig verstanden habe, dann regt er an, den Erfolg in der Kulturförderung stärker zu gewichten. Dieses Prinzip ist richtig. Ueber die Umsetzung lässt sich diskutieren. Im Uebrigen sei daran erinnert, dass die Olympischen Spiele der Antike auch eine kulturelle Bedeutung besassen. Aus Sportmuffeligkeit jedenfalls kann Daniel Badraun nicht mit einer Roten Karte vom Spielfeld geschickt werden.


Jean Grädel | 17.01.2014, 18.54 Uhr
Ich dachte, diese Leuchtspur kann ich ja nur vergessen, die Vorschläge nicht ernst nehmen. Es scheint Ihnen, Daniel Badraun, aber ernst zu sein. Jetzt muss ich mich – einen Tag vor der Premiere meiner Inszenierung an einem “grossen Theater”, für die ich nach Ihrem System wohl Fr. 8’000 vom Thurgau oder wem auch immer zugute hätte – doch zu Worte melden. Ich mache das aus der Sicht eines Theaterschaffenden, der 45 Jahre seines Lebens im professionellen Theater und als Kulturförderer gearbeitet hat.
Man kann und soll Kulturförderung immer wieder neu denken. Aber denken!
Ernsthaftes Theater zum Beispiel kann ohne Investition in Form von Subventionen oder sattes Sponsoring und Manna von Kulturstiftungen nicht entstehen. Theater ist eine personalintensive und daher teure Kunst. Und es ist Teamarbeit. Wem aus einem 100-köpfigen Musiktheaterensemble wollen Sie den Preis geben? Was soll der Regisseur ohne seine Darstellerinnen? ohne seine Musiker? Warum soll ER die Fr. 8’000 erhalten? Nach welchen Kriterien? Wollen Sie dem eindeutig zu den preiswürdigen Regisseuren gehörenden Leopold Huber jedes Jahr Fr. 8’000 übergeben oder ist es für den Thurgau und sein Theaterpublikum nicht besser, in sein ganzes Ensemble oder anders gesagt in seine Projekte gesamthaft zu investieren?
Sollen denn nur Theaterschaffende, die es an ein grosses Theater geschafft haben, mit der lächerlich kleinen Preissumme belohnt werden? Stipendien für Arrivierte? Stipendien für begabte Studierende und Nachwuchskünstler gewähren schon die Armin Ziegler Stiftung, der Migros-Genossenschafts-Bund, die Friedl-Wald-Stiftung usw. Wie oft in seinem Leben ist ein Theaterschaffender preiswürdig?
Sollen kleine, freie Theater ohne finanzielle Mittel kreieren? Wie denn? Muss nicht der Humus gedüngt werden, damit Neues wachsen kann? Auch im Thurgau?
Die Fragen für andere Kulturbereiche stellen sich ähnlich.
An die Adresse von Alex Bändiger: Du hast am 22. Juni 2007 unter anderem geschrieben:
man soll “darauf verzichten, die Kultur mit der Freizeit und dem Sport im gleichen Atemzug zu nennen. In den Begriffen und Zuordnungen zeigt sich die richtige oder falsche Einschätzung der Kultur: ob schöpferisch engagierte Menschen aus Einsicht in die Notwendigkeit der Kultur tatkräftig gefördert oder aus blossem Mitleid mit milden Gaben versehen werden: ob jemand, der einen kulturellen Beruf ausübt, einfachheitshalber gleichgesetzt wird mit einer Wochenendjoggerin oder einem Hobby-Angler. Nichts gegen Sport und Freizeit: Aber Kultur ist nicht nur ein eigenes, sondern ein einzigartiges und höchst sensibles Gebiet”
Gilt das nicht mehr?
Fragen über Fragen. Sie sind ernst gemeint. Ich bitte darum, darüber nachzudenken.
A propos “Leuchtspur”: endlich regt mal eine eine Diskussion an.


Alex Bänninger | 18.01.2014, 12.17 Uhr
Der von Jean Grädel monierte Widerspruch ist keiner. Ich finde es weiterhin falsch, dass Stadt- und Gemeinderäte die Kultur einem “Kultur, Freizeit und Sport” genannten Ressort zuordnen und in diesem Gemischtwarenladen das professionelle Kulturschaffen mit der freizeitlichen, also auch sportlichen Beschäftigung von Amateuren gleichsetzen. Darum ging es damals.
Hingegen erachte ich es als richtig, sich in den Diskussionen über die Kulturförderung zu fragen, ob nicht zu lernen wäre von der professionellen Sportförderung und der professionellen Wissenschaftsförderung. In diesen beiden Bereichen besitzen Berechenbarkeit, Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit einen hohen Stellenwert.


Hans Jörg Höhener | 19.01.2014, 18.10 Uhr
Lieber Alex, liebe Schreibende
Wohin die Sportförderung, die gemäss Alex berechenbar, ganzheitlich und nachhaltig sei, sehen wir ja alle: Doping, Debakel, Entlassung von Trainern, Katzenjammer ob nicht gewonnener Medaillen usf. (warten wir Sotschi ab). Kunstförderung ist nicht Sport- oder Wirtschaftsförderung (die geht auch immer wieder daneben und ist auch politisch sehr umstritten) sondern näher bei der Forschung in der Wissenschaft. Und das ist halt Risikokapital! Ja Alex, wirksamere Modelle der Förderung sind willkommen, die müssten aber analog zu den Werkbeiträgen des Kantons (und die werden übrigens mit Sorgfalt und Mut und in einem transparenten Verfahren vergeben) Investitionen in Potential sein und nicht Schulterklopfen bei den ganz wenigen Kulturschaffenden, die national oder international auf dem Kulturparkett den Durchbruch geschafft haben. Die haben in der Regel kein Geld mehr nötig.


Katharina Alder | 19.01.2014, 22.00 Uhr
Zuerst lässt sich bemerken, dass das Konzept der Provokation im gemütlich-gemächlichen Thurgau tadellos funktioniert und für künftige Anliegen wohl das Mittel der Wahl zu sein scheint.
Nun, auch ich störe mich gehörig an der politischen Aneinanderreihung von Freizeit, Kultur und Sport, einerseits weil bei genauerer Budgetbetrachtung der Gemeinden die Kultur im Vergleich zum Sport ganz kümmerlich abschneidet, andererseits, weil es den künstlerischen Bereich als eine Spiel- und Turnlandschaft für jedermann suggeriert, welche für die Qualität des hiesigen Kulturlebens sicher nicht förderlich ist. Schweisstreibender, mit letzter Kraft bis zum Limit bringender, das Innerste auskotzender Sport kann denn auch höchstens in sinnbildlichem Zusammenhang mit Kunst gestellt werden.
Nun denn, zu Herrn Badrauns Vorschlag: selbstverständlich ist er absurd. Doch anstatt empört die selten so kontroverse TZ ins Körbchen zu schmeissen, wäre es durchaus gewinnbringend, sich von verschiedenen Seiten dem Irrsinn zu nähern. Aus Herrn Badrauns Zeilen lese ich eine Sehnsucht, das Vermissen des Hochkarätigen, hier, bei uns. Die Folge davon ist die Forderung nach dem Begiessen der Grossen, der Guten, der Internationalen mit Geld und Gold. Selbstverständlich möchte auch ich ihnen alle Kostbarkeiten der Welt zugestehen, finde ihre Arbeit grossartig und wichtig, nur leider löst das Leistungsprinzip nicht das eigentliche Problem, nämlich, dass eben alle diese Grossen, Tollen den Thurgau verlassen haben. Was nützt es uns, wenn Jossi Wieler grandiose Opern in Stuttgart inszeniert und wir hier mit der Zeit bemerken, dass das porklamieren „das wäre imfall einer von uns“ auch nicht wirklich befriedigend ist. Immerhin ist das Medium von Peter Stamms Kunst ein wenig flexibler und kann dank Vervielfältigung auch unser Leben bereichern. Wäre es denn nicht das Ziel, dass eben jene guten Leute auch hin und wieder – nicht immer– hierher zurückkämen? Wäre es nicht Zeit, dass mit Kulturförderung auch gemeint ist, einen möglichst fruchtbaren und inspirierenden Boden für Kulturschaffende zu bieten? Vielleicht würde einem darob auch auffallen, dass wertvolle Kunst nicht partout nur von Thurgauern geschaffen werden kann, dass es sich auch lohnen würde, ganz unschweizerische Menschen hier zu begrüssen und zu schauen, was die so für spannende Dinge anstellen. Kunst definiert sich halt nicht (nur) durch einen Thurgaubezug. Die wenigen dynamischen und lebendigen Pole im Thurgau überzeugen denn auch mit Mut zu Neuem, sowohl inhaltlich als auch personell.


Daniel Badraun | 20.01.2014, 10.01 Uhr
Besten Dank für die engagierten Voten.
Natürlich kann die Kulturförderung nicht analog der Sportförderung durchgeführt werden. Ein Blick über den eigenen Tellerrand lohnt sich trotzdem. Prämien für erbrachte Leistungen und die Förderung von Produktionen und Projekten schliessen sich sicher nicht aus. Beim Sport sind Prämien als Anerkennung und Aufmunterung gedacht, sie können aber keinesfalls die Material- und Reisekosten der Athletinnen und Athleten decken. Vielmehr sind sie ein Zeichen dafür, dass der Kanton Thurgau ‘seine’ Leute schätzt und unterstützt. So etwas fehlt mir bei der Kultur. Die Förderung von interessanten Projekten ist eine Sache, die Anerkennung von erbrachten Leistungen eine andere. Mit einer Leistungsprämie könnte man auch den ‘Grossen’ und ‘Tollen’ (Katharina Alder) zeigen, wo sie hingehören und den ‘Halbgrossen’ signalisieren, dass der Kanton durchaus ein fruchtbares Pflaster für ihre Arbeit sein kann. Eine solche Anerkennung würde auch den Zugewanderten aus Tetovo, Porto, Spreitenbach oder Langnau im Emmital gut tun.


Brigitta Hochuli | 22.01.2014, 20.04 Uhr
A propos Biennale
Mit 50‘000 Franken hat der Thurgauer Regierungsrat den dokumentarischen Schweizer Kinofilm „Der Kreis“ unterstützt. Jetzt hat der Film am 10. Februar in Berlin Weltpremiere. Natürlich nicht an der Biennale, sondern an der ähnlich wichtigen BERLINALE! Er hat die gleichnamige Schweizer Schwulenorganisation zum Thema, die vom Kradolfer Karl Meier mitbegründet und geleitet wurde. (Artikel dazu um Magazin von thurgaukultur.ch)

 

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